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Kolumne „Uni live“ : Wann lohnt sich ein Studienabbruch?

  • -Aktualisiert am

Schwarze Wolken im Kopf oder nur ein kurzer Durchhänger? Das muss man unterscheiden können! Bild: Lucas Bäuml

Die Abbrecherquote in Bachelorstudiengängen liegt bei mehr als einem Viertel. Doch egal wie normal diese Art von Scheitern geworden ist: Wer selbst vor der Entscheidung steht, hat einiges zu verdauen. Die Kolumne „Uni live“.

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          Eines Tages, irgendwann in meinem zweiten Journalismus-Semester, begegnete ich einer Kommilitonin vor der Uni-Mensa. Sie wirkte niedergeschlagen, müde. Dabei hatte ich sie im ersten Semester zwischen Campusrallye und Bierpong als lebenslustig und aufgedreht kennengelernt. „Ist alles in Ordnung?“, fragte ich. „Ich habe mich so auf das alles hier gefreut“, antwortete sie und ihre Stimme stockte dabei ein bisschen, „aber ich glaube, studieren ist einfach nichts für mich“. Ich sah ihr an, wie viel Überwindung sie diese Worte gekostet hatten.

          Vielleicht rollen Sie jetzt mit den Augen und fragen sich, warum eine junge Frau die Dinge so dramatisiert und in einer eigentlich gar nicht so ausweglosen Situation so verzweifelt ist. Schließlich gibt es - rational betrachtet - nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie beendet ihr Studium vorzeitig oder sie studiert weiter. Leider ist es manchmal nicht so einfach. Schließlich geht jeder anders mit belastenden Situationen um. Für den einen mag es kein großes Ding sein, das Studium abzubrechen und sich umzuorientieren. Für den anderen kommen Versagensängste, Orientierungslosigkeit und Druck auf.

          Ich kenne das mit dem Scheitern: Vor meinem Journalismus-Studium hatte ich zwei Semester Jura studiert. Schon in den ersten Wochen überkam mich ein mulmiges Gefühl, wenn ich den Campus betrat. In den Vorlesungen driftete ich immer wieder ab, fast automatisch wanderte meine Hand zur Hosentasche wo mein Handy war, nur um nicht zuhören zu müssen. Ich war sogar mal so verzweifelt, dass ich auf dem Weg nach Hause in der U-Bahn weinen musste. Zu Hause lag ich viel im Bett, um den Uni-Alltag vergessen zu können. Über wenige Monate und ohne es zu merken war ich in ein tiefes schwarzes Loch gerutscht. Dann, kurz vor der ersten Klausurenphase, packte es mich plötzlich und ich dachte mir: Wenn ich mich noch eine Sekunde länger mit Zivilrecht beschäftigen muss, dann werde ich wahnsinnig.

          Abbruch und Wechsel sind nicht ungewöhnlich

          Die Geschichten meiner Kommilitonin und mir sind keine Einzelfälle: Studien zeigen, dass die Abbrecherquoten in Bachelorstudiengängen an deutschen Hochschulen in den letzten Jahren beinahe konstant bei 27 Prozent lagen. Für Masterstudiengänge lag die Abbrecherquote bei 17 Prozent. Es ist also nicht ungewöhnlich, sein Studium vorzeitig zu beenden oder das Studienfach zu wechseln – ganz egal, in welchem Semester man ist.

          Welche Gründe sprechen für einen Studienabbruch oder Fachwechsel? Bei meiner Kommilitonin lag es wohl an zu vielen schillernden Erwartungen, die sie an ihr Studium hatte und die schlicht nicht erfüllt werden konnten. Ihre Phantasie vom Studienalltag und die doch manchmal sehr triste Realität passten einfach nicht zusammen. Ein Gefühl der Enttäuschung stellte sich bei ihr ein, was sie zuletzt tatsächlich zum Abbruch trieb.

          Bei mir lag es auch an falschen Vorstellungen, aber auf eine eher inhaltliche Art. Als angehende Juristin wollte ich für Gerechtigkeit einstehen. Dass ein Jurastudium jedoch wenig mit Gerechtigkeit, sondern vielmehr mit Paragraphen zu tun hat,die manchmal aus meiner Sicht sogar Ungerechtigkeiten legitimieren, passte nicht zu meinen Werten. So schwand mein Interesse für das Fach von Woche zu Woche, bis letztlich kaum mehr etwas übrigblieb, außer schwarze Wolken im Kopf, Ängstlichkeit und Traurigkeit. Sollte auch nur einer der angesprochenen Punkte zutreffen, sollte man meiner Erfahrung nach überlegen, sein Studium abzubrechen. Dazu kann es helfen, seine Freunde oder Familie an den Überlegungen teilhaben zu lassen oder sich professionelle Hilfe bei Beratungsstellen, wie beispielsweise dem Psychologischen Dienst oder der Allgemeinen Studien- und Abbruchberatung, zu suchen.

          Durchhänger sind normal

          Natürlich gibt es aber auch gute Gründe, nicht abzubrechen. Man sollte nichts überstürzen, wenn das Studium fast abgeschlossen ist und nur noch wenige Prüfungen zu bewältigen sind. Sollte die psychische Belastung nicht allzu hoch sein, empfiehlt es sich vielleicht, das Studium erst einmal abzuschließen und über ein Zweitstudium im Anschluss nachzudenken. Zudem sollte man sich darüber bewusst sein, warum man sich in seinem Studienfach nicht wohl fühlt. Ist es wirklich das Fach, das uninteressant ist oder sind es vielleicht die Kommilitonen? Und in stressigen Lernphasen zweifelt wohl jeder mal an seinem Studium. Das ist normal und geht vorbei. Kein Grund, voreilig das Handtuch zu werfen.

          Mein plötzlicher Studienabbruch führte jedenfalls dazu, dass die dunklen Wolken in meinem Kopf allmählich verschwanden. Ich besann mich auf meine Leidenschaft, das Schreiben und immatrikulierte mich für Journalismus. Bis heute bereue ich diese Entscheidung nicht.

          Lina von Coburg (22 Jahre alt) studiert im Bachelorstudiengang Publizistik in Mainz. Neben ihrem Studium schreibt sie Gedichte, philosophiert über das Leben und macht sich Gedanken darüber, wie man als angehende Journalistin bestehen kann.

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