https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/studierendenparlament-fussball-saufen-feiern-slogans-17886576.html

Wahlen zum Studentenparlament : Wenn Harry Potter das Programm dominiert

  • -Aktualisiert am

Politischer Klamauk vor Wahlen des Studentenparlaments sind keine Seltenheit. Bild: dpa

Treten Quatsch-Gruppen zu den Wahlen des Studierendenparlaments an, sorgt das im besten Fall für eine höhere Wahlbeteiligung. In der digitalen Lehre ziehen aber auch die „Fußball, saufen, feiern“-Slogans kaum.

          3 Min.

          „Dumbledores Armee“ hat sich neu aufgestellt. Die Studierendenvereinigung kämpft an der Uni Hamburg für mehr Magie am Campus, Butterbier in den Mensen und Professor Dumbledore als neuen Hochschulpräsidenten. Vergeblich, der neue Präsident ist Arzt, kein Hexenmeister aus Harry Potter, und auch sonst verzauberte Liste 13 nicht bei den letzten Wahlen zum Studierendenparlament (StuPa): Nicht mal drei Prozent der Studierenden wählten die Armee, die in der neuen Wahlperiode erstmalig mit einem Sitz vertreten ist. Ebenso wie Liste 1 „Fußball, saufen, HSV“, deren Name Programm ist („Keine Lehrveranstaltungen an Spieltagen“), oder Liste 5 „Make Mensa great again“ mit ihrem Slogan „Preise runter, Genuss rauf!“

          Spaßgruppen in der Studierendenvertretung sind kein neues Phänomen. Andreas Keller, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), zieht eine Linie zu den Nachfolgeorganisationen der 68er-Bewegung: „Die Spontis haben ganz bewusst gegen die bierernste linke Politik der Marxisten auf Spaß gesetzt“, sagt er. „Spontis“, so nannten sich bis in die Achtzigerjahre hinein antiautoritäre Aktivisten, die sich – links, aber lustig – von den hierarchisch organisierten kommunistischen Kaderorganisationen absetzten. Heute sei das Spektrum viel unübersichtlicher, sagt der Gewerkschafter. Es reiche von entlarvender Satire bis weit ins rechtskonservative Lager, das sich bisweilen hinter ulkigen Listen tarne. Die Spaßgruppen nicht ernst zu nehmen oder als unpolitisch abzutun sei daher falsch. „Die haben sich ja entschieden, den Politikbetrieb zu kritisieren und sich zu engagieren“, sagt Keller.

          „Man kennt sich, die Zusammenarbeit funktioniert“

          Manchmal entsteht die Liste aus einer Laune heraus. Dann reicht schon ein eingängiger Titel oder der Wunsch, eine Party aus dem Topf des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) finanziert zu bekommen. Um aus dem Jux Ernst werden zu lassen, bedarf es viel Engagements und der Vernetzung mit den Studierendenvertretungen. „Man kennt sich, die Zusammenarbeit funktioniert“, sagt Antonia Peikert über die Liste „Fußball, saufen, HSV“, die bereits zum dritten Mal im Hamburger StuPa dabei ist.

          Peikert ist Referentin für Hochschulpolitik im AStA und sieht die Spaßlisten als zweischneidiges Schwert. Einerseits sei es eine Möglichkeit, unpolitische Studierende überhaupt noch anzusprechen, andererseits sei genau dieser Umstand nicht begrüßungswert. „Ich selbst würde nicht auf eine Spaßliste gehen“, sagt die Jurastudentin, die sich bei den Jusos Hamburg engagiert.

          Eines allerdings kann man den Juxgruppen sicher nicht vorwerfen: an der im ganzen Land niedrigen Wahlbeteiligung schuld zu sein. „Das zieht nichts ab von der Ernsthaftigkeit der anderen Listen, die Studierenden können das sehr wohl trennen“, sagt Lone Grotheer. Die Journalismusstudentin ist Vorständin beim Freien Zusammenschluss von Studentinnenschaften (fzs). Ihre Erklärung für die niedrige Beteiligung: „Hochschulpolitik ist oft wenig greifbar.“

          Studium steht nicht mehr im Mittelpunkt

          Das gelte erst recht in Zeiten digitaler Lehre, wo Fachschaftspartys, AStA-Veranstaltungen und die Begegnung auf dem Campus flachfallen. „Um Menschen zu erreichen, braucht es den persönlichen Kontakt“, sagt Grotheer. Den hat nicht nur Corona erschwert, sondern auch ein geändertes studentisches Selbstverständnis. Es sieht Hochschule weniger als „Ort der ganzheitlichen Bildung“ denn als „Ausbildungsstätte“, die man möglichst glatt durchlaufe, meint Peikert. Dazu kommen zeitliche und finanzielle Zwänge: „Zwei Drittel der Studierenden sind erwerbstätig – im Studium und nicht nur in den Semesterferien wie früher“, sagt Gewerkschafter Keller. Zudem hätten viel mehr Studierende Familie.

          Eine sichtbare Folge: Das Studium steht nicht mehr im Mittelpunkt des Lebens. Und die Hochschulpolitik gerät aus dem Blickfeld. Als Gegenmittel empfiehlt Keller einheitliche StuPa-Wahltermine bundesweit, ähnlich wie bei den Betriebsratswahlen, oder wenigstens eine Zusage der Hochschulen, die Termine offensiv zu bewerben. Es ist Wahl – und die Studierenden kriegen es nicht mit, dieses Argument wollen politisch Aktive nicht gelten lassen. Jeder habe die Infos erhalten und die Chance zu wählen, betont Lone Grotheer. „Die Wahlbeteiligung ist so niedrig, weil das Desinteresse so groß ist“, sagt sie.

          „Make Mensa great again“

          Dabei haben sich Peikert und ihre Mitbewerber viel Mühe im Wahlkampf gegeben, die Mensa mit Flyern geflutet, alle zwei Meter Wahlplakate auf dem Campus aufgestellt und in den sozialen Medien alle Informationen gepostet. Den Vorwurf der Liste 5 „Make Mensa great again“, der AStA würde sich zu sehr und vergeblich um Weltpolitik und zu wenig um die Belange der Studierenden kümmern, will die Referentin für Hochschulpolitik nicht gelten lassen. „Wir machen gute Arbeit, sind für die Studierenden gut erreichbar und finden Lösungen für Probleme“, sagt sie selbstbewusst.

          Dass der AStA einen Millionenetat verwaltet und dabei auch mit den Verkehrsverbänden über das Semesterticket verhandelt, ist vielen Studierenden gar nicht bewusst. Auch nicht, dass Hochschulpolitik ein Feld ist, auf dem man fürs Leben lernt und dafür idealerweise auch noch bezahlt wird: Peikert führt ein kleines Team mit vier Leuten, verhandelt mit Autoritäten und schließt Kompromisse. „Man kann viel bewegen – weit mehr als eine bessere Schülervertretung“, sagt die 23-Jährige. Fehlt nur noch das Zaubermittel, um diese Botschaft unter den Studierenden zu verbreiten. Vielleicht reicht ja der eine Parlamentssitz von „Dumbledores Armee“ dafür schon aus.

          Weitere Themen

          Pendler in der eigenen Stadt

          Kolumne „Uni live“ : Pendler in der eigenen Stadt

          In Berlin zu studieren heißt: sich mit teils unerträglich langen innerstädtischen Pendelstrecken abfinden zu müssen. Das System der Busse und Bahnen ist gut, aber man verbringt zu viel Zeit darin. Was tun?

          Topmeldungen

          Gemeinsame Übung: Japanische und britische Soldaten im November in der Präfektur Gunma

          Militärische Verteidigung : Japan forciert eine Zeitenwende

          Mit Blick auf Nordkorea und China erhöht Japan den Wehretat drastisch. Tokio plant damit eine komplette Neuausrichtung der Verteidigung – und geht dabei anders vor als Deutschland.
          Annie Ernaux, aufgenommen 2022

          Französische Nobelpreise : Wie aber haltet ihr es mit dem Stil?

          Annie Ernaux erhält am Samstag den Literaturnobelpreis. Binnen vierzehn Jahren sind drei französische Schriftsteller damit ausgezeichnet worden, außer ihr Jean-Marie Gustave Le Clézio und Patrick Modiano. Was verbindet und was trennt sie?
          Xi Jinping wird vom saudischen Kronprinzen Muhammad Bin Salman empfangen

          Besuch in Saudi-Arabien : Großer Bahnhof für Xi

          Chinas Staatschef Xi Jinping und der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman zelebrieren ihr Treffen als historisches Ereignis. Beide schielen dabei nach Washington.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.