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Serie „Anders arbeiten“ : Kreativ auf Bestellung

Das deutet auf eine wenig beachtete Folge der Digitalisierung: Viele fürchten, dass sie auf Dauer Millionen von Jobs kosten könnte, selbst der Bitkom-Chef Achim Berg warnte jüngst davor, dass 3,4 Millionen Stellen wegfallen könnten. Unüberschaubar aber ist auch die Zahl der neuen Tätigkeiten – darunter ganz große und eben auch sehr kleine.

Einige Konzerne sind ganz verrückt nach der neuen Projektwelt

Konzerne wie BMW, Volkswagen oder auch die Deutsche Bank sind jedenfalls ganz verrückt nach dieser neuen Projektwelt. Nicht so sehr, weil sie sich davon enorme Kosteneinsparungen erhoffen, sondern weil sie sich die Hilfe jener hippen neuen Arbeiterschaft sichern, die kreativ ist und sich gerade deshalb nicht gerne in ihre Arbeit reinreden lässt. Querdenker mögen die Unternehmen gerne – solange sie nicht die Belegschaft durcheinanderbringen. Dafür mieten sich viele Unternehmen eigens in Co-working Spaces wie Wework ein. Am Potsdamer Platz in Berlin, am Goetheplatz in Frankfurt oder am Gänsemarkt in Hamburg kann man dieser Klientel nahe sein, ohne sie zu verschrecken. Unangenehmer Nebeneffekt: Die eigenen Mitarbeiter werden dann schon mal zum ausführenden Organ degradiert, die Kreativität von außen eingekauft.

Als besonderes Beispiel dieser neuen Schwarmintelligenz gilt die Zusammenarbeit des Luftfahrt- und Rüstungskonzerns Airbus, der 2016 mit dem Startup Local Motors einen „co-creation challenge“ auslobte, um die kommerzielle Drohne der Zukunft zu entwickeln. Insgesamt 117 000 Dollar winkten als Preisgeld, eine Jury grub sich durch 425 Vorschläge. Am Ende war nur eine kleine Gruppe erfolgreich, die abgelehnten Vorschläge gingen naturgemäß leer aus, aber auch dieses Modell kennt man bestens aus der vordigitalen Zeit. So haben sich Architekten schon immer von Ausschreibung zu Ausschreibung gehangelt.

Mehr als 30 Plattformen haben ihren Sitz in Deutschland, acht von ihnen tragen inzwischen eine Art „Fair-Work“Gütesiegel der IG Metall, weil sie einen gemeinsamen Code of Conduct unterschrieben haben. Die Gewerkschaft hat schon früh begriffen, dass sich mit Fundamentalopposition keine technische Entwicklung aufhalten lässt. Seitdem versucht sie nach Kräften, das Beste für die Schwarmarbeiter herauszuholen. Schließlich lassen sich auch viele potentielle Mitglieder locken, für die man selbst als klassische Arbeitnehmerorganisation noch etwas verändern kann: Indem man auf Qualität und Zuverlässigkeit pocht und auf einen anständigen Lohn. Dass dies nötig ist, sehen auch die Anbieter selbst. Was bringen unzählige Aufträge auf einer Plattform, die keiner übernehmen möchte? Das kennen die Bauern schon aus dem analogen Zeitalter: Für das Spargelstechen im Frühjahr steht bei ihnen auch niemand mehr Schlange.

Probleme gibt es trotzdem immer wieder. Mal wird zu wenig gezahlt, dann sind die Aufgaben so missverständlich beschrieben, dass der Auftragnehmer schon fast zwangsläufig nicht das liefert, was das Unternehmen wünscht. Auch dafür gibt es inzwischen eine Lösung: Gemeinsam mit den acht Plattformenbetreibern hat die IG Metall im November eine Ombudsstelle ins Leben gerufen, die bei streitigen Fällen entscheidet.

Bleibt das Problem der sozialen Absicherung. Das treibt Freiberufler seit jeher um, nicht umsonst wurden Künstlersozialkasse und berufsständische Versorgungswerke geschaffen, die für ihre Mitglieder vorsorgen. Mit der wachsenden Zahl der Freischaffenden wird allerdings auch das Problem größer – besonders für diejenigen, die nicht zu den hochbezahlten IT-Spezialisten gehören, die sich ihre Dienste teuer abkaufen lassen.

Die IG Metall hat deshalb schon mal einen Forderungskatalog nach Berlin geschickt: Sie will, dass die Mindestbeiträge in der Krankenversicherung von derzeit rund 400 Euro im Monat abgesenkt werden, viele Selbständige verdienten gar nicht genug, um sie sich leisten zu können, moniert die Gewerkschaft. Außerdem sollten die Selbständigen in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden, das allerdings gefällt nicht jedem. Angesichts der düsteren Rentenprognosen dürfte so mancher lieber privat vorsorgen. Auf beides haben sich Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag auch geeinigt. Nur umgesetzt werden muss es noch.

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