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Streitschrift zur Schulpolitik : Wo es Reformeifer tatsächlich braucht

Ist die deutsche Schulpolitik eine Einbahnstraße? Bild: dpa

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, nimmt in einer Streitschrift die Schulpolitik ins Visier. Den Kultusministern wirft er Versagen in der Pandemie vor.

          3 Min.

          Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, ist einer der bekanntesten Interessenvertreter des Landes. In der Pandemie verging zeitweilig kein Tag, ohne dass er in irgendeinem Medium mit einer zugespitzten Äußerung zitiert worden wäre. Sein Eintreten galt dabei meist der Einhaltung oder Anpassung von Hygiene- und Stufenplänen. Im Oktober wurde er für seine Warnung, die Kultusminister sollten ihre „Salamitaktik“ aufgeben – viele Schulen durften zu dieser Zeit nur in äußersten Notfällen auf Wechsel- oder Distanzunterricht umstellen –, sonst drohe bald eine Schließung des gesamten Systems, scharf kritisiert. Seine Voraussage wurde jedoch bald von der Realität bestätigt, der Lockdown auch für Schulen war nicht mehr aufzuhalten. Meidinger hatte in der unübersichtlichen, durch viele faule Kompromisse geprägten Situation Augenmaß und Standfestigkeit bewiesen.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Überraschend nun, dass dem sonst gerne etwas weitschweifig argumentierenden früheren Gymnasialschulleiter in diesem Buch knappe hundertdreißig Seiten genügen, um die „zehn Todsünden der Schulpolitik“ zu entfalten, wobei zudem die Redundanz nicht gering ist. Der auf dem Cover prangende Hinweis „Aktuell zur Coronakrise“ stimmt nur zum Teil, die auf die Pandemie bezogenen Passagen sind sehr knapp, wobei die zutage getretenen Missstände freilich auch keiner allzu tiefen Analyse bedürfen. Die Politik habe versagt, schreibt Meidinger, weil sie die Durchführung des Digitalpakts „ewig verschleppt“, die Einrichtung „funktionierender Lernplattformen“ verschliefen, einen Sanierungsstau von geschätzten 45 Milliarden Euro erzeugt und es versäumt habe, Lehrer ausreichend fortzubilden sowie genügend von ihnen einzustellen. Das Krisenmanagement der Kultusminister sei durch anhaltendes „Versagen“ geprägt gewesen. Dass schwerfällige Schulleitungen und anpassungsunwillige Lehrer an dem zum Teil planlosen Distanzunterricht eine Mitschuld trugen, bleibt im Buch unerwähnt.

          Lange Liste mit Kommunikationsversäumnissen

          Meidinger bedauert, dass durch die Corona-Krise einige wichtige Zukunftsthemen für Schulen in den Hintergrund getreten seien. Er nennt die Integration von Kindern mit Migrationskontext, das Auseinanderklaffen der Schulleistungen zwischen den einzelnen Bundesländern sowie die fehlende Vergleichbarkeit der Abschlüsse als Beispiele. Gerade die Frage nach einem vergleichbaren Abitur aber ist in den vergangenen Wochen stark in den Vordergrund getreten, und die Integrationsfrage hat in der Pandemie eine neue Tiefe erlangt. Gerne hätte man in diesem Buch mehr darüber gelesen, wie es mit den Abschlussprüfungen der Corona-Jahrgänge weitergehen soll und was unternommen werden kann, damit die ins Hintertreffen geratenen Kinder aus benachteiligten Verhältnissen schnell wieder aufschließen. Doch zu diesen Themen schreibt Meidinger kaum etwas – anders als zu wohlbekannten Dauerbrennern wie „Schreiben nach Gehör“ oder „Bestnoteninflation“.

          Heinz-Peter Meidinger: „Die 10 Todsünden der Schulpolitik“. Eine Streitschrift. Claudius Verlag, München 2021. 126 S., geb., 15,– €.
          Heinz-Peter Meidinger: „Die 10 Todsünden der Schulpolitik“. Eine Streitschrift. Claudius Verlag, München 2021. 126 S., geb., 15,– €. : Bild: Verlag

          Die Hauptkritik des Autors an der deutschen Schulpolitik zielt auf den blinden Reformeifer in den wechselnden deutschen Kultusministerien der letzten Jahrzehnte. Doch in dieser Akzentuierung liegt ein Grundwiderspruch des Buches. Einerseits soll nach Meidingers Wunsch eine Beruhigung eintreten, am besten ein Status vor G8 und den verschiedenen Gemeinschaftsschulprojekten etabliert werden. Andererseits hat die Corona-Pandemie gezeigt, und Meidinger selbst hat es eingangs festgestellt, dass enormer Reform- und Gestaltungsbedarf im Schulsystem besteht. Nicht zu vergessen, dass sich in der Corona-Krise durch die digitale Praxis in einigen Bereichen auch Verbesserungsmöglichkeiten ergeben haben, deren Übernahme in den Regelbetrieb man dringend ins Auge fassen sollte. So besteht die „Todsünde Nummer Acht“ in Meidingers Streitschrift darin, dass „massiver“ Unterrichtsausfall an Schulen seit Jahren hingenommen werde. Mit einer gut organisierten Lernplattform aber könnten Schüler, sollte ein Lehrer erkrankt sein, vergleichsweise problemlos, durch selbständiges Arbeiten am Computer in der Stundenplanung verbleiben. Damit gäbe es schon eine Todsünde weniger.

          Widerspruchsfrei ist auch Meidingers Sicht auf die Inklusion an Regelschulen nicht, die er im zweiten Kapitel darlegt. Hier erweckt er über weite Strecken den Eindruck, als sei das Inklusionskonzept per se zum Scheitern verurteilt, da es kaum irgendwo an einer Regelschule in verantwortlicher Weise umgesetzt werde. Mit dieser letzten Diagnose mag der Autor nicht falsch liegen, die personelle Unterbesetzung bei der Förderung von Inklusionskindern spricht aber noch nicht grundsätzlich gegen das Konzept eines gemeinsamen Unterrichtens von Kindern mit und ohne Behinderung. Es ist einseitig, die Inklusion, so wie Meidinger es tut, als Ausgeburt menschenferner „Ideologie“ darzustellen. Ebenso gut könnte man das Konzept als Ausdruck ebenjenes „Humanismus“ betrachten, den Meidinger im vierten Kapitel beschwört, wenn es ihm um die Abwehr der Ökonomisierung von Schulen etwa durch das G8-Abitur geht. Der Präsident des Lehrerverbands hat sich gelegentlich schon differenzierter zum Thema „Inklusion“ geäußert.

          Wichtig ist Meidingers Plädoyer für die ins Hintertreffen geratene berufliche Bildung im neunten Kapitel. Mit seiner Kritik an der „fehlenden Einbeziehung und Partizipation“ von Lehrern, Schülern und Eltern bei den Pandemie-Entscheidungen der Kultusminister gibt er einen Anstoß mit viel Potential. Angesichts seiner kompakten Aufzählung von Kommunikationsversäumnissen in der Corona-Krise kann man tatsächlich nur den Kopf schütteln. Die Kultusministerkonferenz tauge nicht als Entscheidungsinstanz in Krisenzeiten, schreibt Meidinger zum Schluss. Diese Diagnose wird so bald wohl nicht widerlegt werden.

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