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Prozess gegen Siegfried Mauser : Es ist wie ein Dolch

Der frühere Leiter der Münchner Musikhochschule musste sich bereits zwei Mal wegen sexueller Nötigung vor Gericht verantworten. Bild: Picture-Alliance

Der zweite Strafprozess gegen Siegfried Mauser, den früheren Präsidenten der Hochschule für Musik und Theater München, zeigt, welche Kraft es Opfer kostet, Worte für das Beschämende zu finden.

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          Der Strafprozess, in dem Siegfried Mauser, der frühere Präsident der Hochschule für Musik und Theater München, sich wegen des Vorwurfs der sexuellen Nötigung zweier Dozentenkolleginnen verantworten musste, endete mit dem noch nicht rechtskräftigen Urteil der Berufungsinstanz, die Mauser in einem Fall freisprach und im anderen eine Bewährungsstrafe von neun Monaten verhängte, am 26.April 2017 – vor dem Ausbruch der #MeToo-Debatte. Der zweite Prozess gegen denselben Angeklagten in ähnlicher Sache, in dem die beiden Nebenklägerinnen keine Hochschulangehörigen sind, begann am 27. November 2017 – mitten in der #MeToo-Debatte. Wieder hat das Landgericht München I Mauser sowohl freigesprochen, vom Vorwurf der Vergewaltigung der einen Belastungszeugin, als auch verurteilt, wegen sexueller Nötigung der zweiten Belastungszeugin in drei Fällen. Die 10. Strafkammer, besetzt mit zwei Berufsrichtern und zwei Schöffen, verhängte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten. Die Verteidigung hat Revision eingelegt. Eine Haftstrafe dieser Höhe kann nicht zur Bewährung ausgesetzt werden; wenn das Urteil Bestand hat, wird Mauser seine Pensionsansprüche einbüßen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Für das moralische Urteil des Publikums über Mauser, der als Pianist und Musikwissenschaftler höchstes professionelles Ansehen erwarb, sind auch die Feststellungen des Gerichts zu den Fällen erheblich, in denen er nicht verurteilt worden ist. Wie vor einem Jahr der Vorsitzende der 16. Strafkammer, Markus Koppenleitner, legte jetzt auch die Vorsitzende der 10. Strafkammer, Judith Engel, in der mündlichen Urteilsbegründung dar, dass das Gericht den Tatsachenschilderungen beider Belastungszeuginnen in vollem Umfang Glauben schenkt. Der Freispruch von der Anklage der Vergewaltigung ergab sich aus der rechtlichen Bewertung. Die Vorsitzende charakterisierte indes auch die erste der drei Nötigungstaten „von der Intention her“ als „eine Situation, die wohl in eine Vergewaltigung münden sollte“. Heftige Gegenwehr des Opfers vereitelte die Absicht.

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