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Betriebsärzte in der Pandemie : Unbekannte Aufpasser

  • -Aktualisiert am

Viel hat sich seither verändert: Betriebsmedizinische Versorgung eines Stahlarbeiters 1973 in Dortmund. Bild: ullstein bild

Was sind das für Mediziner, die in der Arbeit auf uns achtgeben und uns womöglich bald sogar impfen?

          3 Min.

          Thomas Kraus hat das Gefühl, sein Beruf komme in der Pandemie aus seinem Schattendasein heraus. Er ist seit wenigen Wochen Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin (DGAUM) und hat viel vor, um sein Fachgebiet präsenter zu machen. „In der Krise will plötzlich jeder den Rat von uns Betriebsärzten“, sagt er. „Bisher wurde viel zu wenig wahrgenommen, wie wichtig wir sind, damit Menschen gesund bleiben und bis zur Rente mit Freude arbeiten können.“ Kraus berät als Arbeitsmediziner im Uniklinikum Aachen mit seinem Team Unternehmen. Zuletzt habe er sich vor Anfragen kaum retten können. Wie sollen wir einen Hygieneplan konzipieren und umsetzen? Wen sollen wir ins Homeoffice schicken? Welche Masken sollen wir zur Pflicht machen – und welcher Abstand im Büro muss sein?

          Derzeit sei vor allem Testen ein Thema. Kraus und sein Ärzteteam klären Unternehmer auf, welcher Test am besten ist und wie sie ihre Mitarbeiter zum Selbsttesten anleiten. Kürzlich sprach sein Vorgänger Hans Drexler in einer Videokonferenz mit Gesundheitsminister Jens Spahn. Die DGAUM plädiert nämlich dafür, Betriebsärzte mit in die Impfstrategie einzubinden. „Wir sind bisher etwas ignoriert worden“, sagt Kraus. „Aber wir können optimal beurteilen, ob ein Arbeitnehmer wegen seines Berufs bevorzugt geimpft werden sollte, und könnten Tausende Menschen pro Tag an ihrem Arbeitsplatz impfen.“ Spahn habe zugesagt, das Anliegen zu unterstützen. Bisher seien allerdings die Abrechnungsmodalitäten noch nicht geklärt.

          Ärzte können auf zwei Wegen Arbeitsmediziner werden. Entweder absolvieren sie nach dem Medizinstudium eine fünfjährige Weiterbildung und werden Facharzt. Oder – wenn sie schon einen Facharzt haben – sie erwerben eine Zusatzbezeichnung in Betriebsmedizin. Hierfür müssen sie neun Monate in einem Betrieb gearbeitet und einen dreimonatigen Grundkurs in Arbeitsmedizin gemacht haben oder sich berufsbegleitend weiterbilden. Das sind dann 1200 Stunden.

          „Ein echter Zukunftsjob“

          Sie könne sich kaum einen so vielfältigen Beruf vorstellen, sagt Kristin Hupfer, die seit mehr als 20 Jahren als Betriebsärztin bei BASF arbeitet. Ihre Entscheidung, den Facharzt für Arbeitsmedizin zu machen, traf sie während der Weiterbildung zur Psychiaterin. „Ich habe damals mehrmals erlebt, dass alkoholkranken Mitarbeitern gekündigt wurde“, erinnert sie sich. „Ich dachte: Könnte man am Arbeitsplatz Krankheiten früher erkennen und eingreifen, ließen sich sicher viele Probleme verhindern.“ Hupfer ist Ansprechpartnerin von 34 000 Mitarbeitern in Ludwigshafen. Bis auf Kinderkrankheiten sieht sie das gesamte Spektrum der Medizin: chronische Krankheiten wie Wirbelsäulenprobleme, Diabetes oder Bluthochdruck, akute wie Grippe, verstauchte Knöchel, Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Sie ermuntert zu Rauchstopp, Gewichtsabnahme, mehr Sport, gesunder Ernährung, empfiehlt ergonomische Maßnahmen, checkt Blutdruck und Laborwerte.

          Die körperlichen Belastungen seien weniger geworden, weil Arbeitsprozesse automatisiert wurden, erzählt sie. Aber immer öfter würden Mitarbeiter von seelischen Belastungen berichten. „Die Pandemie schlägt aufs Gemüt. Manchmal ist das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.“ Dann kann etwa eine Depression ausbrechen oder eine Angststörung. Um der Nachfrage gerecht zu werden, bietet Hupfer mit ihrem Team zusätzlich Telefonsprechstunden an. Dies sei wichtig, seitdem viele Mitarbeiter im Homeoffice arbeiteten. „Oft hilft es Betroffenen, einfach mal zu erzählen, was ihnen auf der Seele liegt.“

          Arbeitsmediziner sind entscheidend im betrieblichen Gesundheitsmanagement. Das besteht aus drei Säulen: Gesetzlich vorgeschrieben sind Arbeitsschutz und betriebliche Eingliederung nach Krankheiten. Freiwillig ist die Gesundheitsförderung, zum Beispiel mit Programmen zum gesünderen Lebensstil oder Achtsamkeitstraining. „Betriebsarzt ist ein echter Zukunftsjob“, sagt Stephan Letzel, Leiter des arbeitsmedizinischen Instituts im Uniklinikum Mainz. „Ich erlebe, wie sich die Arbeitswelt ändert und was für neue gesundheitliche Pro­bleme auftreten. Ich kann Betriebe und Beschäftigte begleiten und beraten und überlege Präventionsstrategien. Das finde ich erfüllend.“ Um das angehenden Ärzten zu vermitteln, engagiert sich Letzel als Vorstand im „Aktionsbündnis Arbeitsmedizin“, einem Netzwerk aus Forschung, Industrie, Verbänden und Politikern. Es organisiert unter anderem Symposien für Medizinstudierende und vergibt Stipendien. Mit Erfolg. Während 2015 alles in allem 189 Ärzte den Facharzt in Arbeitsmedizin bekamen, waren es 2019 schon 233. Im Jahr 2002 arbeiteten 2679 Arbeitsmediziner in Deutschland, heute sind es 3640. Inklusive Fachärzten mit Zusatzbezeichnung sind es 8147 Betriebsärzte. Für BASF-Betriebsärztin Hupfer sind die schönsten Momente, wenn sie sieht, dass ihre Beratung genutzt hat. Zum Beispiel der Mitarbeiter, der erfolgreich eine Alkoholentzugskur gemacht hat: „Er war so dankbar, dass wir über sein Problem gesprochen und die Therapie geplant haben. Er sagt, allein hätte er das nie geschafft.“

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