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Filmzitat in Fritz Langs „M“ : Stadt in Angst

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Es ist bekannt, wie intensiv sich der Regisseur in seinen Filmen auf Werke der bildenden Kunst bezog. Unbemerkt blieb eine Anspielung auf die Frühgeschichte des Films. Das ist umso erstaunlicher, als es sich um ein Zitat des ersten Films überhaupt handelt.

Langs Thriller enthält eine Einstellung, die auf den ersten Blick für den weiteren Verlauf der Erzählung nicht wichtig erscheint: Der von Polizei und Unterwelt gesuchte Kindermörder versteckt sich in einem Bürogebäude, als ihn die Verbrecher durch Berlin verfolgen. Drei Ganoven warten vor dem Gebäudekomplex und haben Angst, dass ihnen der Täter entwischen könnte, wenn er sich bei Büroschluss unter die Angestellten mischt. Sie überwachen die Eingänge, als plötzlich eine Sirene ertönt und die Menschen nach und nach in den Hof strömen, um das Gebäude zu verlassen. Nun ermahnt einer der Gangster die beiden anderen zur Vorsicht und ruft: „Und jetzt aufpassen wie die Schießhunde!“

Mit der Kamera stehen wir mittig vor dem Eingang des Bürohauses und sehen die Angestellten zu Fuß und auf Fahrrädern in alle Richtungen davoneilen. Dabei sehen wir nicht nur, sondern hören auch Gesprächsfetzen, die von den Reiseplänen jener Menschen erzählen und auch davon, was ihnen im Laufe des Tages widerfahren ist. Wir hören Fahrradklingeln und die Hupe eines Fahrzeugs, das schnell an den Menschen vorbeiflitzt. Eine dynamische Einstellung, die im Durcheinander der Stimmen und Geräusche durchaus kakophonisch klingt.

1931: Als wäre Fritz Lang derjenige gewesen, der die Filmindustrie hier ins Leben gerufen hat.

Indes gilt der Appell „Und jetzt aufpassen wie die Schießhunde“ auch für den Zuschauer, entspricht die beschriebene Sequenz doch vollkommen dem ersten Film der Brüder Lumière. Schon in „La Sortie de l’Usine Lumière à Lyon“ aus dem Jahre 1895 sehen wir Arbeiterinnen und Arbeiter das Tor einer Fabrik passieren, um in alle Richtungen dem Feierabend entgegenzueilen. Die Kamera der Brüder Lumière war, wie Siegfried Kracauer gesagt hat, „auf die Welt gerichtet“. Sie präsentierten das „Leben in seinen unkontrollierbarsten und unbewusstesten Augenblicken, ein Durcheinander kurzlebiger, sich ständig auflösender Formen, wie es nur der Kamera zugänglich ist“.

Moderne Großstadterfahrung als echte Herausforderung

Für einen Betrachter, der zuvor noch nie „bewegte Bilder“ gesehen hatte, müssen diese knapp vierzig Sekunden eine echte Herausforderung gewesen sein. Das Auseinanderstreben der Menschen in alle Richtungen, ihr abruptes Stehenbleiben oder unvorhersehbares Weitergehen, das Auftauchen eines Autos, plötzlicher Richtungswechsel, Durcheinander von Worten und Geräuschen. Das alles sind Bestandteile moderner Großstadterfahrung.

Es liegt nahe, dass der Wiener Regisseur mit dem Zitat für den Kinoliebhaber den durch die Tontechnik möglichen Neubeginn der Filmkunst signalisieren wollte. Dazu passt, dass er im Thriller die Welt als eine Mischung aus Technik und Kontingenz inszeniert. In der Moderne wissen wir nicht mehr, was sich hinter den Gesichtern der Menschen verbirgt. Jeder hat jeden in Verdacht. Die Stadt wird zum Paradox. Obwohl hier unendlich viele Menschen leben, bleibt jeder für sich allein.

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