https://www.faz.net/-gyl-pj6f

Stellensuche : Schaukampf der Talente

  • -Aktualisiert am

Auf dem Absolventenkongreß suchen Unternehmen nicht nur Mitarbeiter, sondern auch ein besseres Image. Viele Bewerber haben trotz einer guten Qualifikation Probleme bei der Stellensuche.

          5 Min.

          Alexander Mischner nimmt kein Blatt vor den Mund. Der Psychologiestudent von der RWTH Aachen ist einer von 12 000 Besuchern des Absolventenkongresses in Köln, Deutschlands größter Karrieremesse mit 250 Ausstellern.

          Er steht mit vielen anderen meist gut gekleideten jungen Menschen vor dem Messestand von Tchibo und schiebt sich geduldig Meter um Meter vorwärts. Schlange stehen für einen Job bei Tchibo? "Ich bin ganz ehrlich: Da gibt's Kaffee", sagt Mischner. Tatsächlich, um die Ecke schenkt das Hamburger Unternehmen sein bekanntestes Produkt aus.

          Nicht nur auf Bewerberfang

          Natürlich gibt es auch Kaffeetrinker, die sich für eine Stelle bei Tchibo interessieren. Zehn bis zwölf Traineeplätze hat das Unternehmen 2005 zu vergeben. "Für diese Stellen bekommen wir mehrere tausend Bewerbungen", sagt Anne Schafmayer. An der Referentin für das Nachwuchsprogramm kommt kein Bewerber vorbei: Sie führt die Telefoninterviews, mit denen der Kaffeeröster die Kandidaten für das Assessmentcenter aussucht. "Wir brauchen den Absolventenkongreß nicht, um genügend Kandidaten zu finden", ergänzt Elisabeth Engel, Leiterin des Personalmarketings. "Wir nutzen den Kongreß, um uns als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren. Bei Tchibo kann man nicht nur in der Filiale hinter dem Tresen arbeiten, sondern auch im Controlling, Einkauf oder Marketing."

          Die Allianz hat ein ähnliches Problem: "Viele Absolventen denken bei der Allianz an die Versicherungsagentur im Dorf, dabei bieten wir unzählige spannende Jobs", sagt Diana Seibold, Leiterin des Personalmarketings beim Münchner Versicherungsriesen. Die Präsenz auf dem Absolventenkongreß habe noch einen schönen Nebeneffekt: "Die Besucher sollen später natürlich alle mal Allianz-Kunden werden." Der Versicherer nehme gerne Bewerbungsunterlagen guter Kandidaten aus Köln mit, die Personalauswahl geschehe aber in München.

          Rekrutierung mit Image

          Was Tchibo und die Allianz in Köln betreiben, nennt sich Arbeitgebermarketing. Bei einem Unternehmen mit einem guten Image, so der Gedanke, bewerben sich die besten Kandidaten. Allein für die Rekrutierung von Mitarbeitern würde sich der Messebesuch kaum rechnen: Der Quadratmeter Standfläche kostet bis zu 250 Euro, fertig eingerichtete Messepavillons gibt es für 5500 bis 24 500 Euro. Dazu kommt die Arbeitszeit, die Personaler und Fachkräfte auf der Messe investieren. Ist der Absolventenkongreß also nicht mehr als eine Plattform für Unternehmen, die ihr Image bei der jungen Generation aufbessern wollen? Philips zumindest nutzt den Kongreß anders: "Bei uns steht tatsächlich die Rekrutierung im Vordergrund", sagt Frank Suntinger, Leiter des Philips-Personalmarketings.

          Der Elektronikkonzern will im kommenden Jahr 350 Hochschulabsolventen einstellen. Studenten und Absolventen konnten sich vor der Karrieremesse im Internet auf eine Stelle bewerben, in Köln fanden richtige Bewerbungsgespräche statt. In wenigen Tagen werden die Kandidaten wissen, ob sie ins Assessmentcenter eingeladen werden. Die in Köln Auserwählten haben gute Chancen, wie Suntinger erläutert: "Nahezu alle Kandidaten, die wir im vergangenen Jahr nach einer Bewerbung auf dem Absolventenkongreß ins Assessmentcenter geladen haben, haben wir auch eingestellt."

          Konkurrenz der Talente

          Auch für die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young sei die Rekrutierung das entscheidende Ziel, schließlich wolle man im kommenden Jahr 700 Hochschulabsolventen einstellen. "Wichtig ist aber auch, auf dem Bewerbermarkt präsent zu bleiben", sagt Klaus Dyck, der für das Personalwesen verantwortliche Partner bei Ernst & Young. "Der Markt dreht sich. In zwölf oder 18 Monaten rechnen wir wieder mit einem war for talents'." Noch scheint es, als sei nicht der Kampf um Talente ausgebrochen, sondern der Kampf der Talente. Praktika, Auslandsaufenthalte und Fremdsprachenkenntnisse sind fast eine Selbstverständlichkeit in den Lebensläufen. Die junge Dame, die im Zug nach Köln ihr Leid klagt, ist kein Einzelfall: sehr gutes BWL-Examen, deutsch-französisches Doppeldiplom, hochwertige Praktika und trotzdem seit Monaten vergeblich auf Stellensuche.

          Weitere Themen

          Dax-Konzernchefs verdienen weniger

          Studie : Dax-Konzernchefs verdienen weniger

          Die Gehälter der Chefs der 30 größten Konzerne in Deutschland sind im vergangenen Jahr um 2 Prozent gesunken. Das betrifft allerdings nur die gewährten und nicht die ausgezahlten Gehälter.

          Fast niemand will mehr Manager werden

          Studie : Fast niemand will mehr Manager werden

          Es breitet sich die Manager-Müdigkeit aus: Beruflich wollen in Zukunft nur noch wenige eine Führungsposition übernehmen, wie eine neue Studie zeigt. Die Autoren mahnen die Unternehmen auf zu handeln.

          Topmeldungen

          Das israelische Parlament

          Regierungsbildung in Israel : Parlament stimmt für seine Auflösung

          Zum dritten Mal innerhalb eines Jahres sind die israelischen Bürger zur Wahl eines neuen Parlaments aufgerufen. Der Wahlkampf wird sich vermutlich vor allem um eines drehen: die Korruptionsvorwürfe gegen Ministerpräsident Netanjahu.
           „Mit diesen Leuten haben wir nichts zu tun“: Michael Kretschmer über die AfD

          Tabubruch in Sachsen : CDU für Koalition mit Grünen und SPD

          Auf einem Sonderparteitag stimmt Sachsens CDU mit großer Mehrheit für ein Regierungsbündnis mit Grünen und SPD. Nicht immer erntet Michael Kretschmer dabei so viel Beifall wie für seine Attacke gegen die AfD.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.