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Kolumne „Uni live“ : Mehr Mündlichkeit im Studium!

  • -Aktualisiert am

Ein leeres Heft muss kein Zeichen von Gedankenlosigkeit sein. Bild: Laura Kinzig

Der akademische Austausch findet heute hauptsächlich schriftlich statt. Doch Texte sind deshalb nicht wichtiger als Vorträge und Gespräche. Schreiben wir zu viel und reden zu wenig?

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          Ein großer Teil unserer gegenwärtigen Wissenschaftskultur basiert auf Schriftlichkeit – ganz besonders in den geisteswissenschaftlichen Fächern. Es wird permanent geschrieben: Klausuren, Hausarbeiten, Essays, Seminarnotizen, E-Mails. Schreiben zu können, ist eine Grundvoraussetzung des Studiums. Wie essentiell es tatsächlich ist, habe ich erst bemerkt, als ich mir eine Sehnenscheidenentzündung in beiden Händen zugezogen habe. Ihretwegen kann ich seit einigen Wochen kaum eine PC-Tastatur anrühren, ganz zu schweigen von einem Stift.

          Wenn die Hände streiken und das Schreiben verhindern, bleibt zum Glück noch ein anderes Organ, um sich auszudrücken: die eigene Stimme. Und es gibt nützliche Tools, die dabei helfen, das gesprochene Wort in Sekundenschnelle in geschriebenen Text zu verwandeln. Ohne die Existenz solcher Helferlein wäre ich bereits am Rande der Verzweiflung. Seit ich meine Texte einspreche, statt sie zu schreiben, habe ich viel über mich selbst gelernt – und darüber nachgedacht, welches Verhältnis wir in der Wissenschaft zum Schreiben und Sprechen haben.

          Mir scheint, dass das geschriebene Wort einen deutlich größeren Raum in der geisteswissenschaftlichen Kommunikation einnimmt als das gesprochene, und zwar oft zu Unrecht. In vielen Lehrveranstaltungen, die ich im Laufe meines Studiums besucht habe, wurden als Teilnahme- und Prüfungsleistungen vor allem Essays, Hausarbeiten oder Klausuren gefordert – Hauptsache, ein Schriftstück. Mündliche Prüfungen waren demgegenüber eine absolute Seltenheit. Mir ist bewusst, dass die Prüfungsformen stark von den Gepflogenheiten des Studiengangs und der Universität abhängen, und dass das mitunter auch durchaus sinnvoll ist.

          Weg vom einsamen Gelehrten!

          Es gibt einige Punkte, die für schriftliche Prüfungs- und Kommunikationsformen sprechen. Die Beurteilung einer Hausarbeit oder Klausur gestaltet sich für die Dozierenden vermutlich leichter als diejenige eines mündlichen Vortrags oder Gesprächs, da das Format handfester ist und eine bessere Bewertungsgrundlage liefert. Gerade im Hinblick auf die berufliche Zukunft ist es zudem ein klarer Vorteil, wenn Studierende sich regelmäßig in Rechtschreibung und Zeichensetzung üben und sich schriftlich gewandt ausdrücken können. Und manche Themen und Sachverhalte sind so komplex, dass es um einiges leichter und naheliegender ist, sie in einem Text auszuführen, als sie in einem Vortrag zu skizzieren.

          Gerade in Zeiten der Pandemie hat sich durch den verstärkten digitalen Austausch gezeigt, dass Texte verlässliche und beständige Kommunikationsmittel sind. Ihre Leser können sie sich nach Belieben zu Gemüte führen, ohne dafür örtlich oder zeitlich gebunden zu sein. Anders als bei einer (analogen) Sprechstunde, einem Vortrag oder einer Gesprächsrunde ist niemand darauf angewiesen, dass die Zuhörer anwesend sind, die Internetverbindung stabil bleibt und das computerinterne Mikrofon nicht plötzlich in den Streik tritt.

          Doch der schriftliche Austausch kann auch zeitraubend und anstrengend sein – oft sind im Studium nicht nur einige große, wichtige Klausuren oder Hausarbeiten gefordert, auf die sich Studierende dann voll und ganz konzentrieren können, sondern viele kleine, die aber eine ebenso große Zahl an Creditpoints einbringen, sodass der Großteil der Semesterferien darauf verwendet werden muss, im Hörsaal oder am PC zu sitzen und einen gut formulierten Absatz nach dem anderen zu Papier zu bringen. Obendrein erhält man teilweise zu den mühsam erdachten Texten wenig bis gar kein Feedback, wenn man nicht explizit danach fragt oder darauf besteht. Auf diese Weise kann sich das Ablegen schriftlicher Prüfungsleistungen so anfühlen, als ginge man dem Geschäft eines einsamen Gelehrten nach, der in seiner Schreibstube sitzt und Texte produziert, für die sich hinterher niemand wirklich interessiert. Und das ist beim besten Willen nicht der Sinn des Studiums.

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