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Umgang mit Plagiaten : Bleibende Spuren des Betrugs

  • -Aktualisiert am

Der Bibliotheksnutzer wird im Falle von Plagiaten oft nicht ernst genommen. Bild: Picture-Alliance

Wenn Doktortitel entzogen werden, bleiben diese meist trotzdem in Bibliothekskatalogen stehen. Ein zentrales Verzeichnis für Promotionen und eine Informationspflicht fehlen.

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          Bibliothekskataloge sind kein Verzeichnis gültiger Dissertationen“, sagt der Direktor der Universitätsbibliothek München, Klaus-Rainer Brintzinger, als Sektionsvorsitzender im Deutschen Bibliotheksverband. Er will zurechtrücken, was in der öffentlichen Diskussion momentan wieder diskutiert kommt: Weshalb werden Bücher in Katalogeinträgen weiterhin als Dissertation geführt, auch wenn der Titel, etwa wegen Plagiaten, entzogen wurde? Brintzinger klärt auf: „Es besteht kein Anspruch darauf, dass das, was in den Katalogen steht, wissenschaftlich gesichert oder strafrechtlich unbedenklich ist. Bibliothekskataloge sind Findmittel und kein Instrumentarium zur Überprüfung wissenschaftlicher Validität oder Dignität.“

          Vor zwei Jahren hatte sein Verband eine Empfehlung herausgegeben, wonach bei betroffenen Dissertationen der Hochschulschriftenvermerk zu löschen ist. Das ist jene Information, die im Katalog meist mit den Worten „Zugleich Dissertation ...“ beginnt. Durch die Löschung des Vermerks ist der Titel noch auffindbar, aber nicht mehr als Qualifikationsschrift gekennzeichnet. Diese Praxis hat auch die Universität Tübingen übernommen. Sie hat jüngst einen Doktortitel wegen Plagiaten entzogen, diese Maßnahme wurde verwaltungsgerichtlich bestätigt. Die Information, dass der Doktorgrad entzogen ist, soll aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes und des Datenschutzes nicht im Katalog erwähnt werden. Lediglich der Hochschulschriftenvermerk wird still gestrichen.

          Keine Information an andere Kataloge

          Problematisch ist jedoch, dass diese Korrektur nur im eigenen Bibliothekskatalog und den im eigenen Verbund angeschlossenen Katalogen sichtbar wird. Das betrifft im Fall Tübingen zwar zehn Bundesländer, aber es existieren fünf große Kataloge in Deutschland. Versuche, einen einheitlichen nationalen Katalog einzuführen, scheiterten in der Vergangenheit am föderalen Beharrungsvermögen der Bundesländer. Die Tübinger Universität sieht sich aber nicht dafür zuständig, die anderen vier Kataloge über die Korrektur des Datensatzes zu informieren. Hinzu kämen möglicherweise auch ausländische Datenbanken, etwa in der Schweiz oder Österreich. Überall dort bleibt die Arbeit weiterhin als „Dissertation“ gekennzeichnet, denn wie soll man in Wien wissen, welcher Titel in Tübingen entzogen wurde?

          Brintzinger will die Problematik nun in einer Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Nationalbibliothek zur Sprache bringen. Er könne sich aber nicht vorstellen, dass die titelentziehende Hochschule verpflichtet würde, alle möglichen Bibliothekskataloge über die Entscheidung zu informieren. Zudem wären dann noch nicht die nicht zentral angeschlossenen Bibliotheken informiert, etwa Privatbibliotheken. Ein unlösbares Problem?

          Der Jurist Rolf Schwartmann erklärte vor einiger Zeit in der F.A.Z.: „Will die Hochschule die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft sichern, so kann dies nur im Wege der Information über das Fehlverhalten erfolgen.“ Er hat in einem Gutachten für den Ombudsman der Wissenschaft im Jahr 2018 dargelegt, dass der Vermerk über den Entzug eines Titels wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens hochschulrechtlich und datenschutzrechtlich zulässig ist. Das staatliche Informationshandeln zielt nämlich nicht auf einen Rechtseingriff beim Plagiierenden, sondern auf die Erfüllung der gesetzlichen Aufgabe zur Sicherung der Integrität wissenschaftlicher Leistungen ab.

          Ein zentrales Verzeichnis fehlt

          Die Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff erinnert daran, dass von 1887 bis 1987 alle verliehenen Doktorgrade gedruckt dokumentiert wurden. Diese Verzeichnisse, die auch DDR-Promotionen erfassen, liegen bis heute in Lesesälen von Universitätsbibliotheken aus. Herausgegeben wurden die Bände zunächst von der Preußischen Staatsbibliothek, später von der Deutschen Bücherei in Leipzig. Eine ursprünglich geplante digitale Fortführung des Projekts scheiterte wohl auch an der immens steigenden Zahl von Promotionen und den vielen Korrekturen, die vorgenommen werden mussten.

          Ein Grund waren schon damals Titelentzüge, ein anderer die neuen Familiennamen der immer zahlreicher promovierten Frauen, die geheiratet hatten. Heute gibt es kein zentrales Verzeichnis aller Promotionen. Es wäre sinnvoll, eine solche Liste zu schaffen, in die auch im Ausland erworbene Grade zu melden sind. Denn es ist praktisch nicht überprüfbar, ob jemand, der einen Doktortitel trägt, diesen tatsächlich auch erworben hat. Werden Staatsanwaltschaften auf den Verdacht des Missbrauchs von Titeln aufmerksam gemacht, stellen sie die Verfahren oft wegen Geringfügigkeit ein.

          Wer sich in Deutschland Doktor nennt, obwohl er keiner ist, muss kaum mit einer Aufdeckung oder gar Sanktion rechnen. Die unterlassenen Datenkorrekturen in Bibliothekskatalogen tragen mit dazu bei. Es wäre sinnvoll, eine zentrale Datenkorrekturstelle für den deutschsprachigen Raum zu schaffen.

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          Unser Autor: Cai Tore Philippsen

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