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Doktorarbeiten : Vom einen zu viel, vom andern keine Spur

  • -Aktualisiert am

Achillesferse der Hochschulen: mit der Zahl der Disserationen steigt die Wahrscheinlichkeit von Plagiaten Bild: dpa

Eine Doktorurkunde ist unauffindbar, und eine plagiierte Dissertation bleibt ohne Vermerk weltweit verfügbar: zwei exemplarische Kuriositäten im Umgang mit Doktorarbeiten.

          3 Min.

          In Deutschland scheint es nicht immer möglich, zu überprüfen, ob eine Doktorurkunde aus dem Ausland echt ist. So trägt ein Lehrbeauftragter der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden einen Titel, der von der „City University, London“ verliehen worden sein soll. Eine schriftliche Doktorarbeit findet sich jedoch weder in den Bibliotheken der genannten Hochschulen noch irgendwo sonst auf der Welt. Die Hochschule Rhein-Main erklärt, sie habe die Arbeit nicht einsehen wollen, da man den Lehrbeauftragten auch ohne Titel ernannt hätte. Er sei schließlich ein „juristischer Experte“. Woraus sich diese Expertise ergibt, bleibt unklar. Bei seiner Ernennung war der Lehrbeauftragte nicht einmal drei Jahre Rechtsanwalt. Er hat, außer einer fachfremden Promotionsschrift (deren Inhalt niemand kennt), keinerlei Veröffentlichungen aufzuweisen und keine Fachanwaltschaft absolviert.

          Der Lehrbeauftragte erklärt, er sei „über eine Art integrierten MPhil direkt zum PhD gelangt“. Er will den Titel parallel zu einer Flugtätigkeit als Pilot erworben haben, und das in nur fünf Semestern. Allerdings gibt es an der betroffenen Hochschule keine Semester, sondern nur Trimester. Das Herbsttrimester nennt der Rechtsanwalt „fall term“, was in den Vereinigten Staaten als Terminus benutzt wird, aber nicht in London. Wo und bei wem er promoviert wurde, will er nicht sagen. Eine Anfrage bei der englischen Universität hilft nicht weiter: Aus Gründen des Datenschutzes dürfe man sich nicht äußern. Normalerweise seien aber alle Doktorarbeiten im Katalog verzeichnet.

          Auch das hessische Wissenschaftsministerium vermag die Echtheit der Promotionsurkunde nicht zu bestätigen. Man prüfe nur, ob, vorbehaltlich des ordnungsgemäßen Erwerbs, der Titel „Dr.“ in Deutschland getragen werden dürfte. Ergebnis: Es gibt einen Titel, aber keine einsehbare Arbeit. Es gibt eine Urkunde, aber der, der sie hat, hält sie nicht für relevant, während der, der ihre Echtheit prüfen könnte, die Urkunde nicht vorliegen hat. Dem Titelträger liegt nichts daran, dass die Öffentlichkeit an seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen teilhaben kann. Das Ministerium verweist auf die Strafbarkeit einer unberechtigten Titelführung, informiert aber nicht die Staatsanwaltschaft. Es lässt sich am Ende nicht aufklären, zu welchem Thema der Lehrbeauftragte promoviert wurde und ob er überhaupt den Titel erworben hat.

          Weltweit verfügbares Plagiat

          Es gibt auch den umgekehrten Fall: Eine Dissertation ist zu lange auffindbar. Im Januar 2016 entzog die Philosophische Fakultät der Universität Düsseldorf dem Plagiator mehrerer Publikationen, darunter einer Veröffentlichung von Till Philip Koltermann, den Doktortitel. Im Oktober 2017 wurde der Entzug der Promotion durch das Verwaltungsgericht Düsseldorf rechtskräftig bestätigt. Weder die Plagiatsgeschädigten noch die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) wurden von der Universität informiert. Die Fakultät erklärte gegenüber Koltermann dennoch, sie sei „ihrer Informationspflicht gegenüber der (Fach-)Öffentlichkeit adäquat nachgekommen, nachdem das Urteil Rechtskraft erlangt habe“. Nachfragen Koltermanns, was das konkret bedeute, blieben unbeantwortet. Gegenüber dieser Zeitung spricht die Universität von einem „bedauerlichen Versäumnis“, dass man die Bibliothek nicht über das rechtskräftige Urteil informiert habe.

          Noch bis August 2018 war das Plagiat daher als PDF ohne Vermerk bei der DNB zum Download weltweit verfügbar. Erst durch Koltermanns Initiative wurde das PDF von der DNB gesperrt und dort, wie auch bei der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, Vermerke über das Urteil angelegt. Koltermann sagt, die Düsseldorfer Universität habe sich dafür nicht zuständig gefühlt. Ohne Meldungen seitens der Hochschulen können die Bibliotheken allerdings keine Sperrvermerke anlegen – außer, die Presse berichtet. Doch auch das ist schwer, denn im genannten Urteil des Verwaltungsgerichts ist der Titel der gegenständlichen Dissertation anonymisiert. Ohne Koltermanns Initiative würde bis heute die auf Plagiaten beruhende Dissertation „Das Koloniale Experiment. Der Sklavenhandel Brandenburg-Preußens im transatlantischen Raum 1680–1718“ durchs Internet geistern. Auch andere Universitäten kennzeichnen solche Schriften nicht. Die Medizinische Hochschule Hannover beispielsweise hat jüngst drei Titel wegen Plagiaten entzogen, sagt aber nicht, um wen es sich handelt.

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