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Spanien für den zweiten Blick : Studieren in Bilbao

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Guggenheimmuseum: Das Wahrzeichen gab den Impuls zum Wirtschaftsaufschwung Bilbaos. Bild: Ruwan Löhr

Bilbao gilt als Geheimtipp für das Auslandssemester. In der Stadt im Norden Spaniens trifft man Einheimische, nicht andere Austauschstudenten. Uni und Innenstadt sind modern, die besten Surfspots liegen gleich vor der Tür. Allerdings ist Bilbao auch die Hauptstadt der Basken - und das macht die Sache schon mal kompliziert.

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          Eigentlich war Benedikt Coekoll mit ziemlich klaren Vorstellungen nach Bilbao gekommen. Der Bayreuther Student wollte möglichst viel vom echten Spanien kennenlernen, mit Land und Leuten in Kontakt kommen - und nicht jeden Abend auf den Partys anderer Erasmus-Studenten verbringen, womöglich unter lauter Deutschen. Austausch-Hochburgen wie Madrid, Barcelona oder Sevilla kamen für den 22-Jährigen, der Philosophy and Economics an der Universität Bayreuth studiert, deshalb nicht in Frage. „Dort gehen alle hin“, sagt Coekoll. „Man ist umgeben von anderen Ausländern.“
          Also kam er, nach einer Station im schottischen Edinburgh, nach Bilbao. Und musste schnell feststellen: Spanisch geht es hier nicht zu. Zumindest pflegt die Stadt im Norden der Iberischen Halbinsel eine ausgesprochen komplizierte Beziehung zum Königreich. Denn Bilbao, zehntgrößte Stadt des Landes, ist baskisch: Sie galt lange als Hochburg der Untergrund­organisation Eta, die seit fast zwanzig Jahren Spanien mit Terroranschlägen in Angst und Schrecken versetzt - damit das Baskenland unabhängig werden kann vom Rest Spaniens. Zwar herrscht inzwischen so etwas wie ein Waffenstillstand, die Region genießt einen gewissen Autonomie-Status. Auch steht die Mehrheit der Bevölkerung längst nicht mehr hinter den radikalen E E Separatisten. Doch die Einwohner Bilbaos betonen weiter, dass sie Basken sind, nicht Spanier. Sie sprechen unter sich ihre eigene Sprache, Bands aus der Region singen auf Baskisch. Auf vielen Häusern flattern die rot-weiß-grünen baskischen Flaggen.
          Sogar Erstligist Athletic Bilbao besetzt seine Mannschaften nach einer strengen Regel, die im Profifußball geradezu anachronistisch anmutet: Mitspielen dürfen ausschließlich Einheimische. Nationalistisch, hat Benedikt inzwischen von seinen baskischen Bekannten gelernt, ist das nicht. „Eher eine Frage der Verbundenheit zur Region.“ Basken seien eben stolz auf ihre Herkunft und damit auf die eigenen Spieler. Dennoch: „Die meisten Basken sind es inzwischen leid, über die Unabhängigkeit des Baskenlandes zu sprechen“, sagt Benedikt. Selbst wenn die Straßen mit vielen politischen Plakaten gepflastert sind: „Im Alltag bekommt man wenig über solche politischen Diskussionen mit.“
          Und so wird Bilbao auf den zweiten Blick eben doch zum Spanien-Geheimtipp für all die Austauschstudenten, die abseits von Erasmus-Partys das Leben der Einheimischen kennenlernen wollen. Nur wenige Deutsche studieren an den beiden Universitäten der Stadt. Und wer zum Studieren auf Zeit herkommt, trifft mit Sicherheit mehr Basken als Ausländer. So hat auch der Bayreuther Student Benedikt sein Ziel, Spanien mit allen seinen Widersprüchen kennenzulernen, mehr als erreicht. Bilbao, sagt er, ist eben ganz einfach auch eine spannende Stadt: Typisch nord-spanisch gelten die Basken als „Schwaben Spaniens“, berichtet Benedikt. „Sie sind pünktlich, strebsam und halten nicht viel von der in Spanien allgegenwärtigen Mañana-mañana-Einstellung.“ Pünktlichkeit und Fleiß werden groß­geschrieben. Dennoch weiß man in Bilbao, wie man das Leben genießt. Irgendwie findet sich immer Zeit für einen Ausflug an den Strand, für ein paar Tapas, die hier Pintxios heißen, und für ein paar „Zurítos“, kleine Biere also, am Feierabend.
          Bilbao ist auch eine moderne Stadt. Initialzündung für eine regelrechte Neuerfindung der Baskenmetropole war der Bau des Guggenheim Museums Mitte der 1990er Jahre. Der kühn verdrehte, silbern glänzende Bau des US-amerikanischen Stararchitekten und Designers Frank O. Gehry am Ufer des Nervión beherbergt heute eine weltberühmte Sammlung moderner Kunst, ist einer von sieben Museen der Solomon R. Guggenheim Foundation. Auch die Stadtväter Bilbaos nahmen in der Folge eine Menge Geld in die Hand, investierten in eine mondäne Uferpromenade mit Glastürmen und geschwungenen Brücken. Das futuristische Stadtbild zieht inzwischen jedes Jahr Tausende Touristen nach Bilbao, die Wirtschaft wächst. Und sowohl die öffent­liche als auch die private Uni, an denen viele Seminare auf Englisch gehalten werden, geben sich international.
          Austauschstudent Benjamin Smith aus Lüneburg jedenfalls hat Bilbao und die Basken als ziemlich fortschrittlich erlebt. Der 26-Jährige studiert Umweltwissenschaften und findet den Umgang der Einheimischen mit der Natur vorbildlich: „Basken trennen Müll, es gibt Bioprodukte in Supermärkten, und der öffent­liche Nahverkehr ist gut ausgebaut“, lobt Benjamin. Er findet, dass die Basken sensibler mit der Umwelt umgehen als die übrigen Spanier. Immer noch üblich sind nämlich Klospülungen ohne Stopptaste, Heizungen, die sich nicht einstellen lassen. Und eine Straßenbeleuchtung, die jede Nacht zum Tag macht. Auch in Bilbao, ärgert sich Benjamin, spritzt die Stadtreinigung Straßen und Gehwege nachts mit Wasser ab, um sie zu säubern. „Und verschwendet so Tausende Liter Wasser, obwohl das Land fast jeden Sommer über Wassernot klagt.“ Immerhin zählt der Küstenstreifen des Baskenlandes zum Unesco-Weltnaturerbe.
          Die Nähe zum Meer ist für die meisten Austausch­studenten ohnehin das Beste an Bilbao. Stephan Moreau etwa, der sonst an der Universität Siegen Literatur, Kultur und Medien studiert, ist nur deswegen hergekommen. Stephan surft, und die Strände rund um Bilbao gelten als eins der Wellenreit-Mekkas Europas. Wenn er nicht gerade an der Universität Deusto sein Spanisch trainiert, setzt er sich in Metro oder Bus und stürzt sich in den „Swell“ in Sopelana, Meniakoz, Bakio oder Mundaka, wo einige Strandabschnitte zu den besten Surfspots Europas zählen. „Wann hat man denn sonst die Möglichkeit, am Meer zu wohnen und sein Hobby auszuleben“, sagt der 23-Jährige.
          Zwei- bis dreimal pro Woche steigt er an der Station Cacso Viejo in die Metrolinie 1 ein und eine halbe Stunde später am Strand wieder aus. Am liebsten fährt er nach Sopelana. Denn dort kann er mit einem ehe­maligen Profi trainieren, der eine Surfschule führt und Bilbaos Studenten günstige Preise anbietet. Die meisten von Stephans Surf-Kollegen sind Basken - und das findet Stephan gut so, denn auf diese Weise kann er Spanisch üben. Trotz Nationalstolz sprechen die Einwohner Bilbaos natürlich meistens Spanisch. „Und am Strand lernt man sich schnell kennen“, sagt Stephan. „Abends trifft man sich dann in der Altstadt wieder.“ Und feiert zusammen. So wie man sich das im Austauschsemester vorstellt.


          Nachtleben

          Cafebar Bilbao | Plaza Nueva Nr. 6
          Die Bar ist eine der ältesten der Stadt und ein Schmuckstück unter den Pintxios-Bars. Weiße Fliesen mit blauen Ornamenten zieren die Wände. Hier treffen sich Spanier und Basken während der Siesta oder nach der Arbeit, um einen kühlen Weißwein oder ein Bier zu trinken und kleine Happen Tintenfischringe, würziges Gemüse oder Tortilla zu essen.

          Calle Somera
          Die kleine Straße im Casco Viejo ist das Zentrum des studentischen Nachtlebens. In Bars holt man sich die für Spanien typischen kleinen Biere, Zurítos, um sich dann einen Platz auf der Straße zu suchen. Um runde Stehtische sammeln sich kleine Gruppen, trinken Bier oder Calimocho, das Lieblingsgetränk der Einheimischen, ein Mix aus Rotwein und Cola.

          7 Katu | Solokoetxeko
          Vor vier Jahren haben Jugendliche das frühere Jugendzentrum im Casco Viejo für sich erobert, indem sie das Haus besetzten. Heute ist 7 Katu Treffpunkt für Alternative, Querdenker und Studenten. Im Sommer sitzen sie auf den Treppenstufen vor dem Eingang und diskutieren. Donnerstags und am Wochenende finden Konzerte mit baskischen Bands statt.

          Bítítza | Torre 1
          Der baskische Name der kleinen Bar mit der Peace-Fahne im Eingang bedeutet Leben. Und davon gibt es in der Kneipe mit den rustikalen Holztischen und vergilbten Kalenderblättern an den Wänden besonders viel. Die 50er- und 60er-Jahre-Musik sorgt für beschwingte Stimmung. Ebenso die große Auswahl an Kräuterschnäpsen: von Anis über Melisse bis zu Thymian.

          Nerbion | Calle La Naja 7
          Dunkelrote Wände und tief hängende grüne Leuchten tauchen die kleine Bar in ein
          sanftes, wohliges Licht. Pintxios, Bocadillos und Salate auf der Speisekarte stillen den kleinen Hunger. Wie in fast allen spanischen Bars spielt die Musik eine Nebenrolle. Schließlich hört man sie kaum wegen der lautstarken Unterhaltungen. Wer sich davon eine kleine Pause gönnen will, zockt eine Runde am alten Flipperautomaten.

          Schlafplatz gesucht?

          Für die Zimmersuche in Bilbao gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wenden sich Austauschstudenten an das International Office der jeweiligen Universität und lassen sich ein Zimmer vermitteln. Oder sie suchen auf eigene Faust eines der vielen Zimmer in einer Wohngemeinschaft.

          Über die Universitäten ist die Zimmersuche recht einfach. Das International Office der Universität Deusto hat dafür etwa das Programa de Alojamiento aufgelegt. Bei der staatlichen Universidad del Vasco nennt sich die Zimmervermittlung „Agur“. Die Unis vermitteln Zimmer in Wohngemeinschaften, theoretisch für 250 bis 500 Euro. In der Praxis kosten die WG-Zimmer aber meist 400 Euro aufwärts. Die Uni verteilt die Zimmer der Wohnungen ausschließlich an Austauschstudenten, die miteinander eher Englisch statt Spanisch sprechen. Wer gerne mit Muttersprachlern zusammenleben will, kann das zwar auch bei den von der Uni vermittelten Wohnungen. Allerdings werden die Mitbewohner aus Südamerika kommen und nicht aus dem Baskenland.

          Wer sich allein auf die Suche macht, gelangt einfach und schnell an eine baskische WG. Voraussetzung dafür ist aber, dass man zumindest bei den ersten Anrufen ein paar Brocken Spanisch spricht oder einen Freund mit Spanischkenntnissen um Hilfe bittet. Üblicherweise telefoniert man erst einmal mit dem Vermieter und vereinbart mit ihm einen Besichtigungstermin. Die meisten Adressen für WG-Zimmer stehen an schwarzen Brettern der Uni oder auf der Facebook-Seite der Universität Deusto. Viele Zimmer finden sich auch im Internet unter alkila.net. Ein Zimmer in der begehrten Altstadt Casco Viejo kostet etwa 300 bis 400 Euro.

          Sprachschulen in Bilbao

          Instituto Hemingway
          Calle Bailén nº 5 - 2º dcha.
          48003 Bilbao
          Tel. +34 944 167 901
          www.institutohemingway.com

          Deutsche Sprachschule - Centro de Estudios Alemán
          Calle Mayor 20 bis 1º izqda Dpto., 12-13
          48930 Getxo, Las Arenas, (Bilbao)
          Tel. +34 944 801 788
          www.deutschesprachschule.com

          Wortschatz: wichtige Wendungen auf Spanisch
          Hallo! ¡hola! Kaixo!
          Ja/Nein Sí/No Bai/Ez
          Wie geht es dir? ¿Cómo estás?
          Wie schön! ¡Que chulo!
          Das tut mir leid. Lo siento mucho.
          Ich spreche kein Baskisch. No hablo vasco
          Nur mit der Ruhe! ¡Tranquilo /Relájate!
          Lass uns zum Strand Surfen gehen! ¡Vamos a la playa a surfear!
          Wir können uns an der Tapas Bar treffen. ¡Llévame a un bar de tapas /pintixos!
          Bis später! ¡Hasta luego! Agur!
          Mir geht´s gut, aber mein Fahrrad wurde gestohlen. Estoy bien, pero me han robado la bici.
          Der Supermarkt ist geschlossen. Gerade ist Siesta. El supermercado está cerrado. Es la hora de la siesta.
          Ich hätte gerne zwei Gläser Bier / eine Flasche Rotwein / Rotwein mit Cola / kleines Bier! Quiero dos vasos de cerveza / una botella de vino tinto / calimocho / zuríto!
          Gestern habe ich ein nettes Mädchen beim Botellón getroffen. Ayer, conocí a una chica muy simpática en un botellón.

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