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Seniorstudenten : Im Seminar behalten alle die Maske auf

Analoge Lehre: In Petra Meyers Seminar kommt auch die Tafel noch zu ihrem Recht. Bild: Maximilian von Lachner

Die Universität des dritten Lebensalters an der Uni Frankfurt hält wieder Präsenzveranstaltungen ab. Das freut viele Seniorstudenten. Andere haben unterdessen die Online-Angebote schätzen gelernt.

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          Werner Kaupp ist erst nächste Woche dran mit seinem Referat, aber ob die Technik in Raum NM 111 funktioniert, testet er lieber schon jetzt. Noch bevor Dozentin Petra Meyer die Teilnehmer der ersten Sitzung begrüßt, schließt Kaupp seinen Laptop an und überzeugt sich, dass die Titelseite seiner Präsentation „Grünes Frankfurt – eine Einführung“ ordnungsgemäß an die Wand projiziert wird. Berührungsängste im Umgang mit Computern kennt der 81 Jahre alte Mann nicht. Schließlich war er früher Kundenberater in einem EDV-Unternehmen.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass ein Student nicht nur sein Referatsthema kennt, sondern den Vortrag schon fertig hat, bevor das Seminar überhaupt angefangen hat, das hat der Journalist in seiner eigenen Uni-Zeit kein einziges Mal erlebt. Damals hatten die Hochschüler brav gewartet, bis der Professor am ersten Tag seine Liste hervorholte, und sich dann für eine Aufgabe entschieden. Aber hier, in der Universität des dritten Lebensalters (U3L), ist vorauseilende Produktivität nicht so ungewöhnlich. Zwar hat Petra Meyer für ihre Lehrveranstaltung über die Geschichte der Frankfurter Gärten und Parks auch eine Reihe von Themen zusammengestellt. Aber sie wünscht sich von den Teilnehmern, dass sie eigene Ideen mitbringen. Und wenn diese schon so weit gediehen sind wie bei Kaupp – umso besser.

          Worüber sich Meyer an diesem Nachmittag jedoch am meisten freut, ist die schlichte Tatsache, dass sie und ihre Seniorstudenten sich überhaupt an der Uni treffen. Anderthalb Jahre hatte die Historikerin wegen der Pandemie keine Kurse an der U3L gegeben. Von einem Onlineangebot sah sie ab, da nicht alle ihre Seminarteilnehmer im Alter zwischen 60 und 90 Jahren im Umgang mit digitalen Medien geübt seien. Im vergangenen Wintersemester konnte Meyer dann wieder einen Präsenzkurs abhalten, auch wenn er mit Verspätung begann. Zuerst hatte die Goethe-Uni wegen Corona Veranstaltungen der U3L auf dem Campus nicht gestatten wollen. Nach Protesten erlaubte das Präsidium die Nutzung bestimmter Räume: Meyer und ihre Hörer konnten in der Kapelle der Evangelischen Studierendengemeinde zusammenkommen.

          Endlich wieder „Kommunikation von Angesicht zu Angesicht“

          Nun haben sich zum Eröffnungstreffen des Seminars „Grünes Frankfurt“ in einem Raum auf dem alten Bockenheimer Campus elf ältere Damen und Herren eingefunden. Die Goethe-Uni hat im Gegensatz zu anderen Hochschulen die Maskenpflicht für Studenten nicht beibehalten, empfiehlt den Mund-Nasen-Schutz in Gebäuden aber dringend. Meyers Hörer brauchen in dieser Hinsicht keine Ratschläge. Bis auf einen, der sich mit einer OP-Maske begnügt, tragen alle einschließlich der Dozentin FFP2-Masken – und behalten sie während der gesamten Veranstaltung auf.

          Die Stimmung aber drückt das nicht. Werner Kaupp freut sich, dass nun endlich wieder „Kommunikation von Angesicht zu Angesicht“ möglich ist. Die Onlineangebote der U3L hat er in den vergangenen Jahren nur sporadisch genutzt; für ihn macht die persönliche Begegnung mit anderen Studenten einen Großteil des Reizes der Senioren-Uni aus. So geht es auch Hildegard Steppat. An Digitalvorlesungen nimmt die frühere Bankkauffrau „prinzipiell“ nicht teil, wie sie sagt. Ihre Kommilitonen möchte sie live sehen, vor und nach dem Seminar auch mal „privat schwätzen“ können. Referate vor real anwesendem Publikum zu halten, zur Recherche auch mal ins Stadtarchiv zu fahren, „das ist für mich Uni“. Mit dem verbleibenden Infektionsrisiko kann die 79 Jahre alte Frau leben, wie sie sagt: „Ich bin nicht so der ängstliche Typ.“

          Onlineangebote bleiben

          Auch wenn Kaupp und Steppat die Option nicht nutzen: Dass die U3L weiterhin Onlinekurse anbietet, finden sie richtig. Silvia Dabo-Cruz stellt sogar fest, dass digitale Angebote von den Seniorstudenten ausdrücklich eingefordert werden. Viele wohnten außerhalb von Frankfurt und wollten sich lange Anfahrten ersparen, sagt die Leiterin der U3L-Geschäftsstelle. Zudem seien manche gesundheitlich beeinträchtigt oder hätten Bedenken wegen der Ansteckungsgefahr. „Wir werden deshalb die Onlineangebote beibehalten“, stellt Dabo-Cruz klar – auch wenn dies im Moment noch zu „sehr viel Mehrarbeit“ führe.

          Dieser zusätzliche Aufwand resultiere unter anderem aus dem Mehr an Kommunikation, das nötig sei, um den Teilnehmern die Abläufe zu erklären. Dabo-Cruz findet das aber gar nicht so schlimm. Sie habe bei solchen Gelegenheiten „viele schöne Gespräche“ geführt, in denen deutlich geworden sei, „wie wichtig die U3L für die Menschen ist“. Nun wünscht sich Dabo-Cruz, dass sich diese Wertschätzung auch in den Studentenzahlen niederschlagen möge. In diesem Sommersemester rechnet sie mit rund 2000 Teilnehmern; vor der Pandemie waren es im Mittel rund 4000 gewesen.

          Die Zahl der Studenten in Petra Meyers Seminar entspricht genau jener der Referatsthemen auf ihrer Liste. Jetzt müsste sich nur noch für jedes davon ein Vortragender finden. Doch nicht alle Gartenfreunde, die sich für den Kurs angemeldet haben, sind so präsentierwillig wie Werner Kaupp. Eine Dame möchte kein reguläres Referat halten, weil ihr das Ablesen vom Blatt schwerfällt. Aber auch das ist für Meyer in Ordnung: Die Seniorstudentin kann stattdessen von ihrer ehrenamtlichen Arbeit im Palmengarten erzählen. Schließlich muss hier niemand einen Leistungsnachweis erbringen.

          Alles gute Zureden von Meyer ändert aber nichts daran, dass am Ende der Stunde einige Themen unvergeben bleiben. Das Schweigen im Raum, als die Lehrbeauftragte zu mutigem Zugreifen – und ersatzweise eigenen Vorschlägen – ermuntert, erinnert den Gast dann doch wieder an die eigene Uni-Zeit. Meyer wirkt ein bisschen enttäuscht, aber sie vertraut darauf, dass die Schüchternen in den nächsten Sitzungen noch auftauen. Und sie versichert, dass in der Universität des dritten Lebensalters jeder Beitrag geschätzt werde, gleich ob der Referent einen Doktortitel habe oder einen Hauptschulabschluss. „Blamieren kann sich hier keiner.“

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