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Türkische Hochschulen : Erdogans Auswahl von oben

  • -Aktualisiert am

Das Seraskertor, Haupteingang zur Universität Istanbul Bild: Picture-Alliance

Nach der Schließung Gülen-verdächtiger Privathochschulen sollen fünfzehn neue Universitäten in der Türkei eröffnet werden. Es droht eine Aufsplittung der bestehenden. Öffentliche Proteste bleiben wirkungslos.

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          Schon Monate vor Beginn der neuen Amtszeit des nun mit erweiterten Vollmachten ausgestatteten türkischen Präsidenten Erdogan wurde deutlich, dass ein weiterer Umbau des Hochschulsystems im Land bevorsteht, der für die Wissenschaftsfreiheit nichts Gutes verheißt. Im April hatte die Regierung angekündigt, fünfzehn neue Universitäten zu eröffnen. Die Annahme, dadurch würden wieder jene Kapazitäten geschaffen, die durch die Schließung ebenso vieler Gülen-verdächtiger Privathochschulen nach dem gescheiterten Militärputsch von Juli 2016 verlorengegangen sind, war nur teilweise berechtigt. Denn um die angekündigten neuen Hochschulen einzurichten, wird eine Reihe der führenden staatlichen Universitäten, an denen noch ein kritischer Geist zu herrschen scheint, aufgesplittert. Dazu zählen beispielsweise die angesehene Gazi-Universität in Ankara oder die Universität von Istanbul. Die Bekanntgabe des Plans löste wochenlange öffentliche Proteste von Dozenten und Studenten aus, die bislang allerdings wirkungslos blieben.

          Seit seiner Wiederwahl im Juni ebnet Erdogan weiter den Weg zu einer Politisierung der türkischen Hochschulen im Sinne seiner Regierung. Die von ihm in der zweiten Juliwoche erlassenen Präsidialdekrete betrafen auch das Hochschulsystem. Mit dem einen (Nr. 703) wurde die bislang noch nominell obligate universitätsinterne Rektorenwahl endgültig abgeschafft. Die Rektoren werden künftig direkt vom Präsidenten ernannt und müssen, anders als bisher, sogar nicht mehr Professoren sein. Ihre Amtszeit, ein weiteres Novum, ist nun auch nicht mehr zeitlich begrenzt. Kraft eines weiteren Präsidialdekrets (Nr. 701) wurden neben mehr als 18 000 Staatsbediensteten auch knapp 200 Dozenten entlassen. Achtzehn von ihnen kommen aus den Reihen der „Friedensakademiker“, die seit einigen Monaten reihenweise zu Gefängnisstrafen verurteilt werden.

          Mehr als eine Million Schulbücher vernichtet.

          Ein näherer Blick auf die neuen Opfer dieser Entlassungswelle verdeutlicht das bisherige Bestreben der AKP-Regierung, sich der ihr gegenüber kritisch eingestellten Wissenschaftler zu entledigen. Zu ihnen gehört etwa der Wirtschaftsprofessor Bahadir Aydin von der Izzet-Baysal-Universität in der westlich von Istanbul gelegenen Stadt Bolu. Er ist ein kritischer Beobachter der Wirtschaftspolitik der türkischen Regierung und hat 2017 die Art kritisiert, wie das staatliche Statistik-Institut seinen Index der Lebenszufriedenheit erstellt. Offensichtlich sollen jetzt, wo es der Türkei wirtschaftlich immer schlechter geht, besonders auch regierungskritische Wirtschaftswissenschaftler mundtot gemacht werden. Betroffen ist auch die Politologieprofessorin Aysen Uysal von der Dokuz-Eylül-Universität in Izmir. Sie hat sich zuletzt umfassend mit der gegenwärtigen Protestkultur in der Türkei und dem Umgang der Polizei mit Protestierenden befasst. Ihrem Fall entnimmt man übrigens, dass die Universitäten von Paris und Lausanne ihre Beziehungen zur Dokuz-Eylül-Universität schon im vergangenen Jahr aus Protest gegen die damalige Suspendierung der Politikwissenschaftlerin eingefroren hatten.

          Mit den Staatssäuberungen im türkischen Bildungssystem befasst sich nun eine erste umfassende Studie, die das Stockholmer Friedenszentrum im Juli veröffentlicht hat („Free Thought Under Siege in Turkey. The Crackdown on Education“). Aus ihr geht hervor, dass rund 36 Prozent derjenigen, die kraft der Präsidialdekrete und anderer Verordnungen aus dem Dienst entlassen, suspendiert oder verhaftet wurden, aus dem Bildungsbereich kamen – die bei weitem größte Gruppe. Tatsächlich war schon das erste nach dem gescheiterten Staatsstreich erlassene Dekret (Nr. 667) gegen das Erziehungssystem gerichtet. Damals wurden neben den genannten Privatuniversitäten auch 1069 Privatschulen und weitere 301 Bildungseinrichtungen geschlossen sowie mehrere Lehrergewerkschaften verboten.

          Offenbar sind viele der geschlossenen Schulen mittlerweile in religiöse Imam-Hatip-Schulen umgewandelt worden, wofür die Studie jedoch nur einige wenige Beispiele nennt. Bei den Schließungsaktionen, die häufig bei laufendem Schulbetrieb stattfanden, wurden mehr als eine Million Schulbücher vernichtet. Die Schließung der Privatuniversitäten hat für deren Studenten bis heute negative Folgen: Nicht nur dass ihre nachträglich ausgestellten Zeugnisse den Vermerk enthalten, dass sie von einer geschlossenen Universität stammen. Auch müssen sie für die ihnen zur Verfügung gestellten neuen Studienplätze weiterhin die bis dahin entrichteten hohen Studiengebühren zahlen, obgleich diese an den betreffenden Hochschulen weit niedriger sind.

          Die Staatssäuberungen haben den Autoren der Studie zufolge im Bildungssystem großen Schaden angerichtet und im Lehrbetrieb erhebliche Lücken aufgerissen. Eine 2017 eingerichtete staatliche Kommission hat nach Überprüfung von bislang gerade einmal fünf Prozent der mehr als hunderttausend Fälle entlassener Staatsbediensteter die Wiedereinstellung von lediglich hundert Personen empfohlen. Geht es in diesem Tempo weiter, so die Verfasser, werde die Überprüfung noch Jahre dauern.

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