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Stadtentwicklung als Studiengang : Arbeiten an der Stadt der Zukunft

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

Städte sollen intelligent und umweltfreundlich werden. Dafür werden Spezialisten gebraucht, die interdisziplinär denken können. Ausgebildet werden sie in neuen Studiengängen.

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          Ein kleines Büro ohne Fenster im angesagten Stadtteil Shoreditch im Londoner Osten. Der Kaffee ist stark, die Pläne sind ambitioniert. Hier wird das Viertel der Zukunft entworfen, ein Viertel, in dem Architektur, Infrastruktur und schlaue Kommunikation den Bewohnern einen angenehmeren Alltag ermöglichen. Noch gehört die Gegend, über die die beiden Männer diskutieren, zu einer der am meisten benachteiligten in der britischen Hauptstadt. Kevin Worster, City Manager von Siemens in London, will das ändern, genauso wie Ian Short, Chef des „Institute for Sustainability“, das mit Unternehmen, Anwohnern und der Verwaltung an dem neuen Viertel arbeitet.

          Short, ein großer schmaler Mann mit Hornbrille und Rolex am Handgelenk, war Banker, bevor er in die Nachhaltigkeitsbranche ging. „Wir brauchen funktionierende Partnerschaften, um nachhaltige Lösungen für unsere Städte zu entwickeln“, sagt der 44-Jährige. Siemens-Manager Kevin Worster nickt. Für ihn geht es nicht nur um Partnerschaften, sondern auch darum, die Dienste seines Unternehmens geschickt zu verkaufen. Worster eilt deshalb von Termin zu Termin. Nach dem Treffen mit dem früheren Banker geht es mit der Straßenbahn weiter nach Newham im Osten. Dort, mit Blick auf die ehemaligen Docks und den City-Airport, trifft er Fachleute aus der Stadtverwaltung, darunter den Direktor für Regeneration, Clive Dutton. „Es gibt wahnsinnig viel Potential für Newham“, sagt Dutton.

          Spezial-Studiengänge statt klassischer Ausbildungswege

          Dieses Potential sieht auch Siemens. Mit Städte-Managern wie Worster vermarktet der Konzern integrierte Konzepte für Verkehr, Energie und Infrastruktur. Worster muss sich deshalb in vielen Bereichen auskennen. Dabei hat er, was er heute macht, nicht studiert, gibt es doch die Position des „City Sales Managers“ erst seit kurzem bei Siemens. Ähnlich sieht es in anderen Unternehmen aus, die Themen wie Smart Cities, nachhaltige Stadtplanung und Energieeffizienz nach und nach besetzen. Noch haben viele Angestellte in diesen Bereichen klassische Ausbildungen, zum Beispiel als Wirtschaftswissenschaftler oder als Ingenieure, wie Kevin Worster. Doch das ändert sich gerade: Immer mehr deutsche Hochschulen bieten Spezial-Studiengänge für die neuen Berufsbilder im Bereich schlaue und nachhaltige Städte an. „Es werden zunehmend sehr spezialisierte Kompetenzträger für Sonderaufgaben gesucht, zum Beispiel mit Abschlüssen im Bereich der Umwelttechnik oder Verkehrs- und Stadtplanung“, erklärt Ralf Vögele, Personalmanager bei Siemens Infrastructure and Cities.

          Eine der Vorreiterinnen unter den Hochschulen ist die Universität Duisburg-Essen, die im vergangenen Jahr einen Master für „Sustainable Urban Technologies“ aufgelegt hat. In vier Semestern lernen die Studenten, wie sie Lösungen für die Probleme der Städte der Zukunft entwickeln, wie sie mit den unterschiedlichen Partnern kommunizieren und wie sie Unternehmen und Entscheidungsträger in Städte-Projekten beraten. „Der Studiengang befähigt die Studenten, sich mit anderen Fachdisziplinen zu verständigen und die Herausforderungen von Metropolen und urbanen Systemen anzugehen“, sagt Elke Hochmuth, die Leiterin des Studiengangs. Das bedeutet, dass sowohl Ingenieurwissenschaften als auch Städteplanung und gesellschaftswissenschaftliche Seminare auf dem Lehrplan stehen. Zwischen dem zweiten und dritten Semester verlangt die Universität ein dreimonatiges Praktikum in einem Unternehmen. Noch gibt es keine Absolventen; Elke Hochmuth registriert jedoch schon jetzt ein starkes Interesse an ihren Studenten.

          Was ist zu beachten, damit Städte funktionieren?

          Auch die TU Berlin hat einen gesonderten Studiengang aufgelegt, den Master in „Urban Management“. Er läuft bereits seit 2005 und beschäftigt sich mit dem „Funktionieren von Städten“, wie die Koordinatorin Bettina Hamann erklärt. „Das ist eine sehr interdisziplinäre Aufgabe. Wir fragen uns: Was ist zu beachten, damit Städte funktionieren? Wie kommen Entscheidungen zustande?“ Hamann nimmt jedes Jahr nur 20 Studierende auf. „Wir verzeichnen einen großen Anstieg der Bewerberzahlen“, sagt sie. Viele Bewerber kommen auch aus dem Ausland; Schwellenländer wie China und Brasilien legen derzeit Förderprogramme auf, um die Planer für die Städte von morgen in Deutschland ausbilden zu lassen. So arbeitet auch der Absolvent Kurdo Abdullsamad inzwischen wieder in seinem Heimatland, dem Irak. Abdullsamad leitet dort das Stadt-Entwicklungsprogramm der Region Dohuk.

          Wegen der großen Nachfrage aus dem Ausland hat die TU Harburg einen „Joint European Master in Environmental Studies, Cities and Sustainability“ aufgelegt, der in Kooperation mit der Europäischen Union durchgeführt wird. „Es bewerben sich jedes Jahr mehrere hundert Studienwillige aus aller Welt“, sagt Wolfgang Calmano, Professor für Wasser- und Umweltchemie und mitverantwortlich für den Studiengang. Für den zweijährigen Master stiftet die EU rund 15 Stipendien zu jeweils 48 000 Euro, dazu kommen Selbstzahler, so dass Calmano jedes Jahr rund 25 bis 30 neue Studenten begrüßt. Wichtig ist der frühe Kontakt zur Industrie: „Die Studierenden nutzen kräftig die Möglichkeit, ihre Projekt- und Masterarbeiten mit Industrieunternehmen zu schreiben“, sagt Calmano. Die TU bietet verschiedene Vertiefungen an, denn der Studiengang umfasst die Gebiete Nachhaltigkeit, Stadtplanung für die Zukunft und Umweltmanagement.

          “Wir wollen unsere Studenten mit dem Rüstzeug ausstatten, um urbane Problemlagen identifizieren zu können“, sagt Studiengangs-Koordinator Stephan Köster. „Unsere Absolventen sollen vergegenwärtigen, dass die Aufgaben, die vor uns liegen, in ein Geflecht von politischen und gesetzlichen Vorgaben eingebettet sind und von vielen nichttechnischen Dingen bestimmt werden.“ Köster zufolge mangelt es dabei nicht an hochfliegenden Plänen, wie die Städte der Zukunft aussehen könnten. „Viele Stadtutopien spielen mit Superlativen, die möglichst alles in sich vereinen wollen: Arbeiten und Wohnen, Grünflächen und Wohlfühlen.“ Trotzdem sei der Begriff einer umweltgerechten Stadt der Zukunft nach wie vor erstaunlich unkonkret. „Wir haben noch viel luftleeren Nachhaltigkeitsraum zu füllen“, sagt Stephan Köster, „deshalb liegen wir mit unserem Master genau richtig.“

          Diesen Mangel an Trennschärfe sehen auch andere Universitäten. „Wir haben im Vorfeld mit vielen Experten gesprochen, die im Bereich der Stadtplanung arbeiten. Sie sagten unisono, dass in diesem Bereich oftmals sowohl Ingenieure als auch Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaftler zusammen an einem Projekt arbeiten, die sich aber erst nach und nach verstehen“, erklärt Elke Hochmuth von der Universität Duisburg-Essen. „Viele Begriffe sind noch nicht klar genug definiert - zum Beispiel Smart Cities.“ Stephan Köster spricht gerne von „lebenswerter Stadt“, wenngleich der Begriff ähnlich unkonkret ist. Andererseits ermöglicht die Unschärfe den Absolventen, in vielen Bereichen zu arbeiten: in Unternehmen, Behörden oder Nichtregierungsorganisationen. „Wir haben die günstige Situation, dass wir nicht am Markt vorbei ausbilden“, sagt Köster.

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