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Frauen im Beruf : „Spitzenjobs sollten mit Familie vereinbar sein“

Die Ökonomin Katharina Wrohlich leitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung die Forschungsgruppe Gender Economics. Bild: DIW

Katharina Wrohlich forscht am Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin im Bereich Gender Economics. Im Interview spricht sie über Frauen in Vorständen und in der Politik, Studienwahl und Gleichstellungshürden.

          2 Min.

          Mit Jennifer Morgan von SAP steht seit kurzem erstmals eine Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns. Ist das der lang erhoffte Durchbruch?

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Solche Schlaglichter sind tatsächlich sehr wichtig. Der Anteil der Frauen in den Vorständen ist im vergangenen Jahr jedenfalls stärker gestiegen als in den Vorjahren. Je mehr Frauen in den Vorständen sitzen, umso eher erreichen sie auch den obersten Chefsessel.

          Jennifer Morgan führt SAP nicht allein, sondern gemeinsam mit einem Mann. Kann man das als Misstrauen gegenüber Frauen werten?

          Nein, so würde ich das nicht interpretieren. Immer mehr Unternehmen haben Doppelspitzen. Das zeigt einfach, wie hoch die Arbeitslast in solchen Führungspositionen ist. Ich finde es gut, wenn diese Last nicht eine Person allein schultern muss.

          In der Politik sind Frauen an der Spitze häufiger als in der Wirtschaft: Angela Merkel ist seit 15 Jahren Kanzlerin, Ursula von der Leyen führt jetzt die EU und Christine Lagarde die EZB. Die Wirtschaft hinkt zurück, warum?

          Ich bin mir nicht sicher, ob der Aufstieg für Frauen in der Politik wirklich flächendeckend einfacher ist. Ursula von der Leyen und Christine Lagarde sind ja noch gar nicht so lange auf ihren heutigen Posten. Ihre Medienpräsenz hilft auf jeden Fall, die Geschlechterstereotype aufzubrechen. Wirklich hinterher hinkt aber der Finanzsektor.

          Wie kommt das?

          Das erwartet man zunächst gar nicht, weil unter den Bankangestellten der Frauenanteil sehr hoch ist. Aber die Unternehmenskultur ist sehr männlich geprägt. Frauen werden dort auch schlechter bezahlt als Männer – der Gender-Pay-Gap ist dort sehr hoch.

          Wieso?

          Im Finanzsektor verdienen vor allem solche Mitarbeiter gut, die sehr lange Arbeitszeiten auf sich nehmen. Die Präsenzkultur ist dort sehr ausgeprägt. Das benachteiligt Frauen, weil es schlechter zu ihrer Lebensrealität passt. Auch Spitzenjobs sollten mit Familie vereinbar sein.

          Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich, was den Anteil der Frauen in Vorständen betrifft?

          Deutschland liegt über dem EU-Schnitt. An sechster Stelle von 28 Ländern.

          Aber hinter Frankreich und Italien. Warum?

          Diese beiden Länder haben frühzeitig Frauenquoten für Aufsichtsräte eingeführt. Wer sich nicht daran hält, muss mit hohen Sanktionen rechnen.

          Für Aufsichtsräte gilt auch in Deutschland seit 4 Jahren eine Frauenquote von 30 Prozent. Justizministerin Lambrecht und Familienministerin Giffey drohen den Unternehmen mit einer Quote auch für die Vorstände. Wie wahrscheinlich ist das?

          Die juristischen Hürden sind deutlich höher als für Aufsichtsräte. Giffey und Lambrecht liebäugeln damit, aber es ist schwierig zu sagen, ob es dazu kommt.

          Viele Unternehmen geben sich für den Frauenanteil im Vorstand die Zielgröße „Null“. Was halten Sie von Sanktionen gegen solche Unternehmen?

          Das kann schon ein wirksames Mittel sein. Länder, die Unternehmen Sanktionen angedroht haben, wenn sie Frauen konsequent aus ihren Spitzengremien halten, haben den Frauenanteil deutlich stärker anheben können.

          Strahlt die Frauenquote für Aufsichtsräte auf die Vorstände aus?

          Ganz sicher wissen wir das nicht, aber die Anzeichen dafür verdichten sich. Unternehmen, die im Aufsichtsrat der Quotenregelung unterliegen, haben auch im Vorstand einen höheren Frauenanteil. Das war im vergangenen Jahr noch nicht so.

          Welche Rolle spielen persönliche Präferenzen – etwa bei der Studienwahl? Viele deutsche Unternehmen sind ja Maschinenbauer, aber Frauen studieren selten Maschinenbau, dafür überproportional Germanistik und Kunstgeschichte.

          Das kann schon eine Rolle spielen, aber es sollte auch nicht überschätzt werden. In den technischen Fächern sind Frauen zwar unterrepräsentiert an den Unis. In den Vorständen sitzen aber nicht nur Techniker, sondern häufig Wirtschaftswissenschaftler und Juristen. In diesen Fächern sind Frauen nicht unterrepräsentiert. Die Karrierewege zwischen Männern und Frauen gehen erst nach dem Studium auseinander. Das zeigt sich auch bei der Bezahlung. Bis zum Alter von 30 Jahren verdienen Männer und Frauen heute sehr ähnlich – das war früher anders. Heute zeigen sich die Unterschiede erst ab dem Alter, in dem Frauen ihre ersten Kinder bekommen.

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