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Selbstreflexion im Beruf : Auf der Suche nach dem Sinn

Weiter arbeiten oder alles hinschmeißen? Das ist hier die Frage. Bild: picture alliance / WILDLIFE

In der Coronakrise hinterfragen viele sich selbst – auch beruflich. Schon ist von der „Great Resignation“ die Rede, dem großen Hinschmeißen. Wann es wirklich ernst wird und wie sich das herausfinden lässt.

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          Wenn dich das alles so nervt, warum suchst du dir keine andere Stelle?“ Endlich platzte einem der beiden jungen Männer der Kragen, als der andere seinem Kumpel wieder mal sein Herz ausschüttete: über die ungeliebte Arbeit im Versicherungskonzern und darüber, dass sein Lebensthema, sich für nachhaltige Energien einzusetzen, auf der Strecke blieb. „Warum wechselst du nicht den Job?“ Die aggressiv vorgetragene Frage gab dem Betriebswirt den Anstoß, sich beruflich neu zu orientieren. Heute ist er Hochschullehrer und überzeugt: „Unbequeme Fragen sind die halben Antworten.“

          Nadine Bös
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Stellt sie kein wohlmeinender Freund oder weitsichtiger Kollege, dann stellt sie derzeit das Leben in der Pandemie. Denn die vergangenen zwei Jahre Corona sind eine Art Brandbeschleuniger für Sinnsuchende geworden. Die Berufsroutine ist weg: Homeoffice hier, Hybridmeeting dort, Impf-Fragen spalten Belegschaften, ganze Branchen quält der Stillstand, andere ersticken in Arbeitsbergen. Durch all das schwelen Existenzfragen – körperliche, denn schließlich ist es eine potentiell lebensbedrohliche Pandemie. Aber auch wirtschaftliche.

          Wenn sich so viel ändert, dann trauen sich Menschen eher, auch selbst an weiteren Stellschrauben zu drehen. Durchs Internet geistert in diesem Zusammenhang der Begriff „Great Resignation“, also in etwa „große Kündigung“. Das Phänomen bezeichnet einen ökonomischen Trend, der vor allem in Amerika infolge von Corona aufgetreten ist. Deutlich mehr Menschen als sonst kündigen dort seit Mitte 2021 ihre Stellen freiwillig. Ein Überschwappen dieser Welle nach Deutschland konnten Arbeitsmarktforscher bislang allerdings nicht feststellen, womöglich wegen der stärkeren Hire-and-Fire-Mentalität jenseits des Atlantiks.

          Während dort viele Menschen die geringe Unterstützung beklagen, die ihnen während der Krise zuteilwurde, steht der deutsche Arbeitsmarkt trotz Omikron-Welle robust da. Just in dieser Woche meldete die Arbeitsagentur, dass er beinahe zurück ist auf Vorkrisenniveau: Gab es im Januar 2020 hierzulande 2,425 Millionen Arbeitslose, waren es im Januar 2022 annähernd gleich viel: 2,462 Millionen. Auch Hinweise auf eine höhere Fluktuation und mehr Eigenkündigungen gibt es nicht.

          Gedanklich spielen viele mit einem Wechsel

          Allerdings gibt es diverse Umfragen, die darauf hindeuten, dass auch in Deutschland mehr Menschen als früher gedanklich mit einem Jobwechsel liebäugeln. Eine repräsentative Umfrage des Beratungsunternehmens EY unter mehr als 1550 Arbeitnehmern kam etwa zum Jahreswechsel zu dem Ergebnis, dass 48 Prozent, also fast die Hälfte, eine Bereitschaft signalisierten, den Arbeitgeber zu wechseln; der höchste Wert seit 2015. Allerdings gaben die allermeisten an, dass sie noch keine konkreten Schritte in die Wege geleitet hätten. Auch eine Forsa-Umfrage, die das Karrierenetzwerk Xing Anfang 2022 in Auftrag gegeben hat, bescheinigt den Deutschen einen Anstieg der Wechselwilligkeit um 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Befragt wurden dafür rund 1000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

          Doch wie lässt sich für jeden Einzelnen herausfinden, ob der Leidensdruck in der alten Position wirklich groß genug ist für einen Wechsel? Die richtigen Fragen stellen, auch die unangenehmen, die aus der Komfortzone treiben, ist eine klassische Methode im Coaching. Statt dem Klienten zu erklären, was er wie in seiner Unzufriedenheit zu ändern hat, soll ihn intelligentes Nachfragen dazu befähigen, selbst passgenaue Lösungen zu finden. Oft folgt dann die Erkenntnis, was man selbst dazu beitragen kann, eine Situation zu verändern. Denn natürlich ist an dem platten Spruch etwas dran, Ratschläge seien eben auch Schläge. Das unterscheidet Coaching von Beratung. Geschickt Fragen formulieren, die dem anderen helfen, das ist ebenso der non-direktive Grundsatz der humanistischen Psychologie und des systemischen Denkens. Diese Methode nennt sich aktives Zuhören.

          „Dumme Fragen gebe es nicht, so heißt es. Aber es gibt ungeschickte Fragen, die den Weg zur Antwort verbauen, anstatt ihn zu ebnen“, sagt die psychologische Psychotherapeutin Carmen Kindl-Beilfuß aus Magdeburg. Sie hat über systemische Fragetechniken ein Werkstattbuch geschrieben. „Denn wer richtig fragt, schafft Bewegung. Gut gestellte Fragen können Ressourcen erschließen, Blockaden auflösen und Prozesse anregen.“Der Befragte kommt schneller zum Punkt und erlaubt sich, größer zu denken.

          Die richtigen Fragen stellen

          Was aber ist eine gute Frage? „Das ist eine, die wirklich zum Reflektieren einlädt, gedankliche Routinen und Automatismen unterbricht, den Autopiloten ausschaltet und freies Denken ermöglicht“, sagt die Gießener Arbeitspsychologieprofessorin Ute-Christine Klehe. Menschen sei im Alltagstrott oft nicht bewusst, wo ihre Ressourcen lägen. „Eine gute Frage leitet an, sich selbst zu coachen. ,Lehr mich das Angeln‘ statt: ,Gib mir einen Fisch.‘ Indem man Fragen beackert, lernt man ein bisschen zu fischen und gewinnt so mehr Selbstwirksamkeit.“ Beim Coaching geht es viel ums Verbalisieren. „Wo drückt der Schuh eigentlich genau?“, sagt Klehe.

          Dass das Leben endlich ist, verdrängen die meisten. Nicht aber die australische Palliativschwester Bronnie Ware mit ihrem Buch: „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen. Einsichten, die Ihr Leben verändern werden.“ Das Buch stand vor mehr als zehn Jahren auf den Bestsellerlisten, die fünf Hauptthesen daraus sind aber zeitlos: „Versäumnis Nummer 1: Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten. Versäumnis Nummer 2: Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet. Das ist etwas, was durchweg alle dem Tod geweihten Männer bekannt haben, berichtet die Autorin. Versäumnis Nummer 3: Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Versäumnis Nummer 4: Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten. Versäumnis Nummer 5: Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude gegönnt.“

          Um den komplexen Prozess der Selbstklärung anzustoßen, hilft es, Glaubenssätze zu hinterfragen: Die Letztgeborene kann nicht die Unternehmensnachfolge antreten, Führungspositionen in Teilzeit sind unmöglich – solche Vorstellungen sind allen „New-Work“-Trends zum Trotz noch mancherorts verbreitet. Oder ganz pauschal: „Das macht man nicht!“ Aber wer genau ist „man“? Und wer will schon gern „man“ sein? Dann doch lieber ein Mensch, der seinen eigenen Wünschen folgt und nicht die Familientradition weiterführt und Wirtschaftsprüfer wird, sondern sein Glück als Dachdecker findet.

          Wie „einfache Fragen“ Erkenntnisse bringen und Konflikte entwirren, das haben sich die Psychologen Christoph Thomann und Friedemann Schulz von Thun näher angeschaut. Sie empfehlen, ihre Methode sparsam einzusetzen, damit sich der andere nicht wie in einer Verhörsituation fühlt. Wie beim journalistischen Interviewtraining sollen offene Fragen formuliert werden, also solche, die sich nicht mit Ja oder Nein beantworten lassen. Außerdem raten die Fachleute, Fragen zu vermeiden, durch die der Fragesteller seine eigenen Vermutungen überprüfen möchte. Zum Beispiel: Als Sie damals aus dem Vorstellungsgespräch gegangen sind, was machte Sie so sicher, dass diese Stelle für Sie nicht die richtige war? Die Wissenschaftler nennen einige Beispiele für gute Fragen: Was geht jetzt in Ihnen vor? Was hat das für Hintergründe, wenn Sie so klar sagen: Nein, das will ich nicht? Was möchten Sie jetzt?

          Andere Perspektiven einnehmen

          Aufschlussreich ist, wie Menschen Situationen bewerten, denn das ist sehr unterschiedlich. Zum Beispiel, wenn der Kollege auf dem Flur nur knapp grüßt. „Da geht bei uns im Kopf sofort die Interpretation der Situation los“, sagt Professorin Klehe. „Etwa: ,Der ist anscheinend sauer auf mich, der hält mich für doof.‘ Je nachdem, welche eigene Theorie man im Hintergrund verfolgt, reagiert man unterschiedlich. Eine gute Coachingfrage stellt unsere Interpretation infrage. Es geht also nicht um wahr oder falsch, sondern oft um Wie-Fragen: Wie könnte man noch über die Situation denken? Vielleicht hat mein Kollege schlecht geschlafen, vielleicht hat er gerade ein schwieriges Gespräch gehabt, es können ganz banale, aber auch kritische Sachen sein.“

          Nicht immer kommt jeder für sich auf ausreichend gute Fragen, um seine individuelle berufliche Situation analysieren zu können. Schon gar nicht im stillen Corona-Homeoffice-Kämmerlein. Als Anregung haben wir deshalb fünf Berufs-Coaches darum gebeten, uns Fragen zu schicken, die sie im Gespräch mit ihren Klienten gern einsetzen. Entstanden ist ein kleiner Fragebogen, den wir hier publizieren – zur ganz persönlichen Selbstreflexion.

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