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Stichprobe : Wie Studenten denken

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Bild: Greser & Lenz

An den Universitäten herrscht eine große Hilflosigkeit vor Texten und ein Mangel an Urteilskraft. Das zeigen etwa die hier dokumentierten Versuche von Studenten, eine Karikatur zu verstehen.

          7 Min.

          Die eigentliche Revolution des Bildungssystems, so die dafür zuständige Ministerin Schavan, sei die Revolution der Lernkultur. Was sie damit meinen könnte, wird angesichts der dramatischen Veränderungen im gesamten Bildungswesen zunehmend deutlich. Mit der Bachelor- und Modularisierung ihrer Studiengänge schließt die Universität nahtlos an die schulische Praxis der Wissensvermittlung an, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu vermitteln, ohne die lästige Frage zu stellen, was sich denn eigentlich zu wissen lohnt, und die Kunst zu lehren, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

          Das relevante Wissensformat einer solchen allein an der Normativität des Faktischen orientierten Informations- und Mediengesellschaft ist das jeweils für aktuell erklärte „Lehrbuch“ sowie die in Skripten und Powerpoint-Präsentationen niedergelegten Auffassungen des Dozenten, also das „prüfungsrelevante Kompaktwissen“. Das „Design der Module und der Aufbau des Studiums“, so die Hochschulrektorenkonferenz, „fokussiere auf die zu erwerbenden Kompetenzen und damit auf die ,Learning Outcomes’ der Studierenden“.

          Der Student lernt dementsprechend Antworten auf Fragen auswendig, die er selbst nie gestellt hätte. Ein Problem als Problem zu behandeln, eine Frage als Frage zu erörtern ist daher nicht das Ziel modularisierter Vorlesungen. Es werden nur Fragen gestellt, auf die es auch eine Antwort gibt, Beobachtungen gemacht, aus denen sich Regeln ableiten lassen. Die Erkenntnisse der Forschung werden auf Merksatzformate eingedampft, Lehrstreitigkeiten gelten als entschieden.

          Karikatur mit drei „r“

          Im Getriebe der mit der Erhöhung der Studierendenzahlen verbundenen Exzellenz- und Prominenzrhetoriken ist eine ganz wesentliche Frage nahezu vollständig in den Hintergrund getreten: Was, aber vor allem wie denken unsere Studenten?

          Im vergangenen Wintersemester habe ich in der Abschlussklausur zur Vorlesung „Einführung in die Soziologie“ neben drei anderen, ebenfalls offen gestellten Fragen die Studierenden gebeten, die obenstehende Karikatur von Greser & Lenz zu kommentieren. Dabei ging es mir darum festzustellen, ob junge Leute mit Abitur in der Lage sind, ein eigenständiges Urteil zu begründen. Es geht mir nicht darum, die Studierenden zu blamieren, indem man auf die verbreiteten Grammatik- und Satzbaufehler oder die mangelnde Textkohärenz hinweist. Die Auswahl der nachfolgenden Zitate (die immer einer anderen Klausur entnommen wurden) kann den Gesamteindruck aller Kommentare nicht annähernd wiedergeben. Um ihre Lesbarkeit zu erleichtern, wurden die Textauszüge von gröbsten Schnitzern befreit. Eine Mehrheit der 157 Klausurteilnehmer erkennt in den dem Lehrer gegenübersitzenden Menschen „Eltern“ (Elternsprechtag!), immerhin zwölf Studierende schreiben „Karrikatur“ mit drei „r“.

          „Die Mutter wirkt auf uns traditionell und altmodisch. Durch Kleidung, Frisur und Brille machen wir uns ein Bild von ihr und urteilen womöglich sogar über ihren Erziehungsstil. Dies alles zeigt uns, dass wir Kultur brauchen, um die Karikatur zu verstehen.“

          „In der Karikatur sieht man zum einen ein Elternpaar. Der Vater ist ein Skinhead, und die Mutter ist wegen ihres Kopftuchs als Muslimin zu erkennen. Dies allein ist schon ein krasser Gegensatz, der nicht passt.“

          „Da wir unser Handeln immer auf andere beziehen, kann es sein, dass der Sohn von seinen Eltern verprügelt wurde und dieses Handeln nun auf seinen Lehrer überträgt. Eine unbeabsichtigte Nebenwirkung ist aus dem Handeln der Eltern entstanden.“

          „Allgemein wird angenommen, dass man immer so handelt, als würde man von jemand Drittem beobachtet und es demnach kein sinnloses Handeln gibt.“

          „Der Lehrer mit dem blauen Auge attestiert den Eltern des aggressiven Sohnes, dass dieser eben kein Choleriker sei, sondern emotional intelligent. Die Karikatur verdeutlicht die differenten Ansichten über die Tatsache dass der Sohn den Lehrer verhauen hat.“

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