https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/studium-beendet-erwartungen-des-umfelds-nach-dem-abschluss-18320703.html

Kolumne „Uni live“ : Master ohne Masterplan

  • -Aktualisiert am

Verloren im Labyrinth der Zukunfts-Möglichkeiten Bild: Reuters

Das Studium ist zu Ende und jetzt erwarten alle und man selbst, dass Großes passiert. Was, wenn nicht?

          4 Min.

          „Was machst du danach?“ In meinem Leben hatte ich bisher immer eine gute, oder zumindest für mich zufriedenstellende Antwort auf diese Frage. Ich war stets bemüht den Erwartungen meines Umfeldes – und mir selbst – zu genügen. Nach der Schule ging ich ins Ausland – nicht besonders rebellisch oder außgewöhnlich. Zurück kam ich zwar mit viel Lust weiter zu reisen, aber auch mit einem Studienplatz fürs Bachelorstudium. Das füllt praktischerweise mindestens drei Lebensjahre mit einem gesellschaftlich anerkannten Lernweg. Ich habe dann noch ein paar Praktika und ein Auslandssemester eingeschoben und so hat mich sogar beinahe vier Jahre lang niemand gefragt, wie es eigentlich mit meinem Leben weiter gehen soll.

          Aber auch danach war die Antwort eigentlich einfach – studieren und lernen machten mir Spaß, ich fühlte mich wohl im universitären Umfeld. Nach meinem Bacherlorabschluss war dann der nächste logische Schritt ein Masterstudium: Neue Richtung, neue Stadt, neue Freundinnen und Freunde.

          Ich war zufrieden. Ab dem zweiten Masterjahr wurden dann aber die Fragen, was ich wirklich mal mit meinem Leben machen wolle häufiger. Meine Oma, die ihrerzeit acht Jahre lang zur Schule ging und in der Hauswirtschaftsschule lernte, wie man eine gute Ehe- und Hausfrau wird, begann sich und mich zu fragen, zu was so viel lernen eigentlich nützlich sei. Ob man wirklich, unbedingt so lange an die Uni müsse. Man müsse nicht, aber ich wolle das, versuchte ich zu erklären.

          Auto, Heirat, Haus

          Dann kam Corona, ein weiteres Auslandssemester aus vorgesehenen zwei Jahren Masterstudium waren drei geworden. In der Zeit kauften meine Schulfreunde und -freundinnen Autos, heirateten oder machten sich auf die Suche nach Möglichkeiten für Haus- und Wohnungskauf. Ich freute mich für sie und über meine WG mit Wohnzimmer während ich fröhlich weiter studierte. Noch immer hatte ich keine große Angst vor der Frage: „Was kommt danach?“. Ich wollte erstmal meine Masterarbeit fertig schreiben, danach könnte ich weiter schauen, irgendwas würde schon kommen.

          Immer mehr Freunde und Freundinnen unterschrieben unbefristete Arbeitsverträge. Sie hatten plötzlich Arbeitswochen mit 40 Stunden, Urlaubstage mussten genau abgezählt werden und einige wenige verfügten jetzt über ein schwindelerregend hohes Gehalt. Ich googelte mal wieder, wie man Seitenzahlen in Word richtig formatiert und ärgerte mich übers Essen in der Mensa. Die Frage „Was machst du danach?“ hörte ich jetzt noch häufiger.

          Langsam fühlte ich einen gewissen Druck, wenn wieder jemand fragte. Spätestens nach dem Tag, an dem ich meine Masterarbeit abgegeben hatte, wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, um damit zu beginnen, Bewerbungen zu schreiben und Karriereschritte zu planen. Ich machte stattdessen eine Abschlussparty und fuhr dann einige Wochen mit dem Zug durch Europa.

          Plötzlich gibt es den nächsten bequemen Schritt nicht mehr

          Auf die Frage, wie es danach weiter gehen sollte mit meinem Leben, hatte und habe ich aber keine Antwort. Zum ersten Mal weiß ich nicht, wie ich meine und die gesellschaftlichen Erwartungen an mich erfüllen soll. Plötzlich gibt es nicht mehr den einen nächsten, bequemen Schritt, den ich gehen kann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Dem Rauche gleich, der stets nach kältern Himmeln sucht.“ So sah sich einst Nietzsche. Aber Otto Normalverbraucher hat es halt gerne warm und gemütlich.

          Heizen mit Holz : Der Qualm der Krise

          Das Gas ist teuer, die Sorgen groß – und nun? Das Naturprodukt Holz aus der Region zu verfeuern, klingt umweltfreundlich und nachhaltig. Tatsächlich ist es aber weder das eine noch das andere.
          Rückblick ins Heute: Auch wenn „Nullpunkt“ in der Vergangenheit spielt, ist es noch heute aktuell.

          Buch zum Krieg in der Ukraine : Der Hipster-Held an der Front

          Der ukrainische Schriftsteller Artem Tschech ist jetzt Soldat. 2015 wurde er zum ersten Mal einberufen, 2022 noch einmal. Über den alten Krieg hat er ein geniales Buch geschrieben. Sein „Nullpunkt“ ist so literarisch wie aktuell.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.