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Zwischen Uni und Fußballfeld : Sportstipendien im Ausland

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Während Lenz seinen Traum von der Profikarriere auch wegen solcher Vorbilder lebt, ist der von Fritz Engel gerade erst zerstoben. Der gerade 18 Jahre alt gewordene Berliner ist in den Jugendteams von Hertha BSC Berlin jahrelang der Chance auf den Sprung in den Profifußball nachgejagt – in den vergangenen Jahren mit einer erheblichen Doppelbelastung aus Abitur(-vorbereitung) und Leistungssport. Engels Lehrer an der Schule wussten nichts von der so zeitintensiven sportlichen Seite seines Lebens, und im Fußballbetrieb nahm man keine Rücksicht auf die schulische Belastung. Im Sommer 2013 ging es für den Innenverteidiger bei der Hertha nicht mehr weiter, er wechselte in die U19-Regionalliga und nahm ein Studium an der Humboldt-Uni auf. Doch der Fußball hat ihm neue Türen geöffnet: In diesem Sommer hat er ein Sportstipendium am Rollins College in Orlando aufgenommen. Engel studiert Philosophie und VWL im Hauptfach, ein Doppel-Bachelor, im Nebenfach Politik. Eigentlich kostet das Studium an einer der besten Unis im Süden Amerikas bis zu 60.000 Dollar im Jahr. Ohne Fußball, mit dem er die Summe nun vier Jahre lang einspielt, wäre dies nicht denkbar gewesen, sagt Engel. „Aber ich spiele nicht nur, um mir das Studium zu finanzieren, sondern weil es mir Spaß macht.“ Seine Tage in Florida sind ausgefüllt zwischen Seminarraum und Fußballfeld. Vier Trainingseinheiten mit der Mannschaft, die zu den Favoriten auf den nationalen Titel zählt, und zwei Spiele sind die Regel in der Woche. Trainer, Fitnesscoaches und Physiotherapeuten „kümmern sich den ganzen Tag um uns“, sagt er begeistert.

Angenehmer kultureller Unterschied

Aktuelle Bundesligastars wie Neven Subotic und Vedad Ibisevic starteten ihre Profikarrieren einst als Collegespieler. In der akademischen Welt am relativ kleinen Rollins College ist das Verhältnis Dozenten zu Studenten nicht mal 1:10. Engel genießt den Status und die Aufmerksamkeit, die die Athleten in Amerika bekommen. „Das ist wirklich ein angenehmer kultureller Unterschied: der andere Umgang mit Sport. Er ist hier etwas rein Positives. Nicht wie in Deutschland, wo es manchmal heißt: Ach, der Fußballer!“, sagt Engel.

Gleich drei Sportarten und die akademische Laufbahn bringt Sophia Saller jeden Tag unter einen Hut. Die 20-jährige ist Triathletin und Mathematik-Studentin an der Universität in Oxford. Im Sommer 2015 will sie ihren Master in der Tasche haben. Der Sport hat einen hohen Stellenwert bei den Briten, und Oxford biete gute Trainingsbedingungen für seine Athleten. Und doch gilt es, das Training (zwei Mal am Tag) und die Wettkämpfe um die hohen Anforderungen der drei Mal achtwöchigen Vorlesungszeit im Jahr herum zu planen. Disziplin und Selbstorganisation sind gefragt. „Wenn man eine Woche verpasst, ist dies kaum mehr aufzuholen“, sagt Saller, die in Franken und im Ruhrgebiet aufgewachsen und mit 14 Jahren mit ihren Eltern nach England übergesiedelt ist. Die Teilnahme am Trainingslager mit dem deutschen Nationalkader in diesem Herbst – für sie nicht möglich.

Shootingstar der Triathlonszene

Dabei ist Sophia Saller der Shootingstar der deutschen Szene in diesem Jahr. Zwei Tage nach ihrer Bachelorprüfung in Oxford wurde sie in Kitzbühel Vizeeuropameisterin, dann U23-Weltmeisterin und zu guter Letzt auch noch Deutsche Meisterin. „Wie geradezu im Traum“ sei ihre Saison gelaufen, sagt sie. Saller gehört zu den 300 studentischen Athleten der Stiftung Deutsche Sporthilfe, die durch das Sportstipendium der Deutschen Bank mit 300 Euro monatlich unterstützt werden. Für Studiengebühren, das Leben auf dem Campus in Oxford und so manche Wettkampfreise, die sie in einer Sportart wie Triathlon selbst bezahlen muss, ist Saller aber auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen. Leistung bringen an einer der besten Unis der Welt und in einer der trainingsintensivsten Sportarten überhaupt – eine extreme Doppelbelastung? „Ich liebe die Verbindung von Sport und Studium. Sie hält mich ausgeglichen und motiviert. Ich wüsste nicht, wie ich dem akademischen und leistungssportlichen Druck standhalten könnte, wenn ich nicht die Balance zwischen beiden hätte“, sagt Saller. Nicht selten seien ihr die Lösungen für Projektarbeiten beim Training auf dem Rad gekommen. Dann halte sie an und tippe die Idee flugs in ihr Handy. Die 1,0-Abiturientin hat jetzt schon die ersten Jobofferten in England bekommen. Doch wird sie vermutlich in Oxford bleiben, um zu promovieren. Da sei man in seiner Zeitplanung etwas freier, sagt die doppelt Hochbegabte. Und kann dann auch am Trainingslager des Nationalkaders teilnehmen.

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