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Sozialwissenschaftsdebatte : Zu süß, um wahr zu sein

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Marshmallow-Test - Die Schaumzucker-Leckerei kann Psychologen als Probe dazu dienen, ob ihre Probanden zum „Belohnungssaufschub“ fähig sind. Bild: Frank Röth

Treffen hungrige Richter härtere Entscheidungen? In der Rechtswissenschaft und der Psychologie wird eine Diskussion darüber ausgetragen, wie mit sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen umgegangen werden soll.

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          In Rechtswissenschaft und Psychologie wird wieder darüber diskutiert, wie mit sozialwissenschaftlichen Einzelerkenntnissen umzugehen ist. Der Anlass ist die breite Rezeption von zwei Studien, deren Ergebnisinterpretationen sich inzwischen als problematisch erweisen. Treffen hungrige Richter härtere Entscheidungen und haben Kinder, die keine Viertelstunde auf einen Marshmallow verzichten können, einen schlechteren Charakter? Beide Schlussfolgerungen lassen sich nicht halten – populärwissenschaftliche Bücher, die diese Annahmen verbreiten, werden nun Makulatur.

          Grundlage der Richterstudie war eine Untersuchung zu Gesuchen von Gefängnisinsassen in Israel, die eine Freilassung auf Bewährung beantragen. Dazu tagt ganztägig ein Gremium aus Richtern. Die höchste Wahrscheinlichkeit einer – für die Gefangenen – positiven Entscheidung besteht am Anfang einer Sitzung mit etwa 65 Prozent und fällt dann, kurz vor der Mittagspause, auf fast null. Nach einer Pause beträgt sie wieder etwa 65 Prozent. Erklärt wurde der im Jahr 2011 gemessene Effekt mit Ermüdung oder Hunger.

          Um diese Kausalität darlegen zu können, gingen die Autoren von einer zufälligen Reihenfolge der bearbeiteten Fälle aus. Sie behaupten insbesondere, dass zwischen der Terminierung der Pause und der Eigenschaft der Fälle kein Zusammenhang bestehe. Schon die erste wissenschaftliche Erwiderung hatte diese Zufälligkeit der Reihenfolge angezweifelt: Die Kammern behandeln demnach zuerst die anwaltlich betreuten Fälle. Von den Autoren erfolgte hierzu eine vage Replik: Der Effekt bliebe auch bestehen, wenn dies berücksichtigt würde. Weltweit bekannt wurde die Studie durch die Zitierung in Daniel Kahnemans Bestseller „Schnelles Denken, langsames Denken“. Der Münsteraner Rechtswissenschaftler Konstantin Chatziathanasiou kommt nun in der „Juristenzeitung“ (Mohr Siebeck, Heft 9/2019) zum Schluss, dass die Studie allenfalls als „starke Anekdote“ gelten dürfe.

          Der „Marshmallow-Test“ wird wieder diskutiert

          Er berichtet von einer Simulation des Kölner Sozialpsychologen Andreas Glöckner. Dieser fragt, ob sich der Rückgang der positiven Entscheidungen kurz vor einer Pause anders erklären lasse als mit Erschöpfung und Hunger. Dazu entnimmt er der Erststudie die Anteile an positiven und negativen Fällen und die jeweilige Bearbeitungsdauer. Er geht davon aus, dass ein Richter einen Pausenbeginn anpeilt und aufhört, Fälle zu bearbeiten, wenn der nächste Fall den Anschein erweckt, den Pausenbeginn zu verschieben. Alternativ bearbeitet ein Richter dann nur noch Fälle, von denen er meint, dass diese sicher abgelehnt würden. Denn solche Fälle brauchen keine lange Entscheidungsbegründung und sind innerhalb weniger Minuten erledigt. Aus diesen Annahmen generiert Glöckner eine Ablehnungskurve, die – für ihn wenig überraschend – ähnlich aussieht wie in der Erststudie. Damit ist die behauptete Kausalität mit dem Hungergefühl in Frage gestellt.

          Vor diesem Hintergrund warnt Chatziathanasiou davor, rechtliche Reformen auf Einzelstudien zu stützen. Es brauche stärkere Evidenz durch Replikationen oder Meta-Analysen. Das allerdings wird schwer: Die israelischen Gerichte sind mit der Datenfreigabe inzwischen nicht mehr einverstanden. Chatziathanasiou würdigt positiv, dass die Studie einer selbstgenügsamen Schließung der juristischen Disziplin entgegengewirkt habe.

          Währenddessen wird in der Psychologie wieder über den „Marshmallow“-Test diskutiert, den in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts der 2018 verstorbene, aus Wien gebürtige Psychologe Walter Mischel in Stanford entwickelte. Hier testete man Kinder im Alter von fünf Jahren, ob sie der Versuchung eines Marshmallows für fünfzehn Minuten widerstehen können, um danach zwei Marshmallows zu bekommen. Wer widerstehen konnte, dem wurde mehr Selbstkontrolle bescheinigt und mehr Erfolg in Schule und Leben vorausgesagt. Die Studie inspirierte eine Welle von Forschungen darüber, wie Charaktereigenschaften die Bildungsergebnisse beeinflussen könnten. Sie fand Eingang in Ratgeber.

          Weltweit machten Eltern mit ihrem Nachwuchs den „Marshmallow“-Test, teilweise auch mit anderen Süßigkeiten. Im Jahr 2015 sah sich einer der Autoren einer Folgestudie zu einer öffentlichen Entwarnung veranlasst: „Die Idee, dass Ihr Kind zum Scheitern verurteilt ist, wenn es nicht auf seine Marshmallows wartet, ist wirklich eine ernste Fehlinterpretation“, schrieb er. Nun kommt eine Analyse von Tyler W. Watts, Greg J. Duncan und Haonan Quan in der Zeitschrift der American Psychological Society zu dem Ergebnis, dass es fast keine Korrelation gibt zwischen Selbstkontrolle bei Marshmallows und späterem Lebenserfolg („Revisiting the Marshmallow Test: A Conceptual Replication Investigating Links Between Early Delay of Gratification and Later Outcomes“, in „Psychological Science“, Mai 2018).

          Mischels Test habe vielfältige Mängel gehabt. Einer davon: Mischel rekrutierte die untersuchten Kinder nur von Stanford-Studenten oder Professoren. Repräsentativität war nicht gegeben. Trotzdem wurden in den Vereinigten Staaten Millionen in Schulprogramme investiert, die auf Ergebnissen der Studie basierten. Heute meint man zu wissen, dass Faktoren wie familiärer Hintergrund und Intelligenz für den Lebenserfolg von Kindern entscheidend sind.

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