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Kolumne „Uni live“ : Eine Abschlussarbeit ist keine Religion

  • -Aktualisiert am

Einfach losschreiben, ohne große Vorbereitung, kann ein Anfang sein. Bild: picture alliance / Bildagentur-o

Viele Studierende glauben, für eine gute Abschlussarbeit müsste man ordentlich leiden. Klar, Schreiben ist anstrengend. Darüber hinaus sollte man es sich aber nicht so schwer machen.

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          Wenn mich meine Freunde fragen, was es Neues bei mir gibt, dann antworte ich momentan: „Nichts!“ Manchmal erzähle ich auch, was ich am Tag zuvor geschrieben habe, oder von der Freude, mit der ich festgestellt habe, dass meine wackelige These einfach nicht zusammenstürzt. Dabei schießen mir dann drei Tränchen in meine kurzsichtigen Germanisten-Augen, weil ich realisiere, wie langweilig mein Leben aktuell ist. Ich schreibe meine Masterarbeit. Sonst nichts.

          Aufstehen, Kaffee, Schreibtisch, noch mehr Kaffee, ein paar Kopfschmerzen von zu viel Bildschirmzeit und irgendwann Feierabend. Dann ein bisschen Sport, essen, was man halt so macht. Am nächsten Tag geht es von vorne los. Am Wochenende lasse ich mein Gehirn in seiner dunklen Höhle unberührt liegen. Wolken gucken, Reportagen über glückliche Bio-Bauern oder Bier, erlaubt ist, was nicht akademisch ist.

          Das liest sich zwar wie der Standardtag eines Standardbüroangestellten, einen Unterschied gibt es aber: Die Uhr tickt, die Zeit der Abschlussarbeit ist eine Ausnahmesituation. Zwischen Anmeldung und Abgabe der Arbeit kann kommen, was wolle, Krankmachen ist nicht. Schnupfen, der Tod des Hamsters oder eine Entführung durch Marsmenschen: alles egal. Hinzu kommt: Zu den vielen Monaten harter Arbeit unter Zeitdruck gesellen sich Selbstzweifel, dass die eigene Leistung nicht ausreicht und die Arbeit schlecht bewertet wird.

          Die „Mastermind-Gruppe“ ist keine gute Idee

          Das Schlimmste aber ist: das permanente Schreiben. Lesen von Fachliteratur und Denken sind anspruchsvoll, doch Schreiben noch viel mehr. Denn gut nachgedacht ist noch lange nicht halb geschrieben. Sobald man einen glasklar geglaubten Gedanken zu Papier bringen will, sendet das Gehirn plötzlich nur noch Erinnerungen an 1001 Katzenvideos oder anderen Mist. Dann muss man sich konzentrieren: Was genau will ich eigentlich sagen? Schreiben heißt, seine Gedanken aus dem Wirrwarr des Kopfes herauszuarbeiten. Und weil das anstrengend ist, schaut man zur Beruhigung noch mehr Katzenvideos. Was nur alles schlimmer macht.

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          Der Professorin geht es da nicht anders als dem Ersti, die Leiderfahrung des Schreibens vereint alle. Nur, dass die Professorin vielleicht kein Instagram für hochwertigen Cat-Content hat? Google und Social Cat Media sei Dank bekomme ich jetzt zumindest immer Werbung für teure Online-Schreibkurse angezeigt und für Videos à la „10 Dinge, die Du für eine 1.0-Masterarbeit tun musst“. Doch wenn ich mir das anschaue, läuft mir vor Entsetzen der Kaffee aus dem Mund.

          Das Grundproblem der meisten Schreibcoach-Videos ist, dass sie das Schreiben als heilige Passion verklären. Ihre Logik: Wenn du nur in allen Lebensbereichen genügend auf dich nimmst und reichlich leidest, wirst du mit einer guten Note belohnt. So funktioniert das aber nicht. Denn man kann noch so viel Studentenfutter fressen, sich beim Yoga verrenken und auf Spaß verzichten – wenn die Abschlussarbeit ihr Thema nicht richtig aufarbeitet, dann ist sie eben schlecht. Auch Ideen, wie eine „Mastermind-Gruppe“ an der Uni zu gründen, um mit Kommilitonen das richtige „Mindset“ zu entwickeln und sich gegenseitig am eigenen Leid aufzugeilen, hören sich nach einer gewissen Logik vielleicht naheliegend an. Sie lösen aber kein einziges Problem. Eine Abschlussarbeit ist keine Religion. An das Gute zu glauben und erfolgreiche CEOs mit Studienabschluss als Vorbilder zu erwählen, bringt der Arbeit nichts. Der hilft etwas anderes viel mehr: hinsetzen, denken, schreiben.

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