https://www.faz.net/-gyl-9igao

Diversität an Hochschulen : Die Solidarität endet an der Grenze zur Unterschicht

  • -Aktualisiert am

Hier war der Arbeiter noch dabei: Studentenprotest im Jahr 1968 Bild: © SZ Photo / Max Scheler

Die Diversitätdebatte an den Hochschulen konzentriert sich allein auf Geschlecht und sexuelle Orientierung. Dabei ist die soziale Herkunft ein viel wichtigeres Kriterium für den Hochschulzugang.

          5 Min.

          Diversität ist kein neutraler Begriff, der natürliche und gesellschaftliche Vielfalt einfach nur beschreibt, sondern auch ein politisches Programm, das vor allem in den Universitäten enorme Konjunktur hat. Es manifestiert sich unter anderem in der Institutionalisierung von Diversitätsbeauftragten und interdisziplinär ausgerichteten Diversity-Studiengängen. Die Selbstverpflichtung zur Förderung von Diversität ist Teil des Leitbildes mancher Universitäten und auch der Deutschen Forschungsgemeinschaft geworden. Diversitätspolitik meint dabei meist Repräsentationspolitik. Alle als relevant definierten Gruppen innerhalb einer Institution sollen auf den verschiedenen Positionen gleich repräsentiert sein.

          Menschen unterscheiden sich bekanntlich bezüglich sehr verschiedener Merkmale voneinander. Der universitäre Diversitätsdiskurs definiert aber die Merkmale Geschlecht und sexuelle Orientierung als besonders relevant. Neben Frauen sollen Personen, die einer LGBTIQ-Orientierung (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Intersex, Queer) folgen, anerkannt, geschützt und entsprechend in den Institutionen repräsentiert sein. Aus der Perspektive der Diversitätsvertreter ist es besonders alarmierend, wenn sich Gruppenmerkmale überlagern und zu einer „intersektionalen Benachteiligung“ von Personen führen.

          Diskurse über Diversität sind selbst Bestandteil der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit. Es ist auffallend, dass in den skizzierten Klassifikationen von Diversitätsmerkmalen und Gleichstellungspolitiken eine zentrale Benachteiligungskategorie so gut wie keine Erwähnung findet: die soziale Herkunft. In den sechziger Jahren bildete die sogenannte Klassenfrage ein zentrales Motiv der Studentenbewegung. Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs für Personen aus den unteren Klassen sind mit der Institutionalisierung des zweiten Bildungswegs geschaffen worden. In den siebziger Jahren hat sich dann die Frauenfrage und seit Beginn der Jahrtausendwende das Thema Diversität ins Blickfeld geschoben. Die soziale Herkunft ist in der Folge zur vergessenen Seite des Diversitätsdiskurses geworden. Auch der Migrationshintergrund einer Person spielt im universitären Diversitätsdiskurs keine oder nur eine untergeordnete Rolle.

          Repräsentation der Geschlechter

          Die Frage, welche Gruppen in bestimmten Institutionen über- und welche unterrepräsentiert sind, ist allerdings allein empirisch zu beantworten. Schaut man sich unter dieser Perspektive die Diversität der Studenten an, die zahlenmäßig die größte Gruppe an Universitäten bilden, dann ergeben sich zum Teil überraschende Befunde. Mit einem Frauenanteil von 48,5 Prozent innerhalb der Studenten im Jahr 2017 kann die Gleichstellung von Frauen beim Zugang zu tertiären Bildungseinrichtungen als weitgehend abgeschlossen angesehen werden, auch wenn der Frauenanteil zwischen den Fächern und Fächergruppen variiert und vor allem in den Ingenieurwissenschaften deutlich geringer ausfällt. Auch auf der Ebene der Doktoranden beträgt der Frauenanteil mittlerweile 45,2 Prozent (2016). Die im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts starke Zunahme der Bildungsbeteiligung von Frauen ist eine der bedeutsamsten Veränderungen der Sozialstruktur Deutschlands.

          Natürlich bedeutet eine ausgewogene Repräsentanz unter Studenten nicht, dass die Frauen auch auf den oberen Hierarchiestufen einer Universität mit den Männern gleichgezogen haben. So lag laut Bericht der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (2016/2017) der Frauenanteil bei Professuren im Jahr 2017 bei 23,4 Prozent, 1997 waren es sogar nur neun Prozent. Diese Kennzahl umfasst allerdings sowohl Professuren, die vor mehreren Jahrzehnten besetzt wurden, als auch Neuberufungen. Möchte man ein gültiges Bild der gegenwärtigen Ungleichheit zeichnen, so lohnt der Blick auf die Entwicklung der Neuberufungen. Hier lag der Frauenanteil im Jahr 2003 noch bei 17,8 Prozent. Er hat sich bis 2017, also innerhalb von 14 Jahren, auf 33,4 Prozent erhöht. Ungleiche Geschlechterrepräsentation besteht auf der Ebene der Professuren also weiter fort.

          Aus den empirischen Befunden ist auch nicht zu schließen, dass Frauen in der alltäglichen Praxis nicht mehr diskriminiert werden. Die MeToo-Debatte hat gezeigt, welchen Belästigungen Frauen an Universitäten ausgesetzt sind. Der Zugang zur Hochschule ist aber eine davon unabhängige und sehr bedeutsame Dimension der Gleichberechtigung, weil hier die Voraussetzungen für den späteren Lebensverlauf geschaffen werden.

          Repräsentation von Homo- und Bisexuellen

          Wie sieht es mit der Über- oder Unterrepräsentanz von Personen mit einer nicht heterosexuellen Orientierung innerhalb der Studenten aus? Wir können diese Frage nicht für alle Formen sexueller Orientierung beantworten, sondern nur für die Gruppe derjenigen, die sich als homo- oder bisexuell verstehen. Eine exakte Bestimmung der Größe dieser Gruppe ist methodisch nicht ganz einfach, da bis vor wenigen Jahrzehnten Heterosexualität die einzige gesellschaftlich anerkannte sexuelle Orientierung war. Dies beeinträchtigt die Bereitschaft von Befragten, sich in einer empirischen Erhebung zu einer nicht-heterosexuellen Orientierung zu bekennen. Es gibt aber statistische Korrekturverfahren, mit denen man den Anteil von homo- und bisexuellen Studenten valide einschätzen kann.

          Beispielsweise wissen wir, dass sich jüngere Personen eher zu ihrer Homosexualität bekennen als ältere. Wir wissen auch, dass in persönlich durchgeführten Interviews die Bereitschaft, sich zur Homosexualität zu bekennen, geringer ist als in Interviews, die online durchgeführt werden. Das liegt daran, dass bei online durchgeführten Interviews kein persönlicher Kontakt zwischen Interviewtem und Interviewendem besteht und in der Folge die Sorge geringer ist, für eine von der Norm abweichende Sexualität verurteilt zu werden. Berücksichtigt man diese und andere Faktoren, so kommt man zu dem Ergebnis: Homo- und Bisexuelle sind unter den Studierenden nicht unterrepräsentiert – im Gegenteil, sie scheinen leicht überrepräsentiert zu sein.

          Die vergessene Seite: soziale Herkunft

          Ganz anders verhält es sich mit der Repräsentanz von Personen mit Migrationshintergrund und aus weniger gebildeten Schichten. Beide Gruppen sind unter den Studenten deutlich unterrepräsentiert. Während beispielsweise 45,9 Prozent der Kinder, deren Eltern einen Hochschulabschluss vorweisen können, ein Studium aufnehmen, liegt die Quote bei Kindern, deren Eltern maximal einen Hauptschulabschluss haben, bei nur 8,8 Prozent.

          Vergleicht man die empirischen Ergebnisse, dann wird deutlich, dass der Diversitätsmangel besonders die soziale Herkunft betrifft. Allerdings spielt diese Dimension im Diversitätsdiskurs kaum eine Rolle.

          In der Intersektionalitätsforschung wird betont, dass nicht nur Einzelmerkmale von Personen, sondern die Überlagerung verschiedener Merkmale zu besonderen Benachteiligungen führt. So macht beispielsweise eine Frau ohne Migrationshintergrund andere Erfahrungen als eine Frau mit Migrationshintergrund. In Bezug auf den Zugang zu Universitäten kommt unsere empirische Analyse der Überlagerung verschiedener Merkmalsfaktoren zu einem überraschenden und den theoretischen Annahmen der Intersektionalitätsvertreter widersprechenden Befund: Die Merkmale „Frau“ und „Bi-/Homosexualität“ verringern die Wahrscheinlichkeit, zur Gruppe der Studenten zu gehören, nicht, sondern erhöhen sie. Die besten Chancen, Zugang zu einer Universität zu erhalten, haben Personen aus einem akademischen Elternhaus, die weiblich und zugleich bi-/homosexuell sind. Und die geringsten Chancen haben heterosexuelle Männer mit Migrationshintergrund, die aus einem nichtakademischen Elternhaus kommen.

          Teile des Diversitätsdiskurses stehen in der Traditionslinie des Dekonstruktivismus, dessen Ziel es ist, gesellschaftliche Klassifikationssysteme daraufhin zu untersuchen, in welchem Maß eine Diskursordnung bestimmte gesellschaftliche Gruppen ausschließt oder marginalisiert. Wendet man dieses Programm auf die Diversitätsdebatte selbst an, wird man nicht um die Feststellung herumkommen, dass sich der universitäre Diskurs über die Benachteiligung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen von den real existierenden Ungleichheiten weitgehend entkoppelt hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Christine Lagarde auf der Pressekonferenz in Frankfurt

          EZB-Präsidentin Lagarde : Zinsentscheid mit einem Lächeln

          Die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, stellt sich erstmals nach einer Ratssitzung der Presse. Den Zinssatz lässt sie unverändert, doch ihr Stil unterscheidet sich deutlich von dem ihres Vorgängers Draghi.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.