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Täterforschung : Ganz gewöhnliche Männer einst und jetzt

  • -Aktualisiert am

Mitarbeiter der Ordnungspolizei posieren für ein Gruppenfoto vor der Villa ten Hompel Bild: Stadt Münster

Ordnungspolizisten waren in der NS-Zeit für den Tod Zehntausender Juden verantwortlich. In Münster widmete sich jetzt eine Tagung diesen von Christopher Browning so genannten „gewöhnlichen Männern“.

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          Die Villa ten Hompel in Münster ist eine ganz gewöhnliche Villa, wie es sie in Westfalen viele gibt, diskret, gediegen und mit reichlich Klinker. 1939 übernahm der Fiskus das 1924 für den reichsten Einwohner der Stadt erbaute Haus, mit der Polizei hielten ganz gewöhnliche Männer Einzug. An sie erinnert seit dem 13. Dezember 1999 der „Geschichtsort Villa ten Hompel“.

          Kleinbürgerliche Gewöhnlichkeit hat mittlerweile ihre Unschuld verloren. 1992 legte der amerikanische Historiker Christopher Browning sein Buch „Ordinary Men“ vor, eine Untersuchung zum Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101. Mindestens 38.000 Juden verloren durch die 1939 aufgestellte Einheit ihr Leben, die Deportation von mindestens 45.000 weiteren hat sie ermöglicht. Die meisten Bataillonsangehörigen waren im Zivilberuf brave Polizeibeamte mit Pensionsberechtigung, Familienväter vorgerückten Alters, politisch und auch sonst unauffällig, nur im Einzelfall Mitglieder der NSDAP, „ganz gewöhnliche Männer“ in der deutschen Übersetzung von 1993. Erstmals wurde die Täterforschung von der Fixierung auf Einzelpersonen gelöst, erstmals wurde einer größeren Öffentlichkeit bekannt, welche Rolle die zur Unterstützung der Wehrmacht aufgestellten Reserve-Einheiten der 1936 geschaffenen „Ordnungspolizei“ (auch als „grüne SS“ bekannt) im Krieg gespielt hatten.

          In der Villa ten Hompel wurden die Einsätze von Ordnungspolizisten aus ganz Nordwestdeutschland gesteuert. Die daran und an die Opfer erinnernde Dauerausstellung wäre ohne Christopher Browning kaum möglich gewesen. Sein fünfundsiebzigster Geburtstag wurde jetzt in Münster mit einer internationalen Konferenz gefeiert, zu der auch der Jubilar aus North Carolina angereist war. Wie „gewöhnliche Männer“ zu Massenmördern werden, ist auch eine Frage für gegenwärtige Polizeiarbeit, zumal in den Vereinigten Staaten angesichts der Mordanschläge beispielsweise auf eine Synagoge in Pittsburgh 2018 und die African Methodist Episcopal Church in Charleston 2015. Der Name des gegenwärtigen Präsidenten der Vereinigten Staaten fiel auf dieser Konferenz, auch in der Laudatio von Norbert Frei (Jena), häufiger als derjenige Hitlers.

          Parallelen zu Trump

          In seiner Rezension der Hitler-Biographie von Volker Ullrich in der „New York Review of Books“ hat Browning tatsächlich auf Parallelen zu Trump hingewiesen, nachdrücklich aber auch auf Unterschiede. Wie weit kann man in der Anwendung von Brownings Forschungsergebnissen auf unsere eigene Zeit gehen? Wulf Kansteiner (Aarhus) montierte in didaktischer Überspitzung gleich sein eigenes Porträt in das Bild eines SS-Offiziers aus der amerikanischen Fernsehserie „Holocaust“, bei deren Ausstrahlung 1978 freilich noch niemand an die Ordnungspolizei dachte. Ein Profi der Tätersuche wie Oberstaatsanwalt Andreas Brendel (Dortmund) sprach angesichts des Vernichtungslagers Belzec wohl eher unbedacht wie selbstverständlich von „Nazis“ als Tätern, von deren „Gewöhnlichkeit“ er sich bei seinen Ermittlungen allerdings oft genug überzeugen konnte.

          Auf den Punkt brachte es Andrej Angrick (Hamburg): Fanatische Psychopathen allein hätten den Holocaust nicht bewerkstelligen können. Die gewöhnlichen Täter befanden sich oft in einem „Ostrausch“, der durch Alkohol noch verstärkt wurde; Edward B. Westermann (San Antonio) beschrieb den Zusammenhang zwischen Trinkritualen, Männlichkeitsbildern und sexueller Gewalt. Da dieses Verhalten der deutschen Ordnungskräfte sich auf Osteuropa konzentrierte, sehen viele Historiker hier eine Attitüde des Kolonialherren. Das provozierte Widerspruch ausgerechnet von polnischer Seite; Włodzimierz Borodziej (Warschau) illustrierte die formale Gleichberechtigung der Polen im deutschen Kaiserreich mit der kritisch auf die Vereinigten Staaten zielenden rhetorischen Frage: „Wie viele Neger haben im preußischen Herrenhaus gesessen?“

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