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Serie: Arbeiten ohne Geld : Erste Hilfe in der B-Ebene

Einmal im Monat verwandelt sich die B-Ebene in Frankfurt in eine Tierarztpraxis für Bedürftige. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Maja Firlé behandelt in ihrer Freizeit die Hunde Obdachloser. Das hat der Tierärztin anfangs viel Ärger eingebracht. Teil 1 der Sommerserie „Arbeiten ohne Geld“.

          4 Min.

          „An der Hauptwache, Sie hören es dann schon.“ Mehr Wegbeschreibung braucht es nicht, um die Obdachlosen-Sprechstunde der Frankfurter Tierärztin Maja Firlé zu finden. Von dem zentralen Platz in der Innenstadt führt ein eindringliches Bell-Konzert die Treppen hinab in die sogenannte B-Ebene, wo sich U- und S-Bahn-Linien kreuzen. Mit jedem Schritt in den grün gekachelten Schlund schwillt die Geräuschkulisse weiter an. Unten warten schon ein Dutzend Punker, Obdachlose und Rentner mit ihren Hunden. Die Vierbeiner beschnüffeln und bespringen sich, die Kleinsten kläffen die Größten an. Die mit Einkaufstüten vorbeieilenden Passanten verfolgen das Spektakel teils genervt, teils neugierig.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Immer am ersten Samstag im Monat, immer um 13 Uhr, immer in der B-Ebene der Hauptwache - die offene Sprechstunde von Maja Firlé ist eine Institution in Frankfurt. Im Hauptberuf betreibt die gebürtige Serbin eine Tierarztpraxis im Stadtteil Bockenheim. Nebenbei behandelt sie seit mittlerweile sechs Jahren ehrenamtlich die Tiere von denen, die sich einen Besuch in der Praxis nicht leisten können. Je nach Jahreszeit und Wetter kommen an den Samstagen zwischen 30 und 70 Menschen mit ihren Vierbeinern - meist Hunde, aber auch Katzen - in die B-Ebene. Für Obdachlose ist die Behandlung kostenlos, Rentner und Hartz-IV-Bezieher zahlen 10 Euro.

          Behandlung auf dem Biertisch: Das ist für die Hunde besser als gar nicht zum Tierarzt zu können. Bilderstrecke
          Behandlung auf dem Biertisch: Das ist für die Hunde besser als gar nicht zum Tierarzt zu können. :

          Eine Bierbank, bespannt mit weißer Plastikfolie, dient als provisorischer Behandlungstisch, Medikamente und Impfstoffe hat Firlé in einem orangen Rollkoffer aus der Praxis mitgebracht. Mister Wilson begrüßt die Ärztin mit hektischem Schwanzwedeln. Ein stattlicher schwarzer Hund, mit reichlich Würmern und Zecken. „Der ist mit der Nase immer im Gras“, sagt sein Besitzer Olaf, ein Punker. Maja Firlé schaut Mister Wilson in die Ohren und tastet sein Fell ab. Dann gibt sie Olaf ein Reinigungsmittel und Tabletten mit. Man kennt sich, man duzt sich. Die Vierundvierzigjährige ist hier nicht „Frau Doktor Firlé“, sondern nur „die Maja“. Woher Mister Wilson die beiden kahlrasierten Stellen neben den Ohren habe, will die Ärztin noch von Olaf wissen. Ein Versehen, sagt der, beim Entfernen der Zecken habe er auf der einen Seite etwas zu viel Fell wegrasiert. Daraufhin habe er die andere Seite auch rasiert. „So ist es wenigstens einheitlich. Sollst ja gut aussehen“, sagt er zu seinem Begleiter und krault ihn hinter den Ohren.

          “Vielen Dank an euch alle!“, ruft Olaf zum Abschied in die Runde und winkt Firlé und ihren Helfern zu. Die winken zurück. „Die Punker sind mir die liebsten“, sagt die Ärztin. Über gelegentliche Alkoholfahnen sieht sie geflissentlich hinweg. Was für sie zählt, ist etwas anderes: „Sie haben ihre Tiere am besten im Griff.“ Die Punker waren es auch, die Maja Firlé einst auf die Idee brachten, eine solche Sprechstunde anzubieten. Während eines Stadtrundgangs sprach die zierliche Frau mit den dunklen Haaren eine Gruppe an, die in der Fußgängerzone campierte, fragte, wann die Tiere zuletzt bei einem Arzt waren. Sie konnte sich die Antwort schon denken: „gar nicht“.

          Ärger mit der Tierärztekammer

          Zunächst kümmerte sich die Ärztin zwei Jahre kostenlos um die Tiere, nahm Impfungen vor, behandelte Ausschläge. Doch dann bekam Firlé Ärger mit der Tierärztekammer. Kollegen hatten sie dort angeschwärzt, die Berufsordnung verbiete es, kostenlos zu behandeln. „Damals hatte ich viele schlaflose Nächte und Angst, meine Zulassung zu verlieren“, erzählt Firlé. Aufhören wollte sie dennoch nicht. Also gründete sie einen Verein. Seit 2008 gibt es die „Soziale Tier-Not-Hilfe Frankfurt e.V.“. Seitdem stellt Firlé die Kosten für die Behandlungen in der B-Ebene dem Verein in Rechnung, der diese aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen begleicht.

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