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Kolumne „Uni live“ : Nur Mut!

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Ungewissheit an einem ersten Vorlesungstag an der Goethe-Universität in Frankfurt Bild: Jonas Wresch

Das erste Semester ist für vieles da, aber sicher nicht für Bestnoten. Die haben Zeit. Hier einige Tipps für Studienanfänger, denen im neuen Leben ein wenig mulmig zumute ist.

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          Neulich habe ich mit meiner Kommilitonin Caro Kaffee getrunken. Sie hat mir von ihrer kleinen Schwester erzählt, die dieses Semester mit dem Studium anfängt und total aufgeregt ist, weil sie nicht weiß, was auf sie zukommt. Sie hat Caro auch darum gebeten, mit ihr einmal vorab in die Mensa zu gehen, damit sie sieht, wie das alles funktioniert mit den Tabletts und den Menüs und dem Bezahlen. Während Caro erzählte, wurde mir warm ums Herz. Ich habe mich an meine ersten Tage an der Uni erinnert und an meinen ersten Mensa-Besuch: mit einer Portion Schweinebraten. Das war 2015, Veggie war da noch nicht so trendy.

          Der Beginn des Studiums ist eine besondere Zeit, die nach billigem Alkohol, verbrannten Kochversuchen und viel Müsli schmeckt. Zwischen Ersti-Partys, Vorlesungen und der Angst vor den nahenden Klausuren hat das Leben plötzlich so viel Frische wie nie zuvor: Alles ist möglich, alles ist erlaubt. Man muss es nur tun. Die Eltern wohnen jetzt woanders und haben ihre Inspektorenrolle verloren. Verständlich, dass einem da auch angst und bange wird. Wo man zu Schulzeiten beaufsichtigt wurde, ist man nun für sich allein verantwortlich. Und wenn alles neu ist, tappt man selbstverständlich auch im Dunkeln.

          Leider muss ich sagen: Die Unsicherheit ist seit dem ersten Semester geblieben, aber man gewöhnt sich daran. Ganz sicher! Was will ich eigentlich? Soll ich das Praktikum machen für das unverschämte Gehalt? Und wohin überhaupt mit meinem Leben? Das Fragenkarussell dreht sich mal mehr und mal weniger, doch einmal bestiegen, kommt man nicht mehr herunter. Aber man lernt, wie einem davon nicht schwindelig wird. Und wem übel wird, der muss sich nicht fürchten. Es geht ja allen so! Ich kenne keinen Kommilitonen, der nicht irgendwann im Studium einmal verzweifelt war, aber es haben sich bisher alle wieder davon erholt.

          Geile Noten sind erstmal zweitrangig

          Die Uni ist im Grunde ein freundlicher Ort, ganz besonders für Erstsemester, die hier Welpenschutz genießen. Denn jeder muss erst die Regeln verstehen lernen. Genau dafür organisiert der Asta zahlreiche Einführungsveranstaltungen, in denen höhere Semester aus dem Nähkästchen plaudern oder dabei helfen, einen Stundenplan zu erstellen. Aber auch diese Aktionen schützen nicht vor der Pflicht, die für das ganze Leben, umso mehr für Erstis gilt: Lasst Euch treiben! Nur wer sich offen dem Neuen stellt, kann es sich aneignen.

          Das ist auch mein wichtigster Tipp für alle Erstis, denen ein bisschen bang vor dem neuen Lebensabschnitt ist: Macht euch nicht zu viele Gedanken, es wird schon! Das erste Semester ist für vieles da, aber gewiss nicht zum gründlichen Studieren. Klar, es sollte schon das Ziel sein, die Prüfungen am Semesterende zu bestehen. Aber sonst heißt es: Erstmal klarkommen und das neue Leben kennenlernen. Wie komme ich mit wenig Zaster über den Monat? Wie halte ich den WG-Wahnsinn aus? Wie gestalte ich einen Alltag, der sich gut für mich anfühlt? Das alles sind Fragen, die zu beantworten, anstrengend sind. Geile Noten sind da zweitranging, darum kann man sich im weiteren Verlauf des Studiums kümmern.

          Denn Studieren bedeutet auch das: erwachsen werden, also ein Mitglied der Gesellschaft zu sein, das Verantwortung übernehmen kann und seine Talente in die Gemeinschaft einbringt. Eine noch so feine akademische Bildung nützt nichts, wenn man sich kein Frühstücksei kochen kann. Also ein bisschen feiern, neue Freunde finden, die Uni-Stadt kennenlernen und all das andere Zeug, das man sonst so macht, sind wichtige Schritte zum Erwachsenwerden. Denn es verbindet mit dem Leben.

          Wenn man kochen kann, mit seinem Geld zu haushalten weiß und versteht, wie die Uni funktioniert, dann kann das akademische Studium beginnen. Und schneller als einem lieb ist, ist die Bachelorarbeit geschrieben. Plötzlich ist man erwachsen geworden, die Mensa bereitet einem keine Sorgen mehr und man stellt mit Erstaunen fest, dass man fähig ist, gut allein zu leben. Mit dem Abschluss in der Tasche gibt es mehr Möglichkeiten als zuvor. Arbeiten oder weiter studieren? Wir müssen uns nur entscheiden. Das fühlt sich dann kaum anders an als nach dem Abitur. Die Türen stehen offen, wir müssen sie nur greifen. Dafür braucht es Mut und Zuversicht. Wie gesagt: Es wird schon werden!

          Leon Igel (26 Jahre alt) studiert an der Uni Mannheim Germanistik und BWL im Master, dabei beschäftigt er sich weniger mit Goethe, dafür umso mehr mit Christoph Schlingensief. Wenn ihm das zu bunt wird, fährt er zu seinen Eltern und hackt Holz. Oder backt Brot. Corona sei Dank kann er das jetzt auch.

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