https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/sind-vorlesungen-an-der-uni-noch-zeitgemaess-18175033.html

Kolumne „Uni live“ : Sind Vorlesungen noch zeitgemäß?

  • -Aktualisiert am

Gehört immer noch dazu, muss sich aber stärker behaupten: die Vorlesung Bild: dpa

Unser Autor hat es satt: Die meisten Vorlesungen sind monoton und deckungsgleich mit den Folien, die ohnehin online verfügbar sind. Warum soll man sich heute überhaupt noch in den Hörsaal setzen?

          3 Min.

          Vorlesungen sind neben Übungen und Seminaren wohl eine der prominentesten Formen von Wissensvermittlung an den Hochschulen. Sie gehören zum festen Inventar der Universität – kein anderer Ort repräsentiert die Welt der Akademiker mehr als der Hörsaal. Doch mich wundert, dass über Vorlesungen nicht schon längst ausgedehnt gestritten wird. Denn unter uns Studenten scheint entgegen dem romantischen Bild von riesengroßen Veranstaltungen mit anregenden Diskussionen im Anschluss ein stiller Konsens zu bestehen: Vorlesungen versagen in Sachen Effizienz, nagen an unserer Motivation und gelten für viele als schlichtweg unnötig.

          Von meiner ersten richtigen Vorlesung, die ich am Anfang dieses Semesters hatte, ist außer wenigen Eindrücken nicht viel hängen geblieben: In der ersten Reihe sitzt jemand und reibt angestrengt seine Hände aneinander, als wolle er ein Feuer entfachen. Links neben mir sind zwei Studentinnen, die sich eine Wohnung teilen und sich über neue Wandfarben austauschen. Während der gesamten Veranstaltung schiele ich auf ihren Bildschirm, und ungefähr nach der 25. Folie, die vom Professor monoton abgelesen wird, erscheinen diese Wandfarben immer interessanter für mich. Sollte ich bei mir bald auch mal streichen? Ganz weiß? Ich denke eine ganze Weile über Wandfarben nach. Auch die Kommilitonen neben mir starren gelangweilt in die Ferne. Und als unser Professor zum Ende hin akustisch simuliert, was für Geräusche eine Dampflok macht, ist es für mich komplett vorbei.

          Verwirrt und gelangweilt verlasse ich den Hörsaal, vor allem aber enttäuscht. Ich hatte große Hoffnungen, wie denn auch nicht? Schon meine Eltern haben aufgeregt von den Großveranstaltungen ihres Studiums erzählt: Hunderte Augen auf den Dozenten gerichtet, alle teilen die Liebe zum Fach. Von spannenden Diskussionen war die Rede, von für Studenten weltbewegenden Inhalten und Impulsen. Nach der ersten Vorlesung denke ich: Vielleicht waren meine Hoffnungen ein wenig realitätsfremd.

          Am Ende hat sich die Zahl halbiert

          Aber was genau macht meine Vorlesungen so langweilig und austauschbar? Zum einen ist da die fehlende Sanktion, wenn man wegbleibt: Während in Seminaren und Übungen noch auf Anwesenheit gepocht wird, interessiert sie in Vorlesungen niemanden mehr. Hinzu kommt, dass die Inhalte spätestens seit der Pandemie immer auch online verfügbar sind. Man kann sie sich im Grunde anschauen, wann man will, im eigenen Tempo, in den eigenen vier Wänden. Was ich während der Pandemie noch als Belastung empfunden habe, sehe ich inzwischen als Vorteil.

          Bei den meisten Vorlesungen ist es also Abwägungssache: Schleppe ich mich in den Hörsaal, um die vielleicht drei oder vier Sätze des Professors zu hören, die nicht auf den Folien stehen? Genau diese Sätze könnten ja vielleicht klausurrelevant sein. Den meisten meiner Kommilitonen scheint es das nicht wert zu sein. Am Anfang des Semesters quoll der Vorlesungssaal noch über, am Ende hat sich die Zahl der Studierenden mindestens halbiert.

          Mit meiner Abneigung bin ich nicht alleine, auch meine Freunde berichten, dass sie sich entweder zum Besuch von Vorlesungen zwingen oder ziemlich schnell aufgeben. Das ist nicht repräsentativ, passt aber zu der Untersuchung von René Bochmann, Lehrbeauftragter an der TU Chemnitz, der zeigt, dass Studierende Vorlesungen viel seltener besuchten und diese weniger intensiv vorbereiteten als Seminare und Übungen.

          Ein bisschen Spaß macht es schon

          Was mich angeht, will ich kein passiver Wissenskonsument sein. Ich will spannendere, interaktivere Vorlesungen. Ist es naiv, das von Dozenten zu fordern? Ich sehe ein: Wir sind nicht mehr in der Schule. Aber sind Dozenten und Professoren nicht auch irgendwo Lehrer und dafür verantwortlich, ihre Inhalte lebendig zu präsentieren? Viele Hochschuldozenten scheinen nie gelernt zu haben, richtig zu lehren.

          Dieser Text ist nicht als Freifahrtschein zum Nichtstun zu verstehen. Denn wer die Vorlesungen schwänzt und Inhalte nicht regelmäßig wiederholt, bekommt am Ende des Semesters große Probleme, wenn die Klausuren anstehen. Aber vielleicht ist es an der Zeit, mal darüber nachzudenken, ob Vorlesungen noch zeitgemäß sind. Die Pandemie hat nämlich nicht nur viel kaputt gemacht, sondern auch Türen geöffnet und Formen der Lehre gefestigt, die es so vorher nicht gab. Für viele Studierende ist das E-Learning inzwischen eine angenehmere, bequemere und effektivere Art, sich Inhalte anzueignen.

          Das einzige, was mich in der Vorlesung hält, ist das Gefühl, dass sie zum Studieren dazugehört. Es macht schon auch ein bisschen Spaß, hier zu sitzen, die Zeit totzuschlagen und anschließend mit Kommilitonen über ein gemeinsames Thema sprechen zu können. So komme ich immer wieder zurück, jede Woche. Aber was bleibt, ist der Wunsch nach weniger Monotonie und mehr Interaktivität. Am Tag der letzten Vorlesung habe ich mir übrigens vorgenommen: Meine Wand streiche ich blau.

          Tom Konjer, 20 Jahre alt, studiert Englisch und Politik in Düsseldorf. Glaubt noch fest an den Abschluss in Regelstudienzeit, ob wohl es dafür schon zu spät ist.

          Weitere Themen

          Süßer kleiner Schweinehund

          Kolumne „Uni live“ : Süßer kleiner Schweinehund

          Lernen um des Lernens willen, neue Sprachen sprechen, Sportkurse besuchen und nebenher noch einen sinnvollen Studentenjob haben. Wie toll wäre das! Wenn, ja wenn da bloß dieses lästige Haustierchen nicht wäre.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.