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Kolumne „Uni live“ : Das Drama um die Untermiete

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Subventionierte Wohnheime sollen den Studierenden das Leben erleichtern. Zerstören Aufschläge bei der Untermiete dieses Prinzip? Darüber streiten sich in dieser wahren Geschichte Idealist und BWLer.

          3 Min.

          Der angespannte studentische Wohnungsmarkt produziert so manche Konfrontation. Grob gesagt, gibt es zwischen Studierenden drei Lager: Die Idealisten, die Pragmatiker und die Sachverständigen. Die Idealisten haben meist eine Bude, reflektieren die unhaltbaren Zustände und appellieren an die Moral. Wer teuer vermietet, sei ein Hai und wer eine überteuerte Wohnung mietet, lasse sich ausnutzen. Dem gegenüber stehen die Pragmatiker. Typischerweise sind das Studierende, die ein Zimmer brauchen und daher nehmen müssen, was sie bekommen. Die Mietpreise erdulden sie schweigsam, alles andere ergebe ja doch keinen Sinn. Die Sachverständigen hingegen erklären ihren Kommilitonen die Wirkweisen des Marktes. Wo das Angebot niedrig und die Nachfrage hoch ist, sei ein hoher Preis nur richtig und gut. Auch sie haben typischerweise eine Wohnung und können sich kaum vorstellen, dass es jemals anders sein könnte. Spannend wird es, wenn alle drei Typen aufeinander treffen und sich in einer gemeinsamen Sache verwickeln. Meine WG wurde davon Schauplatz.

          Ich wohne in einem Studentenwohnheim in Mannheim, die teuren Mieten ziehen an den 246 Bewohnern zum Glück vorüber. Für zwölf Quadratmeter plus Nasszelle auf dem Gang und Gemeinschaftsküche plus neun Mitbewohner zahlt man 250 Euro. Für ein WG-Zimmer auf dem freien Mark sind nach Zahlen von ImmobilienScout24 und wg-suche.de in Mannheim sonst durchschnittlich 400 Euro fällig. 250 Euro sind damit ein Schnäppchen. Das dachte sich auch ein Student „Typus Sachverständiger“ aus dem Wohnheim, als mein Mitbewohner Benedict für eine Freundin ein Zimmer zur Untermiete im Haus suchte. Der Sachverständige, der seinen Namen in diesem Kontext auf keinen Fall im Internet lesen möchte, ist ein Bierkumpane Benedicts, und weil er dual studiert und sich daher nicht immer in Mannheim aufhält, konnte er sein Zimmer Benedicts Freundin Merle zur Verfügung stellen, die für ein Praktikum nach Mannheim kam.

          Soweit die Hilfsbereitschaft, so gut. Hätte sich nicht herausgestellt, dass der Sachverständige Merle 280 statt 250 Euro Miete berechnet hat. Dieses Verhalten findet Benedict skandalös, er sucht das Gespräch. Merle ist so oder so froh, ein Zimmer unterhalb des Mietspiegels bekommen zu haben, und der findige Untervermieter mit Geschäftsinn versteht die Aufregung nicht. „In Anbetracht des angespannten Wohnungsmarktes finde ich eine kleinen Aufschlag angemessen“, sagt er. Etwas Falsches habe er nicht getan.

          Ende einer Freundschaft

          Das stimmt, zumindest aus rechtlicher Perspektive. Wer untervermietet, ist nicht an die eigentliche Miete gebunden. Mieter und Untermieter gehen einen neuen Vertrag ein, die neue Miete wird darin verhandelt. Ein Aufschlag kann überdies Sinn ergeben, etwa als Überlassungsbetrag für die Nutzung der Möbel. Das bestätigt auch Patrick Sullivan, Bereichsleiter für Wohnen des Studierendenwerks Mannheim. Als Pauschale für die Möbelnutzung in einem WG-Zimmer empfiehlt er nicht mehr als 25 Euro pro Monat. In diesem Fall geht es aber um ein vom Studierendenwerk möbliert angebotenes Zimmer. Ein Aufschlag also lässt sich durch die Möbelnutzung nicht rechtfertigen. Daher kann Sullivan nur an das Solidargefühl der Studierenden appellieren, ein Aufschlag sei zu unterlassen. „Wohnheime sind dafür da, Studierenden möglichst günstige Mieten anzubieten. Als Student sollte man sich auf sein Studium konzentrieren können, und sich nicht Gedanken über die Miete machen“, sagt er.

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          Merles Untervermieter scheint das alles bedacht zu haben. „Ich will keine armen Studenten abzocken“, erzählt er. Die dreißig Euro Aufschlag habe er durchkalkuliert, sein Zimmer biete „kleine Zusatzleistungen“, wie er sagt – namentlich diverse Kochutensilien, Kissen und einen Marmortisch, so steht es auch im Untermietvertrag. „Hätte ich einen HD-Fernseher oder eine Soundanlage, würde ich definitiv höhere Preise nehmen“, sagt er. Der BWL-Student sieht darin Geschäftssinn, viele seiner Freunde würden das ebenso machen.

          Als Merle von den Zusatzleistungen ihres gemieteten Zimmers hört, muss sie lachen. „Welche Küchenutensilien?“, fragt sie. Außer Müslischalen und Becher habe sie nichts gefunden, den Marmortisch empfinde sie als Last. Den Mietaufschlag möchte sie nicht befürworten, aber hoch er sei ja nicht. Eine Sache stört sie jedoch bei der Angelegenheit: „Wenn man schon mehr Geld nimmt, hätte man das Zimmer wenigstens sauber hinterlassen können. Es war wirklich dreckig“, sagt sie. Tagelang habe sie überall Haare gefunden und Pfandflaschen lagen auch verstreut. „Mit dem Pfandgeld sind wir aber quitt“, sagt sie und lacht.

          Das Zimmer hat Merle bloß für sechs Wochen gemietet, ihr Vermieter hat damit 45 Euro verdient. Vermittler Benedict empfindet das Verhalten als derart enttäuschend, dass er seinen nun ehemaligen Kumpanen nicht mehr als moralisch integer bewerten möchte. Und Patrick Sullivan vom Studierendenwerk Mannheim erinnert daran, dass die Untermiete durch den Vermieter erlaubt werden muss, ansonsten kann es zur fristlosen Kündigung kommen. Merles Untermiete wurde beim Studierendenwerk nicht angemeldet, für den Studenten mit Geschäftssinn hätte das böse enden können. Am Ende bleibt die Frage, ob das alles den Trubel Wert war? Denn für 45 Euro gibt es gerade einmal drei Kästen Bier. Mit neun Mitbewohnern sind die schnell ausgetrunken.

          Leon Igel ist 25 Jahre alt und studiert an der Uni Mannheim Germanistik und BWL im Master. Über die Frage, wer seiner neun Mitbewohner ihm seinen Lieblingskartoffelschäler geklaut hat, grübelt er seit Weihnachten.  

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