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Diversität an Hochschulen : Die Solidarität endet an der Grenze zur Unterschicht

  • -Aktualisiert am

Aus den empirischen Befunden ist auch nicht zu schließen, dass Frauen in der alltäglichen Praxis nicht mehr diskriminiert werden. Die MeToo-Debatte hat gezeigt, welchen Belästigungen Frauen an Universitäten ausgesetzt sind. Der Zugang zur Hochschule ist aber eine davon unabhängige und sehr bedeutsame Dimension der Gleichberechtigung, weil hier die Voraussetzungen für den späteren Lebensverlauf geschaffen werden.

Repräsentation von Homo- und Bisexuellen

Wie sieht es mit der Über- oder Unterrepräsentanz von Personen mit einer nicht heterosexuellen Orientierung innerhalb der Studenten aus? Wir können diese Frage nicht für alle Formen sexueller Orientierung beantworten, sondern nur für die Gruppe derjenigen, die sich als homo- oder bisexuell verstehen. Eine exakte Bestimmung der Größe dieser Gruppe ist methodisch nicht ganz einfach, da bis vor wenigen Jahrzehnten Heterosexualität die einzige gesellschaftlich anerkannte sexuelle Orientierung war. Dies beeinträchtigt die Bereitschaft von Befragten, sich in einer empirischen Erhebung zu einer nicht-heterosexuellen Orientierung zu bekennen. Es gibt aber statistische Korrekturverfahren, mit denen man den Anteil von homo- und bisexuellen Studenten valide einschätzen kann.

Beispielsweise wissen wir, dass sich jüngere Personen eher zu ihrer Homosexualität bekennen als ältere. Wir wissen auch, dass in persönlich durchgeführten Interviews die Bereitschaft, sich zur Homosexualität zu bekennen, geringer ist als in Interviews, die online durchgeführt werden. Das liegt daran, dass bei online durchgeführten Interviews kein persönlicher Kontakt zwischen Interviewtem und Interviewendem besteht und in der Folge die Sorge geringer ist, für eine von der Norm abweichende Sexualität verurteilt zu werden. Berücksichtigt man diese und andere Faktoren, so kommt man zu dem Ergebnis: Homo- und Bisexuelle sind unter den Studierenden nicht unterrepräsentiert – im Gegenteil, sie scheinen leicht überrepräsentiert zu sein.

Die vergessene Seite: soziale Herkunft

Ganz anders verhält es sich mit der Repräsentanz von Personen mit Migrationshintergrund und aus weniger gebildeten Schichten. Beide Gruppen sind unter den Studenten deutlich unterrepräsentiert. Während beispielsweise 45,9 Prozent der Kinder, deren Eltern einen Hochschulabschluss vorweisen können, ein Studium aufnehmen, liegt die Quote bei Kindern, deren Eltern maximal einen Hauptschulabschluss haben, bei nur 8,8 Prozent.

Vergleicht man die empirischen Ergebnisse, dann wird deutlich, dass der Diversitätsmangel besonders die soziale Herkunft betrifft. Allerdings spielt diese Dimension im Diversitätsdiskurs kaum eine Rolle.

In der Intersektionalitätsforschung wird betont, dass nicht nur Einzelmerkmale von Personen, sondern die Überlagerung verschiedener Merkmale zu besonderen Benachteiligungen führt. So macht beispielsweise eine Frau ohne Migrationshintergrund andere Erfahrungen als eine Frau mit Migrationshintergrund. In Bezug auf den Zugang zu Universitäten kommt unsere empirische Analyse der Überlagerung verschiedener Merkmalsfaktoren zu einem überraschenden und den theoretischen Annahmen der Intersektionalitätsvertreter widersprechenden Befund: Die Merkmale „Frau“ und „Bi-/Homosexualität“ verringern die Wahrscheinlichkeit, zur Gruppe der Studenten zu gehören, nicht, sondern erhöhen sie. Die besten Chancen, Zugang zu einer Universität zu erhalten, haben Personen aus einem akademischen Elternhaus, die weiblich und zugleich bi-/homosexuell sind. Und die geringsten Chancen haben heterosexuelle Männer mit Migrationshintergrund, die aus einem nichtakademischen Elternhaus kommen.

Teile des Diversitätsdiskurses stehen in der Traditionslinie des Dekonstruktivismus, dessen Ziel es ist, gesellschaftliche Klassifikationssysteme daraufhin zu untersuchen, in welchem Maß eine Diskursordnung bestimmte gesellschaftliche Gruppen ausschließt oder marginalisiert. Wendet man dieses Programm auf die Diversitätsdebatte selbst an, wird man nicht um die Feststellung herumkommen, dass sich der universitäre Diskurs über die Benachteiligung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen von den real existierenden Ungleichheiten weitgehend entkoppelt hat.

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