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Berufseinstieg im Start-up : Was für Mutige

  • -Aktualisiert am

Bild: Frederik Jurk/SEPIA

Vom Praktikanten zum Marketingchef in wenigen Monaten – das gibt es nur im Start-up. Die Karriere hängt dort allerdings immer auch von einem wichtigen Faktor ab: dem Erfolg des Unternehmens.

          4 Min.

          Therese Köhler hätte nie geglaubt, dass sie mal für ein Start-up arbeiten würde. Ihr schwebte eher eine klassische Karriere vor. Aber ein Praktikum bei einem Investor in Frankfurt am Main änderte das. „Der hat was in mir gesehen und mich in die Richtung geschubst“, erzählt sie. Köhler zog in die Hauptstadt, machte ihre ersten Erfahrungen mit unternehmerischem Arbeiten und war begeistert. „Mir ist das Herz aufgegangen, das war genau mein Ding“, sagt sie. Mit allen Vor- und Nachteilen. Nach einer Zwischenstation bei einem anderen Start-up hat sie im Sommer 2015 von ihrem Wohnzimmer aus ihr eigenes Unternehmen „Hey Cater“ gegründet, eine Plattform für Catering-Unternehmen. Heute sucht sie selbst nach guten Mitarbeitern, die dabei helfen, ihre Firma voranzubringen – auch weil sie an den Erfolg des Unternehmens glauben.

          Die Start-up-Branche boomt seit vielen Jahren. Laut dem aktuellen Startup Monitor planen die befragten Gründer in diesem Jahr, im Schnitt rund 7,5 neue Mitarbeiter einzustellen. Vor allem Berufseinsteiger fühlen sich von der schnellen Branche angezogen. In keinem anderen Bereich kann man in kurzer Zeit so tiefe Einblicke in ein Unternehmen gewinnen und hat so schnell so gute Aufstiegsmöglichkeiten wie in der Start-up-Szene. Der Arbeitsalltag lockt mit viel Freiheit und Selbstbestimmung, schnellen inhaltlichen Wechseln und viel Raum, sich auszuprobieren.

          Doch es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: Erfolg und Lebensdauer von Start-ups lassen sich nicht immer leicht vorhersehen. Geht das Start-up pleite, ist auch der Job futsch, und man muss sich wieder neu orientieren. Für Absolventen ist der Berufseinstieg in einem Start-up deshalb oft auch mit einer großen Unsicherheit verbunden.

          Risiko im Vorfeld einschätzen

          Die Risiken kann man aber mit der richtigen Vorbereitung etwas minimieren. Laut Tobias Kollmann, Professor für E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen, sollte man sich schon vorher über drei Aspekte im Klaren sein: „Erstens muss man selber an die Idee des Unternehmens glauben und sich damit identifizieren können“, erklärt er. Wer hinter dem Projekt stehe, habe auch die Motivation, es zum Erfolg zu bringen, und sei bereit, dafür Zeit und Energie zu investieren. Der zweite Aspekt hat mit den Gründern zu tun. Kollmann formuliert das so: „Die entscheidende Frage ist hier: Haben die Gründer Erfahrung mit dem, was sie tun, und damit eine Perspektive, das Start-up zum Erfolg zu führen?“ Er rät Bewerbern deshalb zunächst zu einer einfachen Google-Suche, um sich einen Eindruck vom Erfahrungsschatz und von den Karrierewegen der Gründer zu verschaffen. Dann könne auch das nötige Vertrauen in die Gründer aufgebaut werden.

          Der dritte Punkt betrifft Geld, also wie ein Start-up finanziert ist und wer investiert hat. „Der wichtigste Aspekt, warum Start-ups scheitern, ist fehlendes Kapital“, sagt Kollmann. Deshalb sei das ein entscheidender Faktor bei der Frage, ob man sich auf ein Start-up einlassen sollte. Auch diese Informationen können Interessierte über Meldungen in entsprechenden Medien recht einfach herausfinden, da normalerweise darüber berichtet wird, wenn ein Unternehmen Geld am Markt eingesammelt hat. Für Kollmann ist die Frage nach den Investoren aber auch ein mögliches Thema fürs Vorstellungsgespräch: „Natürlich werden die Gründer nicht die konkreten Beträge nennen, aber es ist durchaus möglich, nach den Namen zu fragen, die hinter dem Unternehmen stehen.“ Auch daraus lässt sich ein möglicher Erfolg ableiten.

          Eine Garantie gibt Kollmann für sein Modell freilich nicht. Zudem kann variieren, in welchem Verhältnis die drei Aspekte zueinander stehen: „Wenn das Funding noch nicht abgeschlossen ist, man aber an die Idee und die Gründer glaubt, kann das ausschlaggebend sein und wichtiger als beispielsweise viel Geld oder eine Idee, hinter der man nicht steht. Das muss jeder für sich einschätzen“, rät Kollmann.

          Enthusiasmus zügeln

          Er warnt aber auch vor zu viel Enthusiasmus: „Arbeiten im Start-up ist nicht für jeden etwas. Es ist immer mit einem erheblichen Risiko verbunden, das muss man sich vor Augen führen.“ Immerhin scheitern laut Statistik sechs von zehn solcher Unternehmen, nur eins ist wirklich erfolgreich, die anderen kommen gerade so über die Runden. „Die Gefahr, dass es nicht funktioniert, ist immer größer als die Chance, dass es klappt“, sagt Kollmann.

          Dem stimmt auch Headhunter Jan Bohlken vom Profiling Institut zu. „Es ist definitiv eine Typfrage“, sagt er. In einem Konzern oder bei einem größeren Mittelständler seien Berufseinsteiger zwar einer von vielen, aber es gebe feste Strukturen und Hierarchien. Es sei klar abgesteckt, was zu erledigen sei, um den andauernden Erfolg des Unternehmens weiterzutreiben.

          Beim Start-up hingegen stehe der Erfolg meist noch aus, Unternehmen und Belegschaft müssten sich erst noch beweisen. Ein Start-up-Mensch sollte sich Bohlken zufolge deshalb all diese Strukturen nicht wünschen. Stattdessen arbeite man eigeninitiativ und selbständig, der Alltag sei unternehmerisch geprägt, und man müsse mit sich ständig verändernden Prozessen und wandelnden Strukturen klarkommen. „Man ist ein Unternehmer im Unternehmen – und zwar einer von vielen Unternehmern. Wer auf Zuruf wartet, wird nicht glücklich werden“, sagt Bohlken.

          Vor allem aber müsse man mutig sein, sich auf etwas einzulassen, und bereit sein, auch Phasen der Unsicherheit durchzustehen. Und man müsse Unplanbarkeiten einkalkulieren. Bis zum Erfolg sei es ein langer Weg. „Man kann versuchen, einige Indikatoren schon im Vorstellungsgespräch herauszukitzeln“, rät der Berater. Fragen an die Gründer könnten beispielsweise sein: Was sind eure Ziele fürs Unternehmen, wo soll es hingehen? Wollt ihr einen schnellen Exit? Wie kann sich das Geschäftsmodell weiterentwickeln? Wo seht ihr euch in einem oder in drei Jahren? Auch kurzfristige Ziele seien entscheidend, da man in einem Start-up häufiger in kürzeren Zeitabschnitten denke. So könne man zumindest herausfinden, welche Vision die Gründer für ihr Unternehmen haben.

          Klare Erwartungen formulieren

          Genauso entscheidend wie die Pläne fürs Start-up ist aber auch, dass man selbst weiß, was man vom Unternehmen will, findet zumindest Gründerin Therese Köhler. „Die Leute bewerben sich bewusst für den ‚crazy Weg‘ im Start-up. Ich will deshalb immer wissen, wo sie hinwollen, damit ich weiß, ob sie zu uns passen.“ Für sie sind dabei die Fähigkeit und die Bereitschaft zu lernen wichtiger als viel Erfahrung. Schließlich müsse man auch im Team wendig und agil bleiben, um Veränderungen erfolgreich zu meistern.

          Ein schneller Aufstieg ist deshalb im Start-up keine Seltenheit. Aber, warnt Professor Kollmann: „Aufstiegschancen sind nur dann gegeben, wenn auch das Start-up aufsteigt.“ Anders als in klassischen Unternehmen, wo individuelle Aufstiegschancen auch bestehen, wenn die Firma mal ein schlechtes Jahr hat. Dazu müsse man bereit sein, sagt er. „Man ist mit Wohl und Wehe dem Erfolg des Unternehmens untergeben.“

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