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Stipendien : Danke, Studienstiftung!

  • -Aktualisiert am

Viele Studenten träumen von einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes. Aber längst nicht jeder ist im Auswahlverfahren erfolgreich. Eine Teilnehmerin berichtet.

          4 Min.

          Ich blättere nervös in meinen Bewerbungsunterlagen. Die Worte meiner Mutter klingen mir noch in den Ohren. „Wir waren damals ein Wochenende eingesperrt, von der Außenwelt abgeschnitten. Es ging nur darum, wer am längsten durchhält. Die Hälfte ist schon nach einem Tag gegangen.“ Ob der Weg zur Studienstiftung des deutschen Volkes jemals wirklich so hart war, kann ich kaum überprüfen. Aber wie hart er heute ist, werde ich herausfinden. Es ist Freitagmittag, wir sitzen im Parkplatz vor der Jugendherberge Speyer, wo in ein paar Minuten das Auswahlseminar beginnt.

          Den ersten überraschenden Hinweis gibt eine Sprecherin des ältesten und größten Begabtenförderungswerkes in Deutschland schon zwei Stunden später, als sie uns noch einmal mit den wichtigsten Fakten über die Studienstiftung versorgt. Demnach sind wir alle keineswegs knallharte Konkurrenten. Denn von den 50 Anwesenden können theoretisch alle in die Stiftung aufgenommen werden - oder keiner. Durchschnittlich werde aber ein Drittel der Bewerber aufgenommen, sagt sie. Ich lerne außerdem, dass sich das Fördergeld, ähnlich wie das Bafög, am Einkommen der Eltern orientiert. Auch diejenigen Stipendiaten, die deshalb keinen Anspruch auf ein „Lebenshaltungsstipendium“ haben, erhalten aber 80 Euro Büchergeld.

          Feuchte Hände vor dem Einzelgespräch

          Der große Unterschied zum Bafög ist natürlich, dass man die Mittel nicht zurückzahlen muss. Womöglich noch interessanter als die finanzielle Unterstützung ist aber die ideelle Förderung. Es gibt zweiwöchige Sommerakademien mit verschiedenen Arbeitsgruppen, Sprachkurse und wissenschaftliche Kollegs, in denen sich die Stipendiaten in den nächsten zwei Jahren unter der Leitung zweier Dozenten mit bestimmten wissenschaftlichen Themen beschäftigen werden.

          Doch das ist Zukunftsmusik. Für das Wochenende werden die Bewerber in Sechsergruppen aufgeteilt, in der jeder ein 10 Minuten langes Referat hält, über das anschließend 20 Minuten diskutiert werden soll. Weniger klar ist, was in den zwei 40 Minuten dauernden Einzelgesprächen passieren wird, die jeder Bewerber mit Mitgliedern der Auswahlkommission führt. Es kursieren die wildesten Gerüchte. Einige sagen, es gebe ein „fachbezogenes Gespräch“. Andere behaupten, man werde über die neuesten Forschungsergebnisse oder politische Entwicklungen ausgefragt. An sich soll es jedoch Ziel des Gesprächs sein, die Angaben im Lebenslauf zu überprüfen und herauszufinden, ob der Gesprächspartner sein gutes Abiturergebnis durch logisches Denken oder nur durch Auswendiglernen erreicht hat.

          Wettbewerb oder Klassenfahrt?

          Zurück auf dem Zimmer tausche ich mit meinen Nachbarinnen Gedanken über die Stiftung aus. Im Gegensatz zu den anderen großen Begabtenförderungswerken ist die Studienstiftung partei- und konfessionsunabhängig. Ihre Bewerber werden von ihren Schulen oder Universitäten vorgeschlagen. Es wundert mich also nicht, dass ich zwischen Jahrgangsbesten, Preisträgern in Mathematik und langjährigen ehrenamtlichen Helfern sitze. Dabei sehen sie alle ganz normal aus!

          Das ganze Wochenende hat tatsächlich eher Klassenfahrts-, als Wettbewerbscharakter. Die korrekten Mathestreber und schleimigen Erste-Reihe-Sitzer, die ich erwartet hatte, scheinen zu Hause geblieben zu sein. Und an Freizeit mangelt es nicht, es gibt genug davon für lange Spaziergänge am nahe gelegenen Rhein und eine Erkundung der Innenstadt von Speyer. Das Angebot, mit ein paar Leuten noch in die Kneipe zu gehen, lehnen wir am ersten Abend trotzdem ab. Immerhin sollen wir am nächsten Morgen in der Diskussionsrunde unsere Referate präsentieren.

          In der Runde achten die Prüfer nicht nur darauf, ob die Diskussionsmitglieder konstruktive Beiträge leisten und wie der Referent spricht, sondern auch darauf, ob er alle Teilnehmer in die Diskussion einbinden kann. Am meisten fürchte ich mich davor, dass auf meine These absolute Stille folgt oder die Diskussion schon nach wenigen Argumenten verebbt. Doch die Angst ist völlig unbegründet. Meine Mitstreiter sind nämlich genauso erpicht wie ich darauf, ihr Bestes zu geben. Letztendlich ist es schwieriger als gedacht, uns wieder zum Schweigen zu bringen, viele Diskussionen schwappen in die darauf folgenden Pausen über.

          Mit Shakespeare nach Ägypten

          So schwindet der Respekt vor den Einzelgesprächen. Nur zur Sicherheit lasse ich mich vorher von meiner Zimmernachbarin noch schnell über die wichtigsten Fakten der Stammzellforschung ins Bild setzen. Befragt werde ich von einer Germanistin, der Großteil des Gesprächs dreht sich tatsächlich um meinen Lebenslauf. Die Frage, wie ich mir Shakespeares Persönlichkeit vorstelle, wirft mich allerdings kurz aus der Bahn. Ich stottere und stolpere ein wenig über meine Worte und wir lachen beide. Das Gespräch ist angenehm, keine „Überprüfung“, die meisten Fragen sind interessante Denkanstöße.

          Doch mein zweiter Prüfer ist nicht ganz so gnädig. Wir hangeln uns zwar ebenso an meinem Lebenslauf entlang, aber es scheint, dass der Biologie-Professor besonders gerne Themen aufgreift, die ich nur am Rande erwähne. Das bedeutet, dass ich mir schnell zu den unterschiedlichsten Themen Gedanken machen muss. Wir reden nicht nur über die Probleme Äthiopiens und die Finanzkrise, sondern auch über meine Biologienoten und die Stammzellforschung. Er schließt mit der Frage, an welchen Ort der Welt ich am liebsten reisen würde - und warum. Ich entschied mich für Addis Abeba in Äthiopien. Dort steht die Partnerschule meines Gymnasiums, für deren Förderung wir kurze Zeit vorher einen Verein gegründet hatten.

          Kleiner Umschlag, große Enttäuschung

          „Fachliche Exzellenz, Motivation, Kommunikationsfähigkeit, soziale Kompetenz und außerfachliche Interessen“, so heißt es offiziell, geben bei der Auswahl den Ausschlag. Wie genau mein Lieblingsreiseziel da weiterhilft, ist mir schleierhaft. Und ich habe am Ende nicht den Hauch einer Ahnung davon, wie meine Prüfer mich einschätzen. Drei Stunden dauert die Bahnfahrt zurück, die ich am Sonntag zusammen mit einer Handvoll anderen Bewerbern aus meiner Heimatstadt antrete. Sie sind offenbar genauso ahnungslos wie ich. Wird es ein großer oder ein kleiner Umschlag sein, der bald im Briefkasten liegt - das ist die Frage, die wir uns alle stellen.

          Für mich ist sie drei Tage später beantwortet. Ein kleiner Umschlag, eine Absage also. Ich konnte den Biologie-Professor nicht von meinen Qualitäten überzeugen, war ja klar. Oder war es doch die Germanistin, die am Ende nein gesagt hat? Meine Mutter fragt sich noch 28 Jahre nach ihrem Auswahlseminar, warum es nicht gereicht hat. Wird es mir auch so gehen? Das Wochenende jedenfalls war keine verschwendete Zeit, sondern ein gutes Bewerbungstraining. Und meinen sozialen Horizont habe ich auch noch erweitert. Ganz im Ernst: Danke, Studienstiftung.

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