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Spiel „Peer Review“ : Die Community denkt mit

  • -Aktualisiert am

Fotomontage aus dem Spiel von Cornelis Menke Bild: Fotomontage Junge Akademie

Wen kümmert’s, wer spricht? Das Spiel „Peer Review“ soll akademische Nachwuchswissenschaftler wie etablierte Forscher dazu anregen, sich im Wissenschaftssystem zu beweisen. Dieser Ansatz ist symptomatisch.

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          Seit 2015 bietet die Junge Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ein von dem Wissenschaftsphilosophen Cornelis Menke entwickeltes Spiel namens „Peer Review“ an. Es kann für einen Unkostenbeitrag von 16 Euro bezogen werden und soll „der Ausbildung wissenschaftlichen Nachwuchses, der Selbstreflexion etablierter Forscher“ sowie der Information „einer interessierten Öffentlichkeit“ über „die Funktionsweise des Wissenschaftssystems“ dienen.

          Zu Beginn übernimmt der älteste Mitspieler den Chair, der jüngste berichtet ihm und den übrigen, die als Auditorium fungieren, auf Grundlage von aus einem Stapel gezogenen „Forschungskarten“ über sein (durch die Karte zugeteiltes) Arbeitsgebiet und seine Verdienste. Plenum und Vorsitzender urteilen anhand von „Desiderata“, die die wissenschaftlichen Standards definieren, über die Qualität der Präsentation. Jeder Spieler übernimmt einmal den Part des Referenten. Gewonnen hat am Ende derjenige, der die meisten Meriten erworben hat.

          Dass eine wissenschaftliche Akademie ein Spiel wie „Peer Review“ herausbringt, ist symptomatisch für den Stand sogenannter Qualitätssicherung an Universitäten und Forschungsinstituten. Die Tatsache, dass die Sicherung der Qualität zur eigenen Sparte werden konnte, bezeugt eher die Unsicherheit der akademischen Institutionen als deren Stabilität: Permanent gesichert wird Qualität nur dort, wo sie permanent bedroht scheint. Angesichts eines sich in Einzeldisziplinen und spezialistische Forschungsvorhaben ausdifferenzierenden Betriebs ist das nicht von vornherein ein Krisensymptom.

          Triftigkeit oder Untriftigkeit von Forschung

          Dass Peer Reviews zuerst in den Naturwissenschaften üblich geworden sind, hat mit der Schwierigkeit der Evaluierung von Forschungsergebnissen in Disziplinen zu tun, die einerseits einen strikten Anspruch auf objektive Verifizierbarkeit ihrer Resultate haben, andererseits diese über ihr Fach hinaus (manchmal schon den eigenen Kollegen) mitunter nur schwer vermitteln können. Die institutionalisierte Überprüfung von Forschungsergebnissen füllt hier eine systembedingte Lücke in der wissenschaftlichen Kommunikation.

          Dieses Verfahren zwecks Nachwuchsausbildung in einem Spiel einzuüben zeugt bereits von einem Bewusstsein darum, dass das Peer Reviewing seinerseits zu einer arbeitsteilig angenommenen Rolle geworden ist, zu einer Kompetenz, deren Qualität ebenso evaluiert werden muss wie die Qualität der Forschung, die im Peer Review beurteilt wird. Die Geistes- und Sozialwissenschaften, die deutende und urteilende Disziplinen sind und einem anderen Objektivitätsideal als die Naturwissenschaften folgen, stellt das vor besondere Probleme. Deshalb weisen Untersuchungen wie die des Statistikers John Ioannidis, der 2016 anhand des Peer Reviewing von Fachzeitschriften gezeigt hat, wie dieses Verfahren die Verbreitung von Forschungsergebnissen beeinflussen und die Implementierung theoretischer Vorannahmen der Peer Reviewer in den geprüften Text begünstigen kann, über die dort untersuchten Gegenstandsbereiche hinaus. Triftigkeit oder Untriftigkeit von Forschung erschließen sich in den Geistes- und Sozialwissenschaften durch Nachvollzug des Zusammenhangs von Gegenstand, theoretisch vermittelter Deutung und Urteil. Eine Bewertung setzt hier Prüfer voraus, die das Vorverständnis des jeweiligen Forschers weit genug, aber nicht zu weit teilen, um die Ergebnisse nachvollziehend beurteilen zu können.

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