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Kolumne „Uni live“ : Was machen eigentlich Promenadologen?

  • -Aktualisiert am

Skulptur „Man Walking to the Sky“ vor dem Kasseler Kulturbahnhof Bild: picture alliance / Uwe Zucchi

Unter Spaziergangswissenschaftlern: Neben gutem Marketing für ihr Nebenfach wollen sie das Denken und Wahrnehmen verändern. Ein Besuch auf der Documenta in Kassel.

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          Das ist also der Endpunkt meiner Reise: Ich stehe auf einer Flugzeugtreppe mitten im Kasseler Nirgendwo, rings um mich ist grüne Wiese. Um diesen skurrilen Ort zu finden, bin ich einer blauen Linie auf dem Boden quer durch Kassel gefolgt, dann die Stiegen hinauf und jetzt blicke ich herunter. Das Ziel der Übung? Horizonterweiterung!

          Ein Freund hat mir neulich von der Spaziergangswissenschaft aus Kassel erzählt und ich war sofort ganz Ohr. Denn Corona-Langeweile sei Dank bin ich Meister im Spazieren. Warum das Ganze nicht einmal aus einer wissenschaftlichen Perspektive betrachten? Zudem ist im Sommer vorlesungsfreie Zeit und das heißt: Endlich wieder Muße haben, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen als mit den engen Grenzen des eigenen Faches.

          Abseits von der Jagd nach Credit-Points und geilen Praktika heißt Studieren ja gerade das: Lernen um des Lernens willen. Keineswegs ist das zweckfrei. Es entstehen Ideen und Impulse, von denen alle profitieren können. Gebildete Köpfe können Antworten auf die Fragen und Probleme unserer komplexen Gegenwart finden. Um klug zu werden, braucht es Zeit. Die sollten Studierende bekommen. Mein altes Mantra. Gesagt, getan: Ich fahre nach Kassel, um die Spaziergangswissenschaft zu erkunden.

          Die Spaziergangswissenschaft ist ein Beispiel dafür, warum sich das universitäre Denken lohnt. Und sie ist ein Beispiel für raffinierte Selbstvermarktung, denn mit Spazieren hat sie leider wenig zu tun. Der Titel ist griffig, erregt Aufmerksamkeit und führt einen auf die falsche Fährte. Dort erst einmal angekommen, merkt man, um was es der Disziplin eigentlich geht. Das hat wiederum etwas mit dem Spaziergänger an sich zu tun und ist gar nicht so schlecht. Die Promenadologie ist als Wahrnehmungsschule zu verstehen – insbesondere für den Städtebau. Sie versucht, Stadtplanung von der kleinsten Einheit her zu denken: dem Fußgänger. Dabei reflektiert sie die Rolle des Individuums in seiner Umwelt.

          Etwas, das von der Seite wirkt

          Wieso sehen unsere Städte aus, wie sie aussehen? Wie können Fußgänger und Autofahrer friedlich koexistieren? Und warum ist Landschaft eigentlich schön? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die Disziplin. Um Antworten zu finden, bedient sich die Spaziergangswissenschaft auch künstlerischer Verfahren. Begründet wurde sie von dem Soziologen Lucius Burckhardt und seiner Frau Annemarie in den 1970er Jahren. Burckhardt ging mit seinen Kasseler Studierenden spazieren und ließ sie anschließend ihre Wahrnehmungen aquarellieren. Er promenierte auch mit einer Windschutzscheibe in der Hand durch Kassel, um die Dominanz des Autos in der Stadt zu verdeutlichen.

          Das kann man für fürchterlichen Quatsch halten und als Verschwendung von öffentlichen Geldern verdammen, man kann sich von den Fragen und dem Vorgehen aber auch inspirieren lassen. Der Ort, an dem wir leben, geht uns alle an. Und dass Kunst in ihrer eigentümlichen Wahrnehmung die Erkenntnis fördert, ist kein Geheimnis. Wichtig zu betonen ist: Die Promenadologie hat sich nie als eigenes Fach verstanden, es gibt auch keinen Lehrstuhl für sie. Ihr Begründer Lucius Burckhardt nannte sie ein „Nebenfach“ – also etwas, das von der Seite wirkt. Mit ihren Ideen will sie die Menschen in ihrem Denken und Tun inspirieren.

          Seit dem Tod von Lucius Burckhardt kümmert sich Martin Schmitz um die junge Disziplin. Heute selbst Professor in Kassel, war Schmitz einst Student bei Burckhardt. Schmitz gibt Bücher zum Thema heraus, kümmert sich um Übersetzungen, hält Vorträge und veranstaltet promenadologische Seminare, die von Studierenden verschiedener Fächer besucht werden. Mit alledem habe er reichlich Arbeit, sagt Schmitz, man interessiere sich für die Promenadologie.

          Semesterferien, wie sie sein sollten

          Das Interesse passt in die Zeit. In Anbetracht von Klimawandel, steigenden Einwohnerzahlen oder sich verändernden Sozialstrukturen müssen sich Städte neu erfinden. Architektur ist die Reflexion ihrer Bedürfnisse. Doch wie genau sehen die aus? Die Promenadologie hat selbstverständlich kein Tablett mit Antworten parat, sie kann aber einen Werkzeugkoffer anbieten, mit dem man der Lösung einen Schritt näher kommt.

          In Kassel ist der Begründer der Promenadologie eine kleine Berühmtheit, vor der Uni gibt es den Burckhardt-Platz, an dem Studierende ihre Fahrräder reparieren. Und im Rahmen der diesjährigen Documenta fifteen entstand durch den Künstler Markus Ambach das „Monument für Lucius Burckhardt“: die Flugzeugtreppe in der Wiese. Einer der wenigen deutschen Künstler auf der diesjährigen Documenta schafft also eine Treppe für Burckhardt. Auf der stehe ich, schaue runter und frage mich, was das bringen soll? Klar ist, ohne Treppe hätte ich diese Wiese nicht von oben anschauen können.

          Und gerade das ist es, was die Wahrnehmungsschule der Promenadologie ausmacht. Sie möchte eine andere Perspektive anbieten für Dinge, die uns tagtäglich umgeben und die wir als selbstverständlich hinnehmen. Durch die Aussichtsplattform der Treppe vom Kasseler Flughafen wird die Wiese zu einer Art Gemälde, das wir betrachten können. Dabei kommen wir ins Nachdenken. Und das lohnt sich bekanntlich immer.

          Als ich die Treppe hinuntersteige und auf der Wiese stehe, sage ich mir, dass dies gerade Semesterferien sind, wie sie sein sollten: ein Freiraum zum Denken und Lernen. Mal schauen, womit ich mich in den nächsten Ferien beschäftige. Jetzt geht es aber erst einmal zurück an die Uni in Mannheim. Mit der weiten Wiese im Geiste.

          Leon Igel (26 Jahre alt) studiert an der Uni Mannheim Germanistik und BWL im Master, dabei beschäftigt er sich weniger mit Goethe, dafür umso mehr mit Christoph Schlingensief. Wenn ihm das zu bunt wird, fährt er zu seinen Eltern und hackt Holz. Oder backt Brot. Corona sei Dank kann er das jetzt auch.

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