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Kolumne „Uni live“ : Das Studium hat meine Leselust gekillt

  • -Aktualisiert am

Nachlassende Lust auf Buch: ist das Zwangslesen schuld oder die Video-Konkurrenz? Bild: picture alliance / NurPhoto

Früher hat unser Autor gerne gelesen, fast süchtig war er nach Büchern. Doch schon nach den ersten Semestern Zwangslesen verlor er seine alte Liebe. Wie konnte das passieren – ändert sich das wieder?

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          An das erste Buch, das ich nachts heimlich im Licht einer schwachen Taschenlampe unter der Bettdecke verschlungen habe, erinnere ich mich noch genau: Die Geschichte von Timm Thaler, 256 Seiten. Ich habe es immer noch. Jetzt reiht sich das Kinderbuch im Regal an „Grundlagen der deutschen Außenpolitik“ und einem dicken Schinken voll mit englischer Grammatik.

          Wer auch gerne liest, kennt das Gefühl, sich in einem Buch zu verlieren. Für ein paar Stunden alles um sich herum zu vergessen. Die Augen flitzen von Zeile zu Zeile, überspringen Wörter vor Spannung oder bleiben an besonders schönen Sätzen kleben. Dann dieser rauschhafte Moment nach der allerletzten Seite. Lesen kann süchtig machen.

          Mehr als zehn Jahre später muss ich ernüchtert feststellen: Ich habe die Faszination für Bücher verloren. Und das ist auch, was viele meiner Freunde berichten. In der Uni müssen sie den ganzen Tag lesen – und wenn sie zuhause sind, rühren sie kein Buch mehr an. Wie kann das sein?

          Das soll keine Anklage sein

          An den ersten Text, den ich für mein Studium lesen musste, erinnere ich mich nicht mehr. Irgendwas mit politischer Theorie. Habermas oder Münkler. Ich weiß aber noch genau, wie ungewohnt das war, einen akademischen Text zu lesen. Anstrengender. Und langweiliger. Hätte ich mir ja denken können. Jede Menge Sätze, die kein Ende finden. Sätze, die für mich erstmal keinen Sinn ergaben. Sätze, bei denen ich nachschlagen musste, um sie zu verstehen. Akademisches Lesen kann ziemlich mühsam sein.

          Nach der ersten Ernüchterung, dass diese neue Art sich mit Texten zu beschäftigen Arbeit ist und eher weniger Vergnügen, war die Vorfreude auf meinen ersten Literaturkurs riesig. Drei Bücher sollten wir uns bestellen, alles Romane. Ich weiß nicht mehr, was genau ich mir vorgestellt hatte: einen romantischen Buchclub vielleicht. So ein bisschen wie der Lesekreis meiner Oma – Bei Kaffee und Kuchen, den Bleistift gezückt, Gedanken und Gefühle zum Buch des Monats austauschen. Im Nachhinein muss ich selber ein bisschen über mich lachen.

          Die Realität: In der Uni wird jeder Satz in jedem Werk zehn Mal umgedreht und nach neuen Bedeutungen und möglichen Interpretationen abgesucht. Von uns wird gefordert, jeden Zentimeter Text zu analysieren: die Formulierungen, den Satzbau, die Struktur, die Sprache, mögliche versteckte Implikationen. Nur, um später lange Essays darüber schreiben zu können. Das funktioniert ja leider nur so, dieses mühsame analytische Gegenlesen ist unverzichtbar. Und so sitze ich dann oft zuhause und tausche Roman gegen Netflix. Das Rauschen der letzten Buchseite gegen die Endlosigkeit von TikTok.

          Rund 100 Seiten Literatur sollen wir jede Woche für Vorlesungen und Seminare vorbereiten und lesen – pro Kurs. Manchmal sind es weniger, sehr oft viel mehr. Dazu kommen Zeitschriften und Fachbücher mit hunderten von Seiten, die in der Literaturliste unserer Dozenten stehen. Ich habe mich tatsächlich mal getraut, meinen Politik-Professor zu fragen, was davon für die Klausur relevant ist. Gegrunzt hat er. Und dann hat er gesagt: „Alles was in der Liste steht und alles, was wir besprechen.“ Erst später habe ich verstanden, dass niemand alles liest, niemand das alles lesen kann. Lesen ist das Erste, bei dem Studis Zeit einsparen, den Großteil überspringen sie einfach.

          Schon ironisch: Eigentlich habe ich mich für mein Fach entschieden, um meine Liebe zur Literatur auszubauen. Mein Studium hat dazu geführt, dass ich lesefaul geworden bin und Bücher nur noch im Urlaub anfasse und selbst da manchmal nur ungern. Wirklich schade. Das soll aber keine Anklage an den Uni-Alltag sein. Akademisches Lehren und Lernen funktioniert vielleicht nur so. Aber es ist wirklich erstaunlich, welchen Einfluss mein Studium auf das einstige Hobby ausübt. Ich hoffe sehr, dass sich das irgendwie bessert. Mit Blick auf meine Aufgaben in den nächsten Semestern bin ich aber nur wenig optimistisch.

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