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Universität Halle : Von Sparplan zu Sparplan

  • -Aktualisiert am

Der Löwe ruht, ansonsten ist viel in Bewegung: am Hauptgebäude der Martin-Luther-Universität Halle Bild: picture alliance / ZB

Im Haushalt der Universität Halle klafft ein Millionendefizit. Drastische Kürzungen stehen im Raum – wie eigentlich immer in den vergangenen dreißig Jahren. Über eine Hochschule im Dauersparmodus.

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          Zwischen zwei großen Plattenbauten und einem Studentenwohnheim steht ein unscheinbares Backsteinhaus. Die Farbe blättert von Fenster- und Türrahmen. Nur die flaschengrünen Schilder neben der Eingangstür bezeugen, dass das Haus nicht leer steht. Auf einem prangt „Ehemaliges Zentrum für Ingenieurwissenschaft“. Als das Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 2016 endgültig seine Pforten schloss, war der Beschluss zur Abwicklung der Fakultät schon zehn Jahre alt. Der einstige Direktor des Zentrums, Joachim Ulrich, ist bis heute nicht ausgezogen. Fast täglich geht er noch kurz ins Büro, um „Restarbeiten“ zu erledigen, wie er sagt.

          Ein Blick auf die Geschichte der Ingenieurwissenschaft ist gerade in diesen Tagen lohnenswert. Erst im Frühjahr hatte Universitätsrektor Christian Tietje eine Bombe platzen lassen: Im Haushalt fehlen 15 Millionen Euro – jedes Jahr! Im Mai präsentierte das Rektorat einen weitreichenden Vorschlag, dem zufolge mehrere Professuren gestrichen und ganze Fakultäten umgruppiert werden sollten. Der Akademische Senat, das höchste Gremium der Universität, sollte das Papier durchwinken. Der Aufschrei war groß. Auf der Senatssitzung war von einem „Blutrausch des Rektorats“ die Rede. Das Papier wurde in der vorliegenden Form nicht beschlossen, aber der Senat leitete ein Verfahren ein, an dessen Ende Kürzungsbeschlüsse stehen sollen.

          Wie langwierig solche Strukturveränderungen sind, weiß kaum jemand so gut wie Ulrich. Als die Schließung der Ingenieurwissenschaft in Halle mit seinen mehr als 120 Mitarbeitern 2006 endgültig beschlossen wurde, waren der heute pensionierte Professor für Thermische Verfahrenstechnik und seine Kollegen enttäuscht und wütend. Doch statt sich andernorts auf eine Stelle zu bewerben oder die Professur auf Lebenszeit auszusitzen, übernahm Ulrich Verantwortung. Er wurde Direktor des Zentrums für Ingenieurwissenschaft und Prorektor der Universität mit dem Auftrag, die Abwicklung zu gestalten. „Nicht weil mir das zu diesem Zeitpunkt Spaß gemacht hätte, sondern schlicht und einfach, weil ich der Meinung bin, dass man den Prozess für die betroffenen Menschen fair gestalten muss.“ Die Mitarbeiter seien ihm immer wichtig gewesen. Davon zeugen auch die vielen Fotos von Doktoranden und Kollegen in seinem Büro.

          Wer glaubt, mit der Schließung von Fächern oder ganzen Fakultäten von heute auf morgen Geld zu sparen, irrt. „Am Tag nach dem Beschluss hat sich gar nichts geändert“, erinnert sich Ulrich. Jeder Student hat das Recht, sein Studium zu beenden. Im Idealfall dauert das fünf Jahre, erst danach spart eine Universität wirklich Geld. Rechnet man Elternschaft, Wiederholungsprüfungen und Krankheiten ein, sind es realistisch sieben bis acht Jahre. In dieser Zeit wird weiter Personal für Lehre, Betreuung, Prüfungen und Verwaltung benötigt. Unbefristete Stellen können nicht einfach gekündigt werden. Auslaufende Stellen werden nicht neu besetzt. Permanent sind Löcher zu stopfen.

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