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Youtuberin Simone Giertz : Die Königin der Roboter

Ein Video ihrer Zahnputzmaschine ging im August 2015 viral: Youtuberin Simone Giertz Bild: Screenshot F.A.S.

Mit Freude und Bescheidenheit statt unter Leistungsdruck die Welt der Technik erkunden: Im Ingenieurwesen sind Frauen immer noch selten. Vielleicht kann ein 29-jähriger Youtube-Star das ändern.

          3 Min.

          In diesem Artikel sollte es eigentlich um den Mangel an Frauen in Ingenieursberufen gehen. Zu diesem Thema gibt es viele Statistiken und noch viel mehr Fachleute, die darüber erzählen könnten. Doch weder Zahlen noch Experten haben jemals eine zufriedenstellende Antwort gegeben, warum sich trotz aller Bemühungen viel weniger Mädchen für Technik begeistern als Jungs.

          Jessica von Blazekovic
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Es gibt zahlreiche Hypothesen: Mädchen interessieren sich von Natur aus mehr für „Kümmer-Berufe“; ihnen fehlen entsprechende Rollenvorbilder; die Sozialisierung in Kindheit und Jugend, der Einfluss von Lehrern, Eltern und Medien ist schuld. Alles schon mal gehört. Auch eine Lösung, wie dieses enorme Problem für Arbeitsmarkt, Unternehmen und Gesellschaft behoben werden kann, wurde bislang nicht präsentiert. Mal abgesehen von Girls’ Days mit der Kanzlerin und Frauenstudiengängen, die ob ihrer Wirkungslosigkeit gerade wieder abgeschafft werden. Hier also ein neuer Vorschlag: Mädels, schaut mehr Simone Giertz! Noch nie gehört? Dann wird es aber höchste Zeit, wenn aus dem Land der Ingenieure noch ein Land der Ingenieurinnen werden soll.

          Simone Giertz ist 29 Jahre alt, Youtube-Star und das unglamouröse Pendant zu Bianca „Bibi“ Claßen, eine erfolgreiche deutschen Beauty-Influencerin. Die gebürtige Schwedin lebt in Amerika, hat weder Ingenieursstudium noch Handwerkerlehre absolviert und kann doch besser mit Schweißgerät, Platine, Schleifer oder Schaltkreis umgehen als so mancher selbsterklärter Superbastler. Vor allem tut sie genau das, was Ingenieure so tun: Sie erfindet Dinge. Ihr zuzuschauen ist so faszinierend, dass man am liebsten alles hinschmeißen und gleich morgen in ihrer Werkstatt anheuern würde.

          Durchbruch mit Zahnputzmaschine

          Angefangen hat alles mit einem Video, das gerade mal sieben Sekunden dauert. Veröffentlicht hat Giertz es im August 2015, da war sie noch ein Nobody. Zu sehen ist eine junge Frau mit orangeroten Haaren, einem türkisblauen Helm auf dem Kopf und einer gelben Zahnbürste, die sich dank einer auf dem Helm angebrachten Konstruktion hin- und herbewegt, als würde sie Giertz die Zähne putzen. Ta-da! Die Zahnputzmaschine. Das Video ging viral und mit ihm Simone Giertz, die nach einem abgebrochenen Physikstudium und einem Intermezzo als Redakteurin für die Website des Landes Schweden ihre Berufung gefunden hatte. Ganz aus dem Nichts kam ihre Begeisterung für das Handwerkeln indes nicht: Schon mit 22 Jahren hatte sie mit Freunden ein Schiff aus den vierziger Jahren zu einem Hausboot umgebaut, weil sie sich die Miete für eine Wohnung nicht leisten konnte.

          Auf die Zahnputzmaschine folgten weitere Erfindungen, darunter eine Frühstücksmaschine, die Zerealien und Milch in eine Schüssel kippt und ihren Nutzer mit einem Löffel füttert; oder die Aufwachmaschine in Form einer Plastikhand, die sich auf das Klingeln des Weckers hin schnell zu drehen beginnt und ihren Nutzer wach watscht. Das Video schaffte es zur amerikanischen Talkshow-Legende Ellen DeGeneres in die Show. Der Witz an all diesen Geräten: Sie sind entweder völlig sinnlos oder funktionieren nicht. Das brachte Giertz den Titel „Königin der schrottigen Roboter“ ein, auf den sie stolz ist. Denn ihr geht es nicht darum, etwas Sinnvolles zu bauen. In einem Ted-Talk im Jahr 2018 plädierte sie dafür, nutzlose Dinge zu erfinden, einfach so, weil es Spaß macht. „Sosehr meine Maschinen wie simple Situationskomik erscheinen mögen, habe ich gemerkt, dass ich über etwas Größeres gestolpert bin: die Freude und Bescheidenheit, die im Ingenieurwesen oft verlorengeht“, sagte Giertz. Für sie sei es ein Weg gewesen, etwas über Gerätetechnik zu lernen, ohne Leistungsdruck zu empfinden.

          Genau das ist es wohl, was neben ihrem Talent vor der Kamera und ihrem Humor den Charme der Videos ausmacht: In einer Welt, in der alles nach Perfektion strebt und es für junge Menschen wenig Raum und Zeit zu geben scheint, sich auszuprobieren, ist Simone Giertz eine Abwechslung. Ihre Neugier ist ansteckend, ihre Bereitschaft zu scheitern wohltuend. Und obwohl das Klischee, dass vor allem Jungs zu Technik-Nerds heranwachsen, überholt sein sollte, ist es eindrucksvoll, eine junge Frau in blauem Overall und Schutzbrille zu sehen, wie sie einen Tisch mit 200.000 Streichhölzern bestückt und anzündet.

          Inzwischen ist Giertz eine Internetberühmtheit, mehr als zwei Millionen Menschen folgen ihrem Youtube-Kanal. Zu ihren Werbekunden zählen Google und Audible, und sie kann sich in San Francisco eine eigene Werkstatt leisten. Elf Millionen Mal haben Internetnutzer ihr Video angeschaut, in dem sie an einem Parabelflug teilnimmt und sorglos durch die Luft schwebt. Ebenfalls elf Millionen Aufrufe hat ein nicht gesponsertes, dreißigminütiges Video, das Giertz und ein Team von Helfern zeigt, wie sie ein Tesla Model3 zu einem Pick-up-Truck umbauen. Warum? Giertz, bekennende Feindin der Ölkonzerne, wollte ein Elektroauto als Truck. Truckla taufte sie ihr Baby und produzierte einen Werbespot für das Auto, das es so natürlich nirgendwo zu kaufen gibt. Aber man kann es selbst bauen – und genau das ist Giertz’ Botschaft.

          Im April 2018 veröffentlichte die Autodidaktin ein Video auf ihrem Kanal, das weniger zum Lachen ist. Darin teilt sie ihren Fans mit, dass sie einen Gehirntumor hat, der zwar gutartig ist, aber so nah hinter ihrem Auge sitzt, dass bei der Operation einiges schiefgehen kann. Nach der erfolgreichen OP und einer Youtube-Pause meldete sie sich mit ihrer ersten Erfindung zurück, die nicht nutzlos ist: ein interaktiver Kalender, der ihr dabei hilft, jeden Tag Yoga zu machen und zu meditieren. Mit Hilfe einer Kickstarter-Kampagne sammelte sie mehr als eine halbe Million Dollar ein, um das Produkt auf den Markt zu bringen. „Ich wollte schon als Kind Produkte herstellen“, sagt sie in dem Video. Es wäre nicht überraschend, wenn sie nach ihren Spaß-Geräten nun tatsächlich viel Nützliches erfinden würde. Noch größer aber wäre ihr Verdienst, unter Mädchen Begeisterung für Technik zu wecken.

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