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Soziologie der Finanzklasse : Sie glauben, sie handeln in höherem Auftrag

Über den Wolken: der Londoner Finanzdistrikt Canary Wharf Bild: Reuters

Drei Soziologen erforschen das Leben und Streben der Investmentbanker in einer Reihe von Interviews. Die Selbstaussagen der Branche bestätigen noch das platteste Klischee.

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          Der Soziologe Michael Hartmann hat vor zwei Jahren den Mythos der globalen Wirtschaftselite durch den Nachweis demontiert, dass die Karrieren der meisten Unternehmensführer und Vorstände erstaunlich bodenständig verlaufen. Hartmanns Raster entging damals, dass Globalität nicht zwangsläufig an Ortswechsel gebunden ist, sondern über Internet und kurze Auslandsreisen hergestellt werden kann. Als erster Anwärter auf Zugehörigkeit zu dieser hybriden Globalität gelten Akteure der Finanzwirtschaft, die das weltweit vereinheitlichte Marktgeschehen heute vom Computer aus dirigieren.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Spätestens seit der Finanzkrise haftet dieser Branche das Klischee einer abgekapselten, ihrer Umwelt gleichgültig gegenüberstehenden Elite an, die ihr kurzfristiges Denken über den Shareholder Value auf Realwirtschaft und Gesellschaft überträgt und die dort verursachten Brände der Politik zuschiebt. Wenn in kapitalismuskritischen Schriften vom „space of flows“ die Rede ist, der alles Ortsgebundene aus den Angeln hebt, dann bleiben die Akteure meist im Dunkeln. Man stellt sich Männer mit schwarzen Anzügen vor, die ihre Rollkoffer durch den Flughafen schieben und große Zahlen in Headsets murmeln.

          Das Buch von Sighard Neckel, Lukas Hofstätter und Marco Hohmann hat den großen Vorzug, von den Protagonisten der globalen Finanzklasse ein klares und fassbares Bild zu zeichnen. Die drei Soziologen weisen die Einheit dieser Klasse, wenn es denn eine ist, nicht über Einkommen und Mobilität, sondern über geteilten Lebensstil und Werte auf. Sie untersuchen dafür die Finanzplätze Frankfurt und Sidney, die sich im Gespräch mit 42 Vertretern der Branche trotz mancher lokaler Unterschiede und unterschiedlicher wirtschaftspolitischer Traditionen – hier Manchesterkapitalismus, da Deutschland AG – als relativ homogen erweisen. Die Untersuchung konzentriert sich auf den offensivsten Zweig der Branche, das Investmentbanking, das die globalen Standards am besten erfüllt.

          Systemstabilisierender Opportunismus

          Durch die Virtualisierung und weltweite Vernetzung der Märkte ist Internationalität, wie die Autoren zeigen, in diesem Segment tatsächlich nur bedingt auf Ortswechsel angewiesen. Die Karrieren sind ein Abbild des rasch fluktuierenden Marktgeschehens. Schneller Aufstieg, schneller Jobwechsel, hohes Risiko. Kündigungen werden stoisch hingenommen, dem Markt als der Basis des eigenen Erfolgs widerspricht man nicht. So bildet sich eine Mentalität heraus, die nicht mehr Kunden und Unternehmen, sondern den Markt als zentralen Bezugspunkt hat, was auch die Akzeptanz des eigenen Unternehmens findet, das von der Fähigkeit seiner Angestellten profitiert, Gelegenheiten zu erkennen – und zu nutzen. Es herrscht deshalb ein systemstabilisierender Opportunismus, der durch den Übergang zur mathematischen Modellierung der Märkte und Produkte forciert worden ist. Er entfernte den Banker von Kunden und Unternehmen, setzte den Anreiz, gegen sie zu wetten, und verlagerte die unbeliebten Jobs ins Backoffice.

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