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Arbeiten auf dem Land : Alles andere als langweilig

  • -Aktualisiert am

Bild: Frederik Jurk/SEPIA

Viele Absolventen wollen ein Traineeprogramm absolvieren – am liebsten in einer Großstadt bei einem bekannten Unternehmen. Dabei kann der Umzug aufs Land die bessere Wahl sein: Viele Unternehmen bieten dort besonders attraktive Einstiegsprogramme an.

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          Telefonkonferenzen leiten, Besprechungen organisieren, Zahlen recherchieren – und ab und zu mit dem Flugzeug zu Meetings ins Ausland fliegen: Felix Brinkmann hat als Trainee bei dem Dienstleistungsunternehmen Arvato gut zu tun. Er begleitet Jan Altersten, Geschäftsführer im Unternehmensbereich Financial Solutions, 18 Monate lang auf Schritt und Tritt – und erlebt so das Tagesgeschäft des Unternehmens hautnah.

          Üblicherweise gleicht das Traineeprogramm in einem Unternehmen einem Rundlauf: Trainees wechseln alle paar Monate die Abteilung, um vom Personalwesen bis zum Marketing alle Unternehmensbereiche kennenzulernen. Unternehmen wie Arvato, eine Tochter des Bertelsmann-Konzerns, zeigen, dass es auch anders geht: Die Trainees, die bei Arvato „Management Associates“ genannt werden, sind während des Programms nur in einem Unternehmensbereich eingesetzt. Dort arbeiten sie eng mit einem Arvato-Manager zusammen. Der Finanz- und IT-Dienstleister weicht bei seinem Traineeprogramm nicht ohne Grund vom klassischen Rotationsverfahren ab: Unternehmen, die in einer weniger angesagten Branche agieren, keinen bekannten Namen aufweisen oder ihren Firmensitz fernab der Metropolen haben, müssen ihre Traineeprogramme besonders attraktiv gestalten. „Wer keine Großstadt und keinen beliebten Markennamen bieten kann, muss etwas anderes bieten“, erklärt Dennis Hoffmeister von der Personalberatung Page Group in Düsseldorf. „Und das kann ein Traineeprogramm sein, in dem die Teilnehmer individuell gefördert werden.“ Uniabsolventen, die ein Traineeprogramm suchen, das von den üblichen Rahmenbedingungen abweicht, sollten sich also an Unternehmen aus der zweiten Reihe halten – und Bewerbungen nach Ostwestfalen-Lippe oder in den Schwarzwald schicken.

          Blick auf die individuellen Interessen

          Auch der Badhersteller Duravit bietet ein besonders attraktives Traineeprogramm an. Das Unternehmen sitzt in Hornberg, rund 50 Kilometer entfernt von Freiburg. Duravit hat vor zwei Jahren ein neu strukturiertes Traineeprogramm eingeführt, berichtet Monika Modes, Head of Global Human Resources bei Duravit. Das Programm soll Uni-Absolventen mit Produkten, Geschäftsmodell und internen Zusammenhängen des Badherstellers vertraut machen. Statt alle Abteilungen zu besuchen, arbeiten die Trainees je nach Studienabschluss in einem von drei Einsatzgebieten. Zur Wahl stehen Marketing & Sales, Produktion & Technologie oder Business-Administration. Die Trainees arbeiten dann ausschließlich in den Abteilungen, die für ihren Schwerpunkt wichtig sind, und können so viele Erfahrungen sammeln, die sie auf ihrem individuellen Interessensgebiet voranbringen.

          Die Trainees bei Duravit arbeiten an verschiedenen Projekten: Mal helfen sie bei der Entwicklung neuer Produkte, mal versorgen sie ihren Bereichsleiter mit Analysen von Vertriebsdaten. „Die Trainees wollen mittendrin statt nur dabei sein“, sagt Modes. „Außerdem wollen sie gern genau wissen, wann sie wo eingesetzt sind.“ Die Trainees arbeiten nicht nur im Schwarzwald, sondern auch an einem ausländischen Standort des Unternehmens. Sie waren schon im Vertrieb in Singapur oder in der Produktion in China eingesetzt. Ganz egal, wo sie gerade sind: Ein Mentor steht ihnen stets zur Seite. Das Besondere daran: Der Mentor ist einer der drei Vorstandsmitglieder von Duravit. So kommen die Nachwuchstalente schon früh mit den Entscheidungsträgern des Unternehmens in Kontakt. Der Mentor gibt ihnen zum Beispiel wertvolle Tipps für die Projektbearbeitung. „Mentor und Trainee überlegen zusammen, welche Erfahrungen der Trainee machen sollte, um sich weiterzuentwickeln“, erklärt Modes. Am Ende des Traineeprogramms besprechen sie, ob der Trainee weiterhin für Duravit arbeiten möchte – und planen seine Übernahme.

          Nähe zur Führungsebene

          Erfahrungen sammeln, eigenverantwortlich Projekte bearbeiten und wertvolle Kontakte knüpfen: Unternehmen, die all das in ihr Traineeprogramm einbauen, treffen den Nerv der Zeit. Denn mal in die Marketingabteilung reinschnuppern und danach wochenlang Tabellen in der Buchhaltung bearbeiten – das reicht vielen Trainees nicht mehr. „Spätestens seit die Generation Y auf den Arbeitsmarkt strömt, geht es vielmehr darum, was das Unternehmen der Nachwuchskraft bieten kann, und nicht andersherum“, erklärt Personalberater Hoffmeister. Trainees wollen selbstbestimmt arbeiten und in dem, was sie tun, einen Sinn sehen, stellt er fest.

          Unternehmen können diese Entwicklungen nutzen, um Traineestellen zu besetzen. Gerade kleinere Firmen können dabei ganz besonders punkten: Trainees kommen dort einfacher als in großen Firmen mit der Führungsebene in Kontakt. Da sie weniger Mitarbeiter als große Konzerne haben, wissen sie stets, woran ihre Trainees arbeiten, und können sie individuell betreuen. Außerdem haben kleinere Unternehmen meist flachere Hierarchien als große Firmen: So gelangen Trainees schnell an verantwortungsvolle Aufgaben und können sich beweisen – ob beim Gespräch mit Geschäftspartnern oder bei der Arbeit an einem Firmenstandort im Ausland.

          Steile Lernkurve

          Das schätzen auch die Trainees beim Dienstleister Arvato. Das Unternehmen stellt nach eigenen Angaben jedes Jahr 60 bis 70 neue Trainees ein, pro Stelle soll es mehr als 20 Bewerbungen geben – und das, obwohl die Trainees den Großteil des Programms am Firmensitz in Gütersloh absolvieren, rund 160 Kilometer entfernt von Düsseldorf. Was Arvato den Trainees bietet, entschädigt sie für einen Wohnort fernab einer Metropole, ist Marco Jochum, Leiter des Talentmanagements bei Arvato, überzeugt: „Wir bedienen mit unserem Traineeprogramm eine Marktlücke“, sagt er. „Durch die enge Zusammenarbeit mit einer erfahrenen Führungskraft haben die Trainees eine steile Lernkurve und lernen, große Verantwortung zu tragen.“

          Neben dem eigentlichen Traineeprogramm, in dem die Trainees den Manageralltag einer Führungskraft kennenlernen, hat Arvato noch zusätzliche Fördermöglichkeiten geschaffen. Seit zwei Jahren bietet das Unternehmen das Zusatzprogramm Perspectives an. Es soll die Trainees in ihrer individuellen Entwicklung unterstützen. Die Trainees können zum Beispiel Karriere-Coachings oder Seminare zur Lesekompetenz besuchen sowie an Netzwerkveranstaltungen teilnehmen. Wer all das mitmacht, hat sein Wissen aus dem Studium nicht nur um zahlreiche Erfahrungen aus der Praxis ergänzt, sondern weiß auch, wie der Arbeitsalltag eines Managers aussieht – und ist selbst auf dem besten Wege, eine erfolgreiche Führungskraft zu werden.

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