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Sonderforschungsbereiche : Schimpfen mit Trump

Umfragebogen zum Thema „Schimpfen und beleidigen“ zu einem Sonderforschungsbereich der Technischen Universität Dresden Bild: Picture-Alliance

Seit mehr als vierzig Jahren gibt es das Förderprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft nun schon. Die Zahl der durchnummerierten Sonderforschungsbereiche ist inzwischen vierstellig. Eine Disziplin ist jedoch bis heute unterrepräsentiert und kämpft mit geringeren Erfolgsaussichten.

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          In der Anfangszeit der Sonderforschungsbereiche hatten die geisteswissenschaftlichen Unternehmungen, die aus dem 1968 aufgelegten Förderprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wurden, noch einen kontinentalen oder epochalen Zuschnitt: „Zentralasien“ oder „Mittelalterforschung“. Später wurden die Themen spezieller. Der Bielefelder SFB Nr. 177 schrieb sich 1986 mit der „Sozialgeschichte des neuzeitlichen Bürgertums: Deutschland im internationalen Vergleich“ ein Forschungsprogramm in den Titel – ein Programm lokaler Provenienz.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Bielefelder Schule der Geschichtswissenschaft gab es damals so lange wie die Universität: anderthalb Jahrzehnte. Methodisch verband die Historiker um Hans-Ulrich Wehler der sozialhistorische Ansatz, in der Sache galt ihr Interesse einem „deutschen Sonderweg“, den man am politischen Verhalten der bürgerlichen Schichten festmachen wollte. Der SFB ermöglichte es, auf einen Schlag eine Vielzahl von Promotionsthemen zu vergeben, so dass die Arbeitshypothese in komparatistischer Empirie überprüft werden konnte. Die Bielefelder Schule war danach nicht mehr dieselbe wie zuvor.

          Aktuell Förderung für 278 Sonderforschungsbereiche

          Einer der erfolgreichen Antragsteller von 1986, Jürgen Kocka, saß in der ersten Reihe, als im Berliner Wissenschaftskolleg jetzt vier Sprecher von SFBs mit historischem Schwerpunkt ihre Arbeitskonzepte vorstellten. Längst ist die Zahl der von der DFG durchnummerierten SFBs vierstellig. Aktuell erhalten 278 dieser interdisziplinären und ortsfesten Verbünde Mittel für maximal zwölf Jahre, davon 36 in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Typisch für das SFB-Design dieser Fächer sind heute Themen, die sich quer zu Zeiten und Orten erörtern lassen, „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ in Freiburg und „Praktiken des Vergleichens“ in Bielefeld.

          Man strebt in die Öffentlichkeit, spricht sie aber nicht direkt an. Das zeigen schon die Neologismen in den Namen. Die unter dem Stichwort „Invektivität“ in Dresden koordinierte Arbeit kann nicht jedermann zugänglich sein, und wenn die Universitäten Gießen und Marburg „Formen der Versicherheitlichung“ erforschen lassen, so ist damit, wie der Historiker Christoph Kampmann erläuterte, das Gegenteil von dem gemeint, was ein Laie erwarten wird: Die Proliferation von Sicherheitsdiskursen erzeugt Unsicherheit.

          Hauptsache das Forschungsthema ist brisant

          Laut DFG zielt die gesteuerte Arbeitsteilung der SFBs „auf die gemeinsame Erarbeitung neuen Wissens oder die gemeinsame Lösung eines Forschungsproblems“. Auffällig an den rhetorisch höchst professionellen Präsentationen in Berlin war, dass die Sachdimension der wissenschaftlichen Arbeit eigentlich keine Rolle spielte. Die Gegenstände kamen ausschließlich unter dem Aspekt der Aktualität zur Sprache: Trump schimpft wie Luther, 60 Prozent der Deutschen glauben, dass die Zeiten unsicherer werden, die Feuerwehrleute des 11. September sind ein neuer Typus des Helden, und das Vergleichen ist durch Rankings und Ratings in den Alltag eingedrungen.

          Wie ist es zu erklären, dass keiner der vier SFBs etwas wie das Bielefelder Programm von 1986 vorstellte, das damals wohlgemerkt von einer politisch maximal engagierten Geschichtswissenschaft erarbeitet wurde: eine Fragestellung, die sich aus Forschung ergeben hat und deshalb intensivierte Forschung in einem begrenzten Zeitraum lohnend erscheinen lässt? Die Berliner Veranstaltung richtete sich an hauptberufliche Wissenschaftsvermittler. Glaubte man, dass man auch vor einem solchen Publikum mit Relevanz Reklame machen muss, einer Relevanz vorwiegend illustrativer Art? Oder ist die Sache, der Stoff oder die Methode, für eine geisteswissenschaftliche Sonderforschungsgemeinschaft in Wahrheit nicht so wichtig? Ein „Monitoring“ der DFG ergab 2010, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften bei den SFBs nicht nur unterrepräsentiert sind, sondern auch viel geringere Erfolgsaussichten haben. Vierzig Prozent aller Anträge auf Einrichtung eines SFBs werden bewilligt – in den Geistes- und Sozialwissenschaften aber nur zehn Prozent.

          Ein Krisencharakter zieht in die Wissenschaft

          Die Literaturwissenschaftlerin Julika Griem, Direktorin des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, äußerte sich in Berlin als Vizepräsidentin der DFG bemerkenswert kritisch über die verborgenen Prämissen des Förderwesens: Qualität werde als Quantität gemessen, und die Gemeinschaftsthemenwahl habe wenig mit wissenschaftlicher Begründbarkeit von Forschungsfragen zu tun. Typisch sei der Anruf aus dem Rektorat: „Wir brauchen einen SFB, ein Thema finden Sie schon!“

          Auf die mündlichen Arbeitsberichte aus den vier SFBs traf Griems Diagnose zu, dass sich die Selbstdarstellung der Wissenschaft dem Operationsmodus der Medien angepasst hat: In der Weltbeschreibung dominiert ein „habitualisierter Krisenmodus“, die „Selbstdramatisierung der Gegenwart“ dient der Eigenwerbung. Aber irgendwo wird mit Sicherheit schon ein SFB-Antrag zur Krisenkommunikation im welthistorischen Querschnitt vorbereitet.

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