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Forschung zu Uiguren : Touristen im eigenen Land

  • -Aktualisiert am

Uigurischer Basar in der Provinz Hotan Bild: AP

Neue Forschungen zeigen, wie die Uiguren zu Muslimen wurden und zum chinesischen Staat auf Distanz gingen. Heute werden sie mit Repressionen gezielt von ihrer Kultur entfremdet.

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          Für die muslimischen Uiguren, deren massenhafte Umerziehung in speziellen Lagern die chinesische Regierung jüngst zugegeben hat, interessiert sich die Wissenschaft schon seit Jahren intensiv. Die Disziplin „Xinjiang Studies“ floriert, und bereits 2016 meinte der Ostasien-Historiker Peter C. Perdue von der Universität Yale eine neue, „dritte Welle“ in der Geschichte dieses Forschungszweigs ausmachen zu können („Xinjiang Studies: The Third Wave“, in: Cross-Currents: East Asian History and Culture Review, Nr. 21, Berkeley 2016). Während die erste Phase zwischen 1910 und 1949 von den Beobachtungen Entdeckungsreisender geprägt war, hatte sich die zweite, die bis in die neunziger Jahre andauerte, fast ausschließlich auf die Beziehungen zwischen Uiguren und Chinesen konzentriert.

          Die dritte Welle werde, so Perdue, hauptsächlich von einer jungen Forschergeneration getragen, die eine Reihe bislang unbeachteter Quellen erschlossen habe. Weil im letzten Jahrzehnt der Zugang zu chinesischen Archiven und auch Feldforschungen im Land immer schwieriger wurden, wandten sich Perdue zufolge die Forscher nichtchinesischen Schriftquellen auf Russisch, Mandschu, Uigurisch, Türkisch und Persisch zu, was dazu führte, dass man sich der vielfältigen Verbindungen der Uiguren zu Kulturräumen außerhalb Chinas weit stärker als bislang bewusst wurde. So werde Xinjiang nun weit eher als ein bedeutendes eurasisches Zentrum gesehen denn als ein Randgebiet des chinesischen Staates, der das Schicksal der Uiguren zwar beeinflusst, aber nicht immer gänzlich beherrscht habe.

          Als Beispiel für einen dieser neuen Ansätze im Bereich der Wirtschaftsgeschichte nennt Perdue die Studie von Kwangmin Kim, „Borderland Capitalism: Turkestan Produce, Qing Silver, and the Birth of an Eastern Market“ (Stanford 2016). Anhand der Lektüre zahlreicher in Russisch, Turkmenisch, Japanisch und Chinesisch verfasster Memoiren von Personen, die vom achtzehnten Jahrhundert an im grenzüberschreitenden Handel mit Xinjiang tätig waren, beleuchtet der Autor von der Universität Colorado die Wechselbeziehungen zwischen den mächtigen Wirtschaftsakteuren der Region wie auch ihren Umgang mit den Bauern und Arbeitern.

          Wachsende Distanz zu China

          Weit deutlicher als bislang und entgegen mancher verengender Sicht uigurisch-nationalistischer Historiker auf die eigene Geschichte veranschaulicht die Untersuchung, wie eng die Zusammenarbeit der damals herrschenden chinesischen Qing-Dynastie mit den lokalen uigurischen Begs war, die ihre Stellung als Verwalter auch nutzten, um sich zu bereichern – häufig auch auf Kosten ihrer muslimischen Glaubensbrüder. Manche Begs wurden, wie im Fall von Udui, Gouverneur des Bezirks Yarkant im südlichen Xinjiang in den Jahren 1760 bis 1778, so einflussreich, dass sie neben ihrer Kooperation mit den Truppen der Regierung und den dieser nahestehenden han-chinesischen Händlern auch an einem riesigen Schmuggelnetz für Jade beteiligt waren. Dieses hatte damals ein in Yarkant stationierter hochrangiger Militärangehöriger aus der Volksgruppe der Mandschu aufgebaut, der diesen Diebstahl an staatlichem Gut schließlich mit dem Leben bezahlte. Das Militär der Qing-Herrscher half den uigurischen Verwaltern nicht nur bei der Steuereintreibung, sondern eilte ihnen auch zu Hilfe, um jeglichen Widerstand der unterjochten Bauern im Keim zu ersticken.

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