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Shakespeare-Tagung : Interessiert sich das Theater noch für den Text?

„Othello“ in der Inszenierung von Roberto Ciulli Bild: Theater an der Ruhr

„Othello“ zum Beispiel: Auf der Tagung der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft in Bochum wurde ein Graben zwischen Philologie und Regie sichtbar.

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          Shakespeares große Tragödie „Othello“, 1604 in Whitehall uraufgeführt, hat viele Superlative auf sich gezogen. „Das vollständigste Lehrbuch über diese traurige Raserei (die Eifersucht)“ nannte sie Lessing, „die reinste Wahrheit der Natur und kein Stil, keine Manier“, rühmte Clemens Brentano, und M. R. Ridley, Herausgeber des Texts für die zweite Arden-Edition (1958), erkannte darin „das beste, wenn auch nicht das größte“ Drama des Elisabethaners, „jedenfalls das beste Stück von Shakespeare im theatralischen Sinn“.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Aufführungsgeschichte bestätigt das. Schon im siebzehnten Jahrhundert gehörte „Othello“ zu Shakespeares beliebtesten Werken. In Deutschland kam es, von einem Gastspiel englischer Komödianten 1661 abgesehen, erst 1776 an, als Friedrich Ludwig Schröder es in einer eigenen Fassung am Nationaltheater in Hamburg herausbrachte und einen Skandal auslöste: „Ohnmachten über Ohnmachten erfolgten während der Grausszenen dieser ersten Vorstellung“, berichtet Johann Friedrich Schütze in seiner „Hamburgischen Theater-Geschichte“ (1794): „Die Direktion beschloss daher weislich: Bei der dritten Vorstellung den Othello mit Veränderungen anzukündigen. Die Veränderungen bestanden in Auslassung oder Milderung grässlicher Szenen und Ausdrücke. Desdemona und Othello, der seinen Irrthum einsehen muss, wurden am Leben erhalten.“ Kaum auf der deutschen Bühne, war das Stück schon korrumpiert: Das verkehrte Happyend als Maut auf Shakespeares Weg zum „deutschen Nationaldichter“.

          Bis zur vorletzten Jahrhundertwende blieb „Othello“ auf das Eifersuchtsdrama fixiert, erst seitdem entdeckt das Theater den unterdrückten Außenseiter, den wegen seiner Hautfarbe Diskriminierten, den ausgegrenzten Fremden. Max Reinhardt, Fritz Kortner, Peter Zadek und George Tabori setzten es im zwanzigsten Jahrhundert in Szene, danach Luk Perceval und Peter Sellars. Wie wenige Stücke ist „Othello“ im Gespräch und mithin ein Thema, dem die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft – übrigens nicht zum ersten Mal – jetzt eine Tagung widmete: Solo für den „Mohr von Venedig“ in Bochum.

          Die Faszination am (freien) Umgang

          Fünf Vorträge müssen genügen: Auskünfte über das Stück werden gegeben, aber mehr noch – und fast aufschlussreicher – über Stand und Haltung der Philologie. „Speak of me as I am“ (Sprecht von mir so, wie ich bin), sagt Othello, kurz bevor er Hand an sich legt. Virginia Mason Vaughan (Worcester, Massachusetts) eröffnet ihren Vortrag mit der Bemerkung, dass Othello auch sagen könnte: „I am what you speak of me“ (Ich bin so, wie ihr von mir sprecht), das habe die Rezeption in mehr als vierhundert Jahren gezeigt.

          Die Tragödie und ihr Titelheld als Spiegel der Zeit: vom noblen Gentleman von bedrängender Leidenschaft der Restaurationszeit über den romantisierten Mohren, den August Wilhelm Schlegel, und den naiven Helden, den A. C. Bradley in ihm sah, die vermeintliche Entmystifizierung durch Freud und Stanislawski zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bis zum postmodernen Othello, einem Bündel von Zuschreibungen, was seine Rasse, seine Religion, sein Frauenbild und seine Fremdheit gegenüber der westlichen Zivilisation angeht – das sich wandelnde Bild von Othello, so Mason Vaughan, und damit zugleich seines Gegenspielers Iago ist – wie könnte es anders sein? – bestimmt von der jeweiligen Gegenwart.

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