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Neustart in der Krise (3) : Die letzte Begleitung

  • -Aktualisiert am

Tanja Schuster Bild: Nerea Lakuntza

Nach vielen Umwegen ist Tanja Schuster in ihren gelernten Beruf zurückgekehrt. Mitten in der Corona-Zeit findet sie Erfüllung darin, Sterbenskranke zu pflegen. Neue Folge unserer Sommerserie.

          5 Min.

          Über eine regelmäßige Reaktion auf ihre Berufswahl kann Tanja Schuster nur schmunzeln. Sie hört sie immer wieder: „Ach du Scheiße!“ Oder, etwas gewählter im Ausdruck, aber inhaltlich identisch: „Ich könnte das nicht.“ Darauf hat sie sofort eine Antwort parat: „Musst du ja auch nicht.“ Sie hingegen muss irgendwie schon, weil sie es so will. Pflegerin in der Palliativmedizin, dort also, wo Menschen austherapiert und dem Tod oft sehr nah sind, war sie nicht immer. Das macht sie erst seit dem vergangenen, dem Corona-Jahr. Aber der gelernten Krankenschwester, die so lange raus war aus ihrem Beruf,  sind Berührungsängste, das Zurückweichen vor menschlichem Leid fern. Deshalb  sagt sie: „Ich bin so happy, dass ich meinen Beruf wiederhabe.“ Es war ein langer, oft auch schmerzhafter Weg dorthin. 

          Uwe Marx
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dass sie ausgerechnet im vergangenen Jahr zu ihren beruflichen Wurzeln zurückgekehrt ist, hat mit einer Mischung aus Zufall  und Stehvermögen zu tun. Sie sei nicht wegen Corona gewechselt, sondern trotz Corona,  sagt sie. Es war  einfach an der Zeit – nach Jahren an einer Klinik, der Weiterbildung, an der Uni in neuen Fächern, als alleinerziehende Mutter zweier Töchter und zuletzt im Schuldienst in einem ganz anderen Beruf. Jetzt also wieder Medizin: Die 52 Jahre alte Frankfurterin arbeitet im Stadtteil Sachsenhausen in einem mobilen Palliativteam, besucht Schwerkranke zu Hause oder in Pflegeheimen, berät, klärt auf, redet gut zu, begleitet auf dem letzten Weg. Nicht jeder ihrer Patienten ist sterbenskrank, aber das Ende doch absehbar. Nicht gerade ein Terrain also, auf dem die Pandemie  weit weg ist. Das macht diese anspruchsvolle Arbeit mit überwiegend älteren Menschen noch anspruchsvoller. Ihr war’s egal.

          Schon nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester an der Uniklinik in Frankfurt hätte sich Tanja Schuster entspanntere  medizinische  Nischen aussuchen können. Ihre Mutter habe oft gesagt: „Geh doch in die Gynäkologie.“ Nichts gegen das Kinderkriegen, aber sie entschied sich für eine andere Adresse: die HIV-Station. Im Grunde waren es zwei Stationen, eine für HIV-Patienten, eine  für solche mit Tuberkulose. Viele waren an beidem erkrankt. Damals, Anfang der neunziger Jahre, galt die HIV-Infektion noch nicht als gut behandelbar, sondern als unheimliche Bedrohung.  Vielen machte sie Angst, Tanja Schuster nicht. Sie sei eher neugierig gewesen, sagt sie, weil so wenig darüber bekannt war.

          „Es wurde sehr viel gestorben“

          Wurden Patienten aus kleineren, weniger renommierten Krankenhäusern zur Uniklinik gebracht, trugen die  Begleiter zum Teil Ganzkörperschutzanzüge. Es war eine Zeit großer Verunsicherung. Und der Tod war allgegenwärtig. „Es wurde sehr viel gestorben“, erzählt Tanja Schuster. Sie erinnert sich an ein Wochenende, da starben mehr Menschen, als in die stationseigene Kühlkammer passten. Einige der  Toten wurden vorübergehend in den Zimmern bei offenem Fenster gelagert – zum Glück war Winter. Ihre stärkste Erinnerung aber ist eine andere: „Es war eine tolle, super­engagierte Pflege“, sagt sie.

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