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Stipendien : Danke, Studienstiftung!

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In der Runde achten die Prüfer nicht nur darauf, ob die Diskussionsmitglieder konstruktive Beiträge leisten und wie der Referent spricht, sondern auch darauf, ob er alle Teilnehmer in die Diskussion einbinden kann. Am meisten fürchte ich mich davor, dass auf meine These absolute Stille folgt oder die Diskussion schon nach wenigen Argumenten verebbt. Doch die Angst ist völlig unbegründet. Meine Mitstreiter sind nämlich genauso erpicht wie ich darauf, ihr Bestes zu geben. Letztendlich ist es schwieriger als gedacht, uns wieder zum Schweigen zu bringen, viele Diskussionen schwappen in die darauf folgenden Pausen über.

Mit Shakespeare nach Ägypten

So schwindet der Respekt vor den Einzelgesprächen. Nur zur Sicherheit lasse ich mich vorher von meiner Zimmernachbarin noch schnell über die wichtigsten Fakten der Stammzellforschung ins Bild setzen. Befragt werde ich von einer Germanistin, der Großteil des Gesprächs dreht sich tatsächlich um meinen Lebenslauf. Die Frage, wie ich mir Shakespeares Persönlichkeit vorstelle, wirft mich allerdings kurz aus der Bahn. Ich stottere und stolpere ein wenig über meine Worte und wir lachen beide. Das Gespräch ist angenehm, keine „Überprüfung“, die meisten Fragen sind interessante Denkanstöße.

Doch mein zweiter Prüfer ist nicht ganz so gnädig. Wir hangeln uns zwar ebenso an meinem Lebenslauf entlang, aber es scheint, dass der Biologie-Professor besonders gerne Themen aufgreift, die ich nur am Rande erwähne. Das bedeutet, dass ich mir schnell zu den unterschiedlichsten Themen Gedanken machen muss. Wir reden nicht nur über die Probleme Äthiopiens und die Finanzkrise, sondern auch über meine Biologienoten und die Stammzellforschung. Er schließt mit der Frage, an welchen Ort der Welt ich am liebsten reisen würde - und warum. Ich entschied mich für Addis Abeba in Äthiopien. Dort steht die Partnerschule meines Gymnasiums, für deren Förderung wir kurze Zeit vorher einen Verein gegründet hatten.

Kleiner Umschlag, große Enttäuschung

„Fachliche Exzellenz, Motivation, Kommunikationsfähigkeit, soziale Kompetenz und außerfachliche Interessen“, so heißt es offiziell, geben bei der Auswahl den Ausschlag. Wie genau mein Lieblingsreiseziel da weiterhilft, ist mir schleierhaft. Und ich habe am Ende nicht den Hauch einer Ahnung davon, wie meine Prüfer mich einschätzen. Drei Stunden dauert die Bahnfahrt zurück, die ich am Sonntag zusammen mit einer Handvoll anderen Bewerbern aus meiner Heimatstadt antrete. Sie sind offenbar genauso ahnungslos wie ich. Wird es ein großer oder ein kleiner Umschlag sein, der bald im Briefkasten liegt - das ist die Frage, die wir uns alle stellen.

Für mich ist sie drei Tage später beantwortet. Ein kleiner Umschlag, eine Absage also. Ich konnte den Biologie-Professor nicht von meinen Qualitäten überzeugen, war ja klar. Oder war es doch die Germanistin, die am Ende nein gesagt hat? Meine Mutter fragt sich noch 28 Jahre nach ihrem Auswahlseminar, warum es nicht gereicht hat. Wird es mir auch so gehen? Das Wochenende jedenfalls war keine verschwendete Zeit, sondern ein gutes Bewerbungstraining. Und meinen sozialen Horizont habe ich auch noch erweitert. Ganz im Ernst: Danke, Studienstiftung.

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