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Tagung über Emanzipation : Dialektik ohne Aufklärung

  • -Aktualisiert am

Studentischer Protest an der Berliner Humboldt-Universität 2017 Bild: Picture-Alliance

200 Jahre Marx, fünfzig Jahre 1968 - was ist aus dem einstigen Kampfbegriff der Emanzipation geworden? In Berlin machten es sich führende Köpfe der Kritischen Theorie in dieser Frage zu einfach..

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          Wenn es so etwas wie begriffliche Trends in gesellschaftspolitischen Diskursen gibt, stehen derzeit Identität, (Un-)Gleichheit, vielleicht noch Gerechtigkeit, Heimat und Migration an der Spitze. Was aber bleibt von der Emanzipation, dem einstigen Schlagwort einer ganzen politischen Bewegung? Nach seinem Bedeutungsgehalt befragt, werden die meisten heute an die Emanzipation der Frauen denken. Als Befreiung aus Repression und autoritärer Herrschaft hat der Begriff, so scheint es, längst ausgedient. Dass eine Wiederbelebung emanzipatorischer Reflexionen dennoch lohnend ist, demonstrierte in Berlin eindrucksvoll eine große internationale Tagung, die führende Köpfe der Kritischen Theorie versammelte und unter den zahlreichen Besuchern auch viele Studenten anzog.

          200 Jahre Marx, fünfzig Jahre 1968 – erinnerungspolitisch hätte das Jahr der Konferenz nicht besser gewählt sein können, die von der Humboldt-Universität zu Berlin, dem ihr angegliederten neuen Center for Humanities&Social Change, der Technischen Universität Berlin und der Menschenrechtsorganisation Medico International veranstaltet wurde. Die „Ausgangslage“ zu ändern, der zufolge „Begriff und Sache der Emanzipation heute massiv unter Druck stehen“, gehörte zum erklärten Anliegen der Tagungsinitiatoren, an deren Spitze die Philosophin und Gründungsdirektorin des Center for Humanities&Social Change, Rahel Jaeggi, stand.

          Im Haus der Kulturen der Welt begann die Tagung mit einer konzertierten Störung. Eine Gruppe von Studenten lief mit Transparenten und goldenem Konfetti auf die Bühne und forderte im Namen der Emanzipation mehr Lohn für die studentisch Beschäftigten an der Universität. Rasenden Applaus bekamen sie dafür nicht nur von ihren Kommilitonen, sondern auch von den anwesenden Wissenschaftlern und Veranstaltern. Als „ersten emanzipatorischen Moment“ pries die Soziologin und Geschlechterforscherin Sabine Hark den Protest der Studenten und veranschaulichte damit (unfreiwillig) sogleich, woher das Unbehagen mancher Kritiker der Kritischen Theorie kommt: Wovon emanzipierten die Studenten sich denn nach Ansicht ihrer Befürworter mit dieser Aktion? Welchen Sinn hat ein Regelbruch in einer Gemeinschaft, die den Regelbruch als Theorie institutionalisiert hat? Während die Frage nach Ort und Bezug der Emanzipation im Verlauf der Konferenz bis zum Ermüden oft gestellt wurde, blieb sie hier, wo es wirklich hätte interessant werden können, aus. Denn diese studentische Aktion war keine Emanzipation. Sie war, wie berechtigt die Kritik an der Sache auch immer ist, ein Akt der Selbstbestätigung – und das wiederum war symptomatisch für die gesamte Konferenz.

          Wohin man auch blickt, nichts als Repression

          Was also ist Emanzipation aus Sicht der kritischen Theoretiker? Sie ist in erster Linie der Ausgang aus Fremdherrschaft und Unterdrückung (Jaeggi), sie ist selbstreflexiv, unversöhnlich und kritisch (Alex Demirovic), und vor allem ist sie natürlich dialektisch. Jede Emanzipation bringe neue Herrschaft hervor, erklärte der Frankfurter Philosoph Christoph Menke, bevor Hark eindringlich das „postemanzipatorische“ Zeitalter verkündete. Ein bisschen klang das alles wie alter Wein in neuen Schläuchen – zu Recht?

          Die entscheidende Frage ist: Wie muss Kritische Theorie heute gedacht werden? Und das bedeutet in der Denkungsart der Frankfurter Schule immer auch: Von welcher Praxis aus muss die Kritische Theorie entwickelt und zu ihr zurückgeführt werden? Es ist eine andere Praxis als in ihren Anfängen in den dreißiger Jahren, eine andere Praxis als in Zeiten ihres neuen Aufblühens während der Studentenrevolte um 1968 und auch eine andere Praxis als in den achtziger Jahren, als Jürgen Habermas seine „Theorie des kommunikativen Handelns“ zur Entfaltung brachte.

          Migration, Klimawandel, Rechtspopulismus – die Herausforderungen unserer Zeit, geprägt durch eine „multidimensionale Krise“ (Nancy Fraser), und aus ihr folgend die Notwendigkeit, „in die Offensive zu gehen“ (Jaeggi), wurden in der Konferenz oft benannt, systemimmanent erfuhren wesentliche Begriffe wie Freiheit, Anerkennung und vor allem Emanzipation, die zu ergründen ja überhaupt der Anlass dieser intensiven Tagung war, mitunter eine neue, aktualisierte Aufladung, aber kaum jemand brach aus den Denkkreisläufen aus, die die herkömmliche Kritische Theorie in immer gleicher Manier fortwälzt: Repression, wohin das Auge blickt, Depolitisierung durch das manipulative Kapital, Dethematisierung rassistischer Gehalte in philosophischen Texten, demgegenüber die als positiv beurteilte Dekolonisierung von Kolonisierten, Vergleichgültigung, die der emanzipatorischen Kraft schade, nichtverursachte Ursache und doppelte Negation (Seyla Benhabib), Blockade von emanzipatorischem Wissen (Sally Haslanger), Ermächtigung durch Wissen theoretisch (Martin Saar), Ermächtigung durch politische Aktion praktisch (Medico International), rückständige Erziehung (Micha Brumlik) – und ach, die falschen Bedürfnisse! Und über allem schwebt der Feind in Gestalt des stets nicht analysierten, geradezu unbestimmten Kapitalismus und seit einiger Zeit auch des Neoliberalismus, seiner (erhofften) Krisen und (nicht erwünschten) autoritären Bewältigung.

          Mit heilsamen Resonanzen statt Räsonnements

          Bruchstellen, die Veränderungen der politischen Praxis und daraus folgend das Veränderungspotential der Kritischen Theorie hätten markieren können, gab es durchaus, doch so vereinzelt und punktuell, dass sie – mit Ausnahme der Resonanztheorie Hartmut Rosas, nach der das Erzeugen von Schwingungen, also einer Resonanz, den Weg aus der kapitalistischen Entfremdung weisen könnte – im lauten Getöse des jahrzehntelangen emanzipatorischen Rechthabens fast untergingen. Leider erst in den letzten zwei Minuten seines Vortrags sprach etwa der Tübinger Erziehungswissenschaftler Markus Rieger-Ladich von einer Neufassung der Sozialtheorie, die sich vom Überlegenheitsanspruch der Kritischen Theorie verabschiede und dadurch selbst emanzipatorisch werde. Der immer noch erstaunlich hohen Identifikation mit dem „Linkssein“, verknüpft mit der Vorstellung, dadurch automatisch auf der besseren Seite zu stehen und grundsätzlich im Recht zu sein, setzte der Soziologe Harald Welzer die Forderung nach pragmatischen Bündnissen entgegen. Es bedürfe neuer Formen der Wirklichkeitsbehauptung.

          Anstatt solche Überlegungen einer begrifflichen und inhaltlichen Neuorientierung der Kritischen Theorie, soweit sie ihrem dialektischen Anspruch treu bleiben will, auf politische Praxis zu reagieren und sie gleichzeitig neu zu erzeugen, ins Zentrum der Konferenz zu stellen, erlag sie viel zu stark der ihr eigenen Selbstgerechtigkeit. Ihre Anhänger allein bestimmen, was Recht ist und was Unrecht, sie allein gerieren sich als Vertreter einer besseren Welt, ohne das von ihnen so oft bemühte Diktum der Selbstreflexivität auf sich selbst anzuwenden. Die Kritische Theorie macht es sich damit auf sehr komplizierte Weise sehr einfach.

          Vor allem aber demonstrierte die Konferenz den nie aufzulösenden Grundwiderspruch der Kritischen Theorie: Sie bedient sich – im Namen der Gleichheit wohlgemerkt – einer Sprache, die ausschließt, weil sie ein so hohes Abstraktionsvermögen voraussetzt, dass nur Eingeweihte sie verstehen können. „Können die denn nicht mal so reden, dass auch ganz normale Leute sie verstehen?“, beklagte sich eine sicher nicht ungebildete Frau in der Pause. „Das ist so ungerecht, die lesen einfach ihre total komplizierten Texte ab, die sich gar nicht für einen mündlichen Vortrag eignen, und wir sollen das alle durch bloßes Zuhören verstehen“, sagte eine Studentin. Die Unterdrückten, in deren Namen die Kritische Theorie zu sprechen glaubt, hat mit deren Dialektik in Wahrheit überhaupt nichts am Hut.

          „Gebt denen eine Stimme, die keine haben“, forderte der französische Soziologe Didier Eribon, während Seyla Benhabib neben ihm sitzend in die Leere starrte und Kaugummi kaute. Glaubt die Kritische Theorie denn im Ernst, dass sie mit einer solchen Sprache den Stimmlosen eine Stimme verleihen kann? Die, die keine Stimme haben, die sich abgehängt und ungehört fühlen, lesen sicher nicht erst mal Adornos „Negative Dialektik“, um daran etwas zu ändern. Viel eher wählen sie Trump – oder die AfD.

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