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Studienabbruch : Späte Auslese

  • -Aktualisiert am

Studenten bei einer langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten Bild: Picture-Alliance

Fast ein Drittel der Studenten bricht das Studium ab. Die Politik schweigt gern darüber. Denn es ist ihr eigener Fehler.

          3 Min.

          Studienabbrecher sind die Stiefkinder der deutschen Hochschulen. Pflichtbewusst werden sie als bedauerlicher Verlust bewertet, gegen den selbstverständlich Maßnahmen zu ergreifen seien. Andererseits hält sich das Interesse der Hochschulen an den Abbrechern in engen Grenzen. Bestenfalls kann man die Ursachen den Schulen in die Schuhe schieben und darauf verweisen, dass es eigentlich nicht zu den Aufgaben der Hochschulen gehöre, die Defizite der Gymnasien auszugleichen. Wer abbricht, sei trotz formaler Berechtigung einfach nicht reif gewesen für ein Hochschulstudium.

          Doch auch diese Entlastungsstrategie hat ihre Tücken, denn eigentlich müssten die Hochschulen dann konsequenterweise die hohen Abbrecherquoten zum eigenen Erfolg erklären, bewiesen sie doch das Funktionieren der internen Selektion. Aber dann müsste man das Studium selbst zu einer Art langgezogenem Aufnahmetest erklären und darauf bestehen, man könne eben nicht jeden aufnehmen und auch nicht jeden zum Studienerfolg führen. Man könnte dann, Gipfel der Ehrlichkeit, auch die Erleichterung kundtun, die die Abbrecher für das ohnehin längst überlastete System bedeuten. Führten die Maßnahmen zur Senkung der Abbrecherquoten nämlich tatsächlich zum Erfolg, würde das nur zu einer weiteren Zunahme der Studenten, Absolventen und Abschlüsse führen. Und das in einem Hochschulsystem, dessen Pro-Kopf-Ausgaben für seine Studenten schon seit zehn Jahren nicht mehr gestiegen sind, wie kürzlich der Wissenschaftsrat beklagt hat. Sind die Hochschulen ihren Abbrechern also nicht eigentlich zum Dank verpflichtet?

          Wo die Motivation fehlt

          Nach jüngsten Berechnungen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) lag die Abbruchquote des Absolventenjahrgangs von 2016 im Bachelorstudium insgesamt über alle Hochschularten und Fächern hinweg bei 28 Prozent. Bei den Masterstudiengängen lag die Quote sowohl bei den Universitäten als auch an den Fachhochschulen bei neunzehn Prozent. Die entscheidenden Selektionsschwellen zum Studienerfolg, so Ulrich Heublein und Robert Schmelzer vom DZHW, seien eher in der ersten Phase des Studiums zu finden. Mangels belastbarer Erkenntnisse seien Aussagen über die Gründe für Abbrüche im Masterstudium bislang allerdings nicht möglich. Es könnte sich bei diesen neunzehn Prozent zum Teil auch um unechte Abbrüche handeln, da dem Master mit dem Bachelor ja bereits ein Hochschulabschluss vorausgehe, der für einen erfolgreichen Übergang in den Arbeitsmarkt durchaus ausreichen könnte. Auf jeden Fall gelte, dass die Abbrecher offensichtlich an einem Selektionsprozess gescheitert seien. Wer den verstehen will, muss Fächer vergleichen. Die Zahlen des DZHW belegen, dass es hier massive Unterschiede gibt.

          Brachen etwa 46 Prozent der Informatikstudenten ihr Studium ohne Abschluss ab, taten das nur neun Prozent der Architekturstudenten. Den höchsten Studienabbruch weist die Mathematik mit 54 Prozent auf. Aber auch die Erziehungswissenschaften haben mit nur zwölf Prozent eine erstaunlich niedrige Abbrecherquote. Dazwischen liegen die Geisteswissenschaften mit durchschnittlich 37 Prozent Abbrüchen. Heublein zufolge ist der Abbruch bei den Ingenieuren stark durch Leistungsprobleme bestimmt. Vor allem eine ungenügende Studienvorbereitung und mangelhaftes Bewältigen der Studieneingangsphase trage hier zum Abbruch des Studiums bei. Ist es hier also eher der Stoff, an dem Studenten scheitern, liege es in den Geisteswissenschaften vor allem an „ungenügender Studienmotivation und fehlender Fach- und Berufsidentifikation“. Es sei hier den Fakultäten noch zu wenig gelungen, ihren Studenten „motivierende Identifikationsangebote und berufliche Möglichkeiten“ aufzuzeigen.

          Tatsächlich? Ist es wirklich die Aufgabe von Fakultäten, ihre studentischen Mitglieder nachträglich zu einem Studium zu motivieren, zu dessen Aufnahme sich diese aus freien Stücken entschlossen haben? Könnte man nicht auch sagen, da ist einer eben nicht motiviert, Kleist, Kafka oder Brecht zu lesen, weil schon Gymnasium und Elternhaus die Lust am Buch nicht entzünden konnten, also sollte er sein Studium der Germanistik schleunigst beenden, anstatt die Fakultät mit seinem Identifikationsmangel zu belästigen?

          Die Ergebnisse einer breit angelegten Studie von Heublein vom vergangenen Jahr belegen allerdings, dass die in allen Fächern dominierende Ursache von Studienabbrüchen vor allem der Stoff, die Prüfungen und der Leistungsdruck sind. Dreißig Prozent aller Studienabbrecher nannten Leistungsprobleme als Grund für den Ausstieg, nur siebzehn Prozent Motivationsprobleme. Und am häufigsten bei den Leistungsproblemen: endgültig nicht bestandene Prüfungen. Bewertet man die Abbruchquoten von diesem Befund her, könnte man sie erst recht als Nachweis der Hochschulen begrüßen, ihre Leistungserwartungen transparent und überprüfbar zu halten.

          Bei einer Prüfung endgültig durchzufallen ist eine persönliche Enttäuschung. Es ist nicht zu bestreiten, dass diese Enttäuschung auch manches wissenschaftliche Talent trifft, das die Wissenschaft unter besseren Studienbedingungen hätte bereichern können. Das ist allerdings kein Grund, Leistungsanforderungen zu reduzieren, sondern die Studienbedingungen zu verbessern.

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