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SPD-Politiker : Uni Bremen prüft Mützenichs Doktorarbeit

  • -Aktualisiert am

Rolf Mützenich, Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion Bild: dpa

Die Dissertation des SPD-Fraktionschefs Rolf Mützenich ist in Teilen textidentisch mit seiner Diplomarbeit. Das hat jetzt den Promotionsausschuss der Uni Bremen auf den Plan gerufen.

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          Die Universität Bremen wird sich vom 12. März an der Doktorarbeit des SPD-Fraktionsvorsitzenden Rolf Mützenich widmen. Der zuständige Promotionsausschuss wird zu „einer ersten Beratung der Angelegenheit zusammenkommen“. Im Anschluss wird die Hochschule über das Ergebnis informieren. Das hat die Universität der F.A.Z. bestätigt. Bei Mützenich geht es, anders als bei seiner Parteikollegin Franziska Giffey, nicht um Plagiatsvorwürfe. Vielmehr sind Mützenichs Promotionsschrift und seine Diplomarbeit in Teilen textidentisch. Zudem war die Promotion nur rund ein Jahr nach dem Diplom eingereicht worden – ein erstaunlich kurzer Zeitraum für die Anfertigung einer wissenschaftlichen Qualifikationsschrift.

          Mützenich wurde 1991 in Politikwissenschaft über das Thema „Atomwaffenfreie Zonen und internationale Politik“ promoviert. Das Buch dazu kann bis heute bei einem Wissenschaftsverlag erworben werden. Kurz zuvor hatte Mützenich eine Diplomarbeit zum gleichen Thema geschrieben. Die 1991 in Bremen geltende Promotionsordnung beinhaltet keine Regelung, aufgrund derer eine Dissertation auf Basis einer vorherigen Diplomarbeit ausdrücklich ausgeschlossen wäre. Vergleicht man beide Arbeiten, stellt man erstaunliche Übereinstimmungen fest. Schon das Vorwort unter dem Titel „Ausgangspunkt und Fragestellungen“, das in der Dissertation auf Seite 13, in der Diplomarbeit auf Seite 1 beginnt, ist fast komplett identisch. Abweichungen finden sich nur bei Kleinigkeiten: In der Dissertation heißt es, dass „Initiativen und Ergebnisse bis etwa Mitte August 1990 berücksichtigt wurden“, in der Diplomarbeit, dass „Initiativen und Ergebnisse bis 30. November 1989 berücksichtigt wurden“. Außerdem ist der Dissertation noch ein Hinweis auf die Mitwirkenden am Promotionsverfahren sowie ein Dank angefügt.

          Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Vergleich der Gliederungseben. Diese sind zu großen Teilen identisch, auch wenn die Anordnung einzelner - weniger - Kapitel anders erfolgt. So stellt sich die Untergliederung im Teil „Konzeptionen und Initiativen für atomwaffenfreie Zonen außerhalb Mitteleuropas“ in der Diplomarbeit (ab Seite 91) wie folgt dar: I. Nordeuropa, II. Der Balkan, III. Südasien, IV. Südostasien, V. Afrika, VI. Naher und Mittlerer Osten. In der Doktorarbeit finden sich diese Ausführungen (ab Seite 127) dann in dieser Reihenfolge: I. Südasien, II. Südostasien, III. Naher und Mittlerer Osten, IV. Afrika, und sodann (unter einem neuen Oberpunkt): I. Nordeuropa, II. Der Balkan. Die unterschiedlichen Seitenzahlen hängen auch damit zusammen, dass der Textkorpus der Doktorarbeit erst auf Seite 13 beginnt.

          Mützenich verteidigt sich mit Hinweis auf „Üblichkeit“

          Rolf Mützenich erklärt, dem für die Annahme als Doktorand zuständigen Promotionsausschuss sei selbstverständlich bekannt gewesen, dass sich die Diplomarbeit zuvor mit dem gleichen Thema befasst hatte. „Die Erlangung meines Diploms und anschließend der Doktorwürde beruhen auf den jeweils gültigen Prüfungsordnungen und den erbrachten Leistungen an den Studienorten, die natürlich Voraussetzung für die Zulassung waren.“ Er habe nie in Abrede gestellt, dass seine Doktorarbeit seine Diplomarbeit fortführe: „Ein Verfahren, welches bei Dissertationen im sozialwissenschaftlichen Bereich durchaus üblich ist.“ Die Dissertation sei nicht „identisch“ mit der Diplomarbeit: „Es handelt sich dabei vielmehr um eine Erweiterung, inhaltliche und politikwissenschaftliche Vertiefung und Aktualisierung sowie um die Entwicklung eines erweiterten Theorie- und Ordnungsrahmens. Zusätzliche Primär- und Sekundärliteratur habe ich hierfür einbezogen.“ In der gedruckten Fassung der Doktorarbeit findet sich indes kein einziger Hinweis auf die frühere Arbeit von Mützenich.

          Die Universität Bremen erklärt, dass eine solche Textübernahme heute nicht möglich sei: „Eine Dissertation muss immer eine eigene, neue Fragestellung haben, den wissenschaftlichen Standards entsprechen und darf nicht in Teilen aus einer bereits im MA eingereichten Prüfungsleistung bestehen.“ Von der von Mützenich beschriebenen Praxis in Bezug auf die Vergangenheit habe man, so die Kommunikationsabteilung der Universität, „noch niemals gehört“. Auch das ist wohl ein Grund dafür, weshalb sich der Promotionsausschuss nun mit dem Fall beschäftigt. Mützenichs Promotionskolloquium fand am 11. Februar 1991 statt. Er hatte im Jahr 1990 sein Diplom gemacht. Wenn man davon ausgeht, dass er im Januar 1990 die letzten Prüfungen absolviert und spätestens im Januar 1991 seine Dissertation eingereicht hatte, konnte Mützenich maximal ein Jahr Zeit für eine Doktorarbeit verwenden. Auf die Frage, wieviel Zeit die Abfassung seiner Dissertation in Anspruch genommen hat, antwortete der SPD-Politiker auf Anfrage nicht.

          ***

          Aktualisierung (13.3.2020): Die Universität Bremen hat der F.A.Z. mitgeteilt, dass der Promotionsausschuss getagt hat und „keinen Anlass sieht, ein Prüfverfahren zur Dissertation von Herrn Mützenich“ einzuleiten. Es lägen keine Hinweise darauf vor, dass die Dissertation nicht den wissenschaftlichen Ansprüchen genüge. Ein Verstoß gegen die Prüfungsordnung liege nicht vor, da die damals geltende Promotionsordnung die Verwertung einer Diplomarbeit in der Doktorarbeit nicht ausschließe.

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