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Filmzitat in Fritz Langs „M“ : Stadt in Angst

  • -Aktualisiert am

1895: Fröhliche Stimmen werktätiger Menschen hörte man bei den Brüdern Lumière noch nicht. Bild: Archiv

Wir sind starr vor Staunen, aber den Liebhabern der Filmkunst müssen diese bewegten Bilder bekannt vorgekommen sein. In seinem Film „M“ hat Fritz Lang eine Hommage an die Brüder Lumière versteckt.

          4 Min.

          Fritz Langs Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ aus dem Jahre 1931 erzählt von der Jagd nach einem Kindermörder. Acht Opfer hat er schon getötet, ein neuntes wird vermisst. Um die Ungeheuerlichkeit der schrecklichen Ereignisse vor Augen zu stellen, bietet der Beginn des Films eine atemberaubende Szene. Ein Luftballon verfängt sich in den Leitungen eines Telefonmastes. Unschwer ist seine menschliche Form zu erkennen. Seine Papierarme und -beine scheinen sich an den Drähten festklammern zu wollen, doch der Wind bewegt den kleinen Ballonmenschen hin und her, bis er schließlich fortgerissen wird.

          Das Spielzeug gehört der kleinen Elsie Beckmann, die soeben Opfer des Kindermörders geworden ist. Obschon wir dies nicht mit eigenen Augen gesehen haben, waren wir mit der Kamera am Tatort. Ein Ball springt unvermittelt ins Bild und bleibt liegen. Bewegung wird Stillstand und Richtungslosigkeit – elementarer kann man nicht erzählen. Mit Langs Filmsprache geht eine Tendenz zur Verdinglichung einher. Wenn uns in einer Einstellung zu Beginn des Films ein Dachboden mit Wäschestücken gezeigt wird, während wir die Stimme von Elsies beunruhigter Mutter hören, so wird das abwesende Mädchen gleichsam mit der sichtbaren Kleidung identifiziert. Menschen erscheinen wie Dinge und Dinge wie Menschen. Kein expressionistisches „Ach“ und „Weh“ führt uns die Gleichgültigkeit dieser Welt vor Augen. Es reicht, die Kamera anzuheben, und das Spiel der Kinder weit unten im Hof erscheint puppenhaft.

          Zugleich gewinnt die Kamera in „M“ ein Eigenleben. Sie wandert durch Wände und geschlossene Fenster. Dem noch unbekannten Mörder folgen wir auf Schritt und Tritt. Wir beobachten ihn, wie er mit dem Rücken am Fenster steht und schreibt, lernen sein Charakterprofil durch eine graphologische Untersuchung kennen – bis wir endlich sein Gesicht im Spiegel sehen, als eine Grimasse, die er sich selbst schneidet. Fortan macht uns der Regisseur zu Komplizen des von Peter Lorre mit beunruhigender Intensität gespielten Mörders – zu Mitwissern. Wir folgen ihm auf seinen Streifzügen durch die Stadt und sind ihm geradezu auf den Fersen. Besonders spektakulär ist der Umstand, dass uns der Regisseur mit den Augen des Täters sehen lässt, finden wir uns nach einem Umschnitt doch plötzlich an seiner Stelle wieder und erblicken mit seinen Augen ein Mädchen.

          Fritz Langs „M“ zählt zu den frühen Tonfilmen. In Zeiten aufwendigen Sounddesigns mag die Tonebene von „M“ karg erscheinen, verzichtet sie doch auf jegliche untermalende Musik. Doch dieser Minimalismus wirkt markerschütternd, nutzt Lang diese technische Errungenschaft doch für eine Befreiung der Bilder. So werden scheinbar zusammenhanglose Bilder rasanter Montagesequenzen durch die Tonspur sinnvoll verbunden, so dass sie die schnell wechselnden Eindrücke des Großstadtlebens illustrieren. Andererseits verwendet der Regisseur asynchrone Formen der Montage und lässt Bild und Ton auseinandertreten.

          Eine manisch gepfiffene Melodie

          Am Ende ist es ein Blinder, der den Täter wiedererkennt und dessen Verhaftung ermöglicht. Er identifiziert den Kindermörder an einer von jenem manisch gepfiffenen Melodie, bei der es sich um ein Motiv aus Edvard Griegs „Peer Gynt“ handelt. Je weiter der Film voranschreitet, desto unheimlicher wird auch unser Erleben dieser Melodie, glauben wir doch, sie in unserem Inneren zu hören, als wären wir es selbst, die pfeifen. Nicht nur, dass wir mit den Augen des Mörders sehen müssen, auch die Musik hat Anteil an der Aufhebung der Grenze zwischen Täter und Zuschauer.

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