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Wichtige Versicherungen : So sollten sich Berufsstarter versichern

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Bild: mtreasure/iStock/thinkstock

Frisch von der Uni rein in den Beruf – wer denkt da schon an Versicherungen? Dabei ist es angesichts vieler Risiken nötig, rechtzeitig Vorsorge zu treffen.

          7 Min.

          Das Erwachsenwerden spiegelt sich auch im Inhalt von Aktenordnern wider. Mit zunehmendem Alter nehmen sie mehr Platz in den Regalen ein – es sei denn, man speichert Verträge nur online. Am Anfang finden sich dort Kontoauszüge, ein Mietvertrag, das ist es meistens schon. Bei Hochschulabsolventen gerät der Papierstapel schon größer. Das liegt auch an der Notwendigkeit, sich selbst zu versichern – gegen die Risiken des Lebens.

          Manche Versicherungen sind gesetzlich verpflichtend, manche absolut notwendig, einige sinnvoll – und von vielen ist abzuraten. Vom Staat verordnet ist die Kranken- und Pflegeversicherung. Durch die Eltern ist man in der gesetzlichen Krankenversicherung als Student beitragsfrei versichert, solange man unter 25 Jahre alt ist. Wer älter ist oder mit seinem Nebenjob mehr als 450 Euro im Monat verdient, fällt aus der Familienversicherung raus und muss sich selbst versichern.

          Spätestens mit einem eigenen Job nach dem Studium entsteht in der Regel Versicherungspflicht in der gesetzlichen Krankenversicherung. Nur wer mehr als 57 600 Euro brutto im Jahr verdient, hat als Arbeitnehmer die Wahl zwischen einer gesetzlichen oder einer privaten Versicherung – eher selten bei Hochschulabsolventen. Wer nach dem Studium nicht sofort einen Arbeitgeber findet, kann sich in der Zeit der Jobsuche auch freiwillig gesetzlich versichern – wenn er schon vorher gesetzlich versichert war.

          Haftpflichtversicherung – von Experten befürwortet

          Gesetzlich zwar nicht vorgeschrieben, aber absolut notwendig ist der Abschluss einer Haftpflichtversicherung. Da sind Versicherungsunternehmen, Makler, Versicherungswissenschaftler und Verbraucherschützer – selten genug – einer Meinung. Denn mit dem ersten selbstverdienten Geld oder ab dem 25. Geburtstag ist man nicht mehr durch die elterliche Haftpflichtversicherung geschützt. Das Expertenurteil hat allerdings noch nicht alle Teile der Bevölkerung erreicht. Laut einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung hat nur ein Drittel der Befragten eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen.

          Dabei läuft jeder mal Gefahr, anderen einen Schaden zuzufügen. Das kann beispielsweise der über den Laptop des Freundes verschüttete Kaffee sein. Noch schlimmer: Verursacht man als Radfahrer oder Fußgänger aus Unachtsamkeit einen Unfall, wird das meistens sehr teuer – besonders wenn dabei jemand verletzt wird. Es gilt der Grundsatz: Schadet man jemand anderem, dann trägt man dafür die Verantwortung, auch wenn es lediglich ein Versehen war.

          Vor einem möglichen Ruin kann einen nur eine private Haftpflichtversicherung schützen. Gerade aufgrund einer möglichen finanziellen Pleite sollte bei einem Abschluss nicht auf jeden Euro geschielt werden. „Zu empfehlen ist hier eine Police mit einer Deckungssumme von mindestens 20 Millionen Euro“, sagt Jürgen Strobel, Professor am Institut für Versicherungswesen der Technischen Hochschule Köln. Bei einigen Anbietern sei es sogar möglich, eine unbegrenzte Deckung zu erhalten. Günstige Angebote findet man schon für 40 Euro im Jahr.

          Berufsunfähigkeitsversicherung – nahezu unumstritten

          Im Gegensatz zur privaten Haftpflichtversicherung war die Notwendigkeit einer Berufsunfähigkeitsversicherung unter Experten lange Zeit heiß umstritten. Heutzutage raten längst nicht mehr nur Versicherungsverkäufer zu dieser Police. Die Stiftung Warentest, Instanz der unabhängigen Verbraucherberatung in Deutschland, bringt es auf den Punkt: „Müssen Sie von Ihrer Arbeit leben? Dann brauchen Sie eine Berufsunfähigkeitsversicherung“, heißt es von der Institution.

          Die Verbraucherzentralen sehen das ähnlich. Kerstin Becker-Eiselen, Abteilungsleiterin Versicherungen der Verbraucherzentrale Hamburg, sagt: „Eine Absicherung gegen Berufsunfähigkeit ist auf jeden Fall ratsam.“ Die Fachleute verweisen darauf, dass rund ein Viertel der Deutschen aus gesundheitlichen Gründen vor der Rente seinen Beruf aufgeben muss. Der Anteil der psychischen Erkrankungen, wie Depressionen, die einen Maurer genauso wie einen Betriebswirt oder Mathematiker treffen können, steigt stark an.

          Bei so manchem Studenten hat sich das schon herumgesprochen. Till Schuler, 23, frischgebackener Absolvent der privaten Hochschule Business and Information Technology School in Hamburg, sagt: „Ich habe zurzeit keine Berufsunfähigkeitsversicherung, plane aber, mir in naher Zukunft eine zuzulegen. Als Student bekommt man günstigere Konditionen, und die 20 bis 30 Euro pro Monat fallen nicht wirklich ins Gewicht.“

          Sparfüchse versichern sich früh

          Schuler weiß: Eine Berufsunfähigkeitsversicherung greift, wenn man durch einen Unfall oder aufgrund von Krankheit weniger arbeiten kann oder ganz berufsunfähig ist. Tritt dieser Fall ein, bewahrt die Berufsunfähigkeitsversicherung den Betroffenen davor, auf Hartz IV angewiesen zu sein. Zwar zahlt der Staat Berufsunfähigen eine Erwerbsminderungsrente; diese umfasst monatlich – selbst im besten Fall – nur rund 30 Prozent des letzten Bruttoeinkommens. Weil das oft bei weitem nicht reicht, ist private Absicherung unabdingbar. Mit der Berufsunfähigkeitsversicherung erhält man im Bedarfsfall eine monatliche Rente, die den Lebensunterhalt sichert. Eine private Unfallversicherung hingegen zahlt nur im Falle eines Unfalls.

          Wer daran interessiert ist, einerseits vorzusorgen und andererseits Geld zu sparen, sollte einen entsprechenden Vertrag möglichst frühzeitig abschließen. „Spätestens zwei Jahre nach dem Berufseinstieg ist das zu empfehlen“, sagt Strobel. Er wie auch andere Fachleute weisen darauf hin, dass die Policen mit dem Alter sukzessive teurer werden. Generell ist die Höhe der Kosten stark von Alter, Gesundheitszustand und der Berufsgruppe abhängig. Im Versicherungsantrag stellt der Versicherer Gesundheitsfragen, die man vollständig und wahrheitsgemäß beantworten muss. Von den Antworten hängt es ab, ob der Versicherer im Leistungsfall komplett, teilweise oder gar nicht zahlt.

          Bei der abzusichernden Rentenhöhe herrscht ebenfalls weitgehend Einigkeit. Julia Rieder, Expertin vom Finanzportal Finanztip, empfiehlt: „Eine Rente von unter 1.000 Euro zu vereinbaren lohnt sich kaum.“ Verbraucherschützerin Becker-Eiselen hält mindestens 1.500 Euro für nötig. Miriam Michelsen, Leiterin Altersvorsorge und Krankenversicherung beim Finanzdienstleister MLP, nennt keinen konkreten Betrag. „Ein möglicher Richtwert sind 80 Prozent des monatlichen Nettoeinkommens“, sagt sie.

          Zwar kommt es immer wieder zu der ein oder anderen juristischen Auseinandersetzung, wenn die Versicherung nicht zahlen will, generell aber gilt: „Die Versicherungsbedingungen bei den Berufsunfähigkeitsversicherungen haben sich sehr zugunsten der Kunden gebessert“, so Strobel. Er rät aber dringend dazu, sich durch einen unabhängigen Berater informieren zu lassen. „Wer sich selbst mit dem Kleingedruckten auseinandersetzt, wird feststellen, dass es nicht einfach ist, den Überblick zu behalten.“

          Man sollte darauf dringen, dass eine Dynamik vereinbart wird – um die Inflationsrate abzufedern. Dadurch erhöht sich jährlich die Versicherungssumme, allerdings auch der Beitrag. Zudem sollte der Vertrag eine Nachversicherungsgarantie enthalten. „So kann der Schutz ohne erneute Gesundheitsprüfung aufgestockt werden, wenn später auch der Partner oder Kinder von Ihrem Einkommen abhängig sind“, sagt Verbraucherschützerin Becker-Eiselen. Sie weist auch darauf hin, dass die Vertragslaufzeit bis zum Ende des Erwerbslebens reichen sollte. Wer maximal sparen möchte, der sollte – so empfiehlt es die Stiftung Warentest – jährlich zahlen. Monatlich zahlt man 2,5 Prozent mehr.

          Weitere Versicherungen sind optional

          Bei der Fülle von Versicherungen sollte auf jeden Fall geprüft werden, ob eine Hausratversicherung nötig ist. „Eine Hausratversicherung ist erst sinnvoll, wenn vorher alle existentiellen Risiken abgesichert sind. Wer nur Ikea-Möbel hat und keine teure Musikanlage, muss sich fragen, ob er die wirklich braucht“, sagt Strobel. Die Stiftung Warentest weist darauf hin, dass im Fall eines Vertragsabschlusses die Versicherungssumme dem Besitz entsprechen und die Entschädigungsgrenze beispielsweise für Fahrräder hoch genug sein sollte.

          Zu den Versicherungen, die nicht zwangsläufig nach dem Berufseinstieg abgeschlossen werden müssen, gehört eine private Pflegeversicherung. Da immer mehr Menschen im Alter auf professionelle Pflege angewiesen sind und eine angemessene Versorgung teuer ist, sollte man sich schon während der ersten Berufsjahre mit dem Thema beschäftigen. Strobel sagt: „Der Baustein ist jungen Menschen gewiss schwer zu vermitteln, aber eine private Pflegeversicherung hilft im Alter im Falle des Falles ungemein.“

          Wenig Zuspruch erfährt die Rechtsschutzversicherung. Das liegt entscheidend daran, dass es keinen lückenlosen Rundumschutz gibt und gut abdeckende Policen rund 300 Euro im Jahr bei 150 Euro Selbstbehalt kosten. Diese Gehaltsminderung spürt nahezu jeder Berufseinsteiger.

          Fans einer privaten Altersvorsorge gibt es dagegen zuhauf – kein Wunder angesichts einer zu erwartenden großen Lücke zwischen dem Wunsch nach einem gleichbleibenden Lebensstandard im Alter und einer vergleichsweise niedrigen gesetzlichen Rente. Wer also vom Gehalt etwas übrig hat, sollte für das Alter vorsorgen – und kann damit von den Zinseszinsen profitieren. „Es gibt nicht das eine Produkt oder die eine Anlageform. Auch bei der Altersvorsorge bestimmt der individuelle Bedarf die Produktauswahl“, sagt Verbraucherschützerin Becker-Eiselen. Sie nennt beispielhaft Sparpläne mit Indexfonds.

          Können einige dieser Versicherungen und Finanzanlagen einfachheitshalber bei einem Anbieter abgeschlossen werden? Daniel Friedheim vom Versicherungsvergleichsportal Check 24 meint: „Produkte sollten nicht gebündelt werden, da keine Versicherung in allen Produkten der günstigste Anbieter ist.“ Becker-Eiselen bestätigt das und ergänzt: „Auf jeden Fall sollte man die Finger von Koppelungen lassen, die sowohl das Risiko absichern als auch einen Sparvertrag beinhalten. Diese Verträge haben eine zu lange Laufzeit, viele versteckte Kosten und sind unflexibel.“

          Partnerversicherungen lohnen sich nicht

          Wer zum Berufsstart mit seinem Partner zusammenzieht oder sogar eine Familie gründet, sollte noch mehr bedenken. Aus zwei Haftpflichtversicherungen und zwei Hausratversicherungen lassen sich jeweils eine machen. Von allen anderen Partnerversicherungen ist dagegen abzuraten. Beispiel: Risikolebensversicherungen. „Sind die beiden versicherten Personen nicht miteinander verheiratet, kann im Schadensfall eventuell Erbschaftsteuer anfallen“, sagt Becker-Eiselen.
          „Im Fall einer Trennung kostet der Neuabschluss dann sehr viel mehr als der ursprüngliche Abschluss.“ Expertin Miriam Michelsen meint: „Paare ohne Trauschein sollten die Verträge ‚über Kreuz‘ abschließen. Beim Tarif für die Frau ist sie Versicherungsnehmerin, zahlt die Beiträge und ist im Todesfall des Partners die Begünstigte, der Partner dagegen ist die versicherte Person – und umgekehrt. Vorteil: Im Ernstfall ist die Versicherungssumme jeweils steuerfrei.“

          Ist die Entscheidung für den Blumenstrauß an Versicherungen erst einmal gefallen, bleibt die Frage: Digital ohne Beratung abschließen? „Wir raten davon ab, selbst bei einer Haftpflichtversicherung gibt es inzwischen viele unterschiedliche Bausteine“, sagt Verbraucherschützerin Becker-Eiselen. Auch Michelsen meint: „Bei komplexen Finanzfragen sollte sich jeder persönlich beraten lassen. Einfache Produkte lassen sich dagegen bequem online abschließen. Ein Beispiel: Krankenzusatzschutz im Ausland.“ Ex-Student Schuler ist genügend sensibilisiert. „Ohne eigenständige Recherche und anschließende Beratung kauft man die Katze im Sack.“

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