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Serie „Ich mach mein Ding“ : Das Glück eines Gauklers

  • -Aktualisiert am

Bild: Jan Grossarth

Jörg von Winterfeld entstammt einer alten preußischen Militärfamilie, aber ein Leben wie ein Hippie war ihm lieber. Es hat sich gelohnt - auch wenn es Härten gab.

          5 Min.

          Ich habe kaum Zweifel daran, dass Jörg von Winterfeld ein glücklicher Mensch ist. Ein glücklicherer ist mir noch nie begegnet, jedenfalls nicht im Münsterland. Er ist so knapp fünfzig Jahre alt - nach dem genauen Alter habe ich ihn nicht gefragt -, und er geht schon, seit er ein erwachsener Mensch ist, dem Beruf eines Gauklers nach. Davon gibt es in der heutigen Zeit nicht mehr viele, aber man kann davon wirklich gut leben, obwohl das Mittelalter, in dem es noch sehr viele Gaukler gab, nun schon seit einer ganzen Weile vorüber ist.

          Die Geschichte seines Glücks ist eine Geschichte vom Mut, den eigenen Weg zu gehen. Das betrifft nicht nur den Beruf, sondern das ganze Leben. Dazu braucht es keine starke Überzeugung, aber Vertrauen, keine Marktforschung, aber Charakter. Es braucht keine Vision, aber Liebe. Es war eine ganz einfache Geschichte, wie es dazu kam: Jörg von Winterfeld, Sohn aus einer normalen und finanziell sorglosen bildungsbürgerlichen Familie, wollte nach dem Abitur gern Schauspieler werden und scheiterte leider an den Schauspielschulen. Er plante eine Ausbildung und begann ein Germanistikstudium und brach es gleich wieder ab, als er eine mittelalterliche Schauspielgruppe kennenlernte. Denn mit denen war es, alles in allem, ein schönes, ein lebendiges Leben: Sie fuhren von Stadt zu Stadt mit einem Mittelaltermarkt, mit vielen Schaupielern, Feuerschluckern, Händlern und Gauklern, nur einen richtig guten Geschichtenezähler gab es noch nicht, das wurde dann Jörg von Winterfeld.

          Er sieht, wenn man ihn so betrachtet, nicht übermäßig gesund aus, sondern schon ein wenig vom vielen Leben gegerbt, wenn man ihn an seiner Wiese mit dem Zirkuswagen besucht, in dem er lebt. Ja, Jörg von Winterfeld ist ein starker Raucher, da gibt es nichts zu beschönigen - aber kein wahrhafter Suchtraucher, sondern ein Genussraucher. Er ist ein starker Genießer, vielleicht also ein Genusssüchtiger. „Ich bin ein Suchtmensch“, meint er dazu selbst - so wie sein Vater, der damit immerhin ein Alter von 87 Jahren erreicht habe.

          Streit mit Jörg von Winterfeld? Schwierig

          Der Gaukler liebt die Sonne, das Bier und spanische Ska-Musik von Manu Chao, die mit dem Schaf-Geblöke des Münsterlandes ziemlich harmoniert. „Der Lebensstil der Hippies war bisher der einzige, der mich wirklich überzeugt hat“, sagt von Winterfeld plötzlich. Er entstammt einer alten preußischen Militärfamilie, aber sein Vater war dem Wehrdienst im Nazi-Reich glücklicherweise entkommen und desertiert. Erst kürzlich, was er früher niemals getan hätte, reiste Jörg von Winterfeld zu einem Treffen der Großfamilie, wie es sie in adligen Kreisen gibt, wo er es auch „sehr nett“ fand, wie er sagt.

          Der Gaukler als Privatier findet die Menschen in der Regel nett, und erst wenn man ihn erlebt, bemerkt man, wie selten und angenehm diese Eigenschaft geworden ist, da ja der Gutmensch und Menschenfreund mittlerweile zum Schimpfwort geworden sind. Mit Jörg von Winterfeld müsste man es wohl schon sehr böse treiben, um ernsthaften Streit mit ihm zu bekommen.

          Wir lernten uns vor fünf Jahren kennen, als ich ihn für ein Buch über Aussteiger auf ein Mittelalterfest an einem langen Wochenende in den Odenwald begleitete. Das ist dann ein echtes Künstlerleben: Es geht zünftig, komisch und ungesund zu in der Mittelalterschauspielszene. Und es war zu beobachten, dass Magister von Winterfeld, wie sein Gauklername in Anspielung auf sein unvollendetes Studium ist, einen anstrengenden Beruf hat. Abends schauspielerte er vor einem mäßig kultivierten Publikum, das auch gern fraß und soff, beim Mittelaltermahl, mittags dann gab er den Clown: einen beinahe nackten Mann von der Burgmauer mit Hasenzahngebiss, und dann zog er sein rosa Gauklergewand über und die Schnabelschuhe aus braunem Leder an und tat stundenlang mit heiserer Stimme das, was ein Gaukler so eben tut: gaukeln. „Ich bin ein Geschichtenerzähler“, erklärte er.

          Hier darf sich schon mal „tot“ auf „rot“ reimen

          Überall liefen phantasievoll verkleidete Leute herum: Burgfräulein, Wahrsagerinnen, Ritter und Leute in merkwürdigen Lumpen. Eine Traumwelt ist das, diese Arbeitswelt. Der Witz der Rolle, die Magister von Winterfeld darin einnimmt, ist vor allem derjenige, dass er die Erscheinungen der Gegenwart mit einem mittelalterlichem Blick kommentiert: gegelte Haare, Turnschuhe, Kinderwagen etwa. Der Gaukler spricht die Leute dann an und erzählt von den Nachteilen des Schweinefetts im Haar und fragt, warum der Esel nicht vor die Kutsche, sondern dahinter gespannt wurde. Auch die Banane ist dem Mittelalter fremd, das bestenfalls fettige Würste kennt, und so ist auch die Banane immer einen Scherz wert.

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