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Selbstdarstellung an der Uni : Ach so, Sie sind Professorin ...

  • -Aktualisiert am

Professorin vor Studierenden Bild: Picture-Alliance

Dann beweisen Sie bitte die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Eine Tagung über den Auftritt in der Wissenschaft zeigte, dass man dem Performance-Zwang nirgends entkommt. Die zentrale Crux aber ist eine andere.

          4 Min.

          Wissenschaftliche Evidenz entsteht nicht durch Argumente allein, sondern wird performativ hergestellt. Das widerspricht der Fiktion eines rationalen Diskurses, der von seinen Akteuren abstrahiert. Aber wieso sollte sich die Universität von anderen sozialen Feldern unterscheiden? Auch hier befolgen die Akteure komplexe Verhaltensnormen und ungeschriebene Codes, wenn sie stillschweigend über ihren Status verhandeln.

          Seit einigen Jahren erforscht der Historiker Thomas Etzemüller von der Universität Oldenburg den Habitus von Wissenschaftlern. Schon seine Dissertation widmete er den „Netzwerken“ des Sozialhistorikers Werner Conze. Mit dem Oldenburger Graduiertenkolleg Selbst-Bildungen und der Fritz Thyssen Stiftung lud Etzemüller jetzt nach Köln zu einer Tagung über den „Auftritt“ in der Wissenschaft ein. Wie bei der Anti-Akademismus-Debatte im März vergangenen Jahres im Berliner Haus der Kulturen der Welt zeigte sich das selbstreflexive Leiden der Gelehrten an einer Universität, deren Verfassung alles andere als ideal ist. Im Zentrum stand die Frage nach den nicht-fachlichen, oft tabuisierten Rahmenbedingungen wissenschaftlicher Karrieren.

          Charismatische Meisterdenker der Gegenkultur

          Mehr Selbstreferenz ist kaum denkbar: Zwangsläufig illustrierten die Vortragenden, wovon sie sprachen. Jede noch so nüchterne Reflexion auf die Mechanismen des self-fashioning mündet in Grundsatzfragen: Soll das Erkannte zurückwirken auf die Gestaltung von Forschung und Lehre? Lassen sich aus den untersuchten Fallbeispielen Rezepte gewinnen für die eigene, womöglich noch unvollendete Laufbahn?

          In historischer Hinsicht regt das Thema zum Schmunzeln an. Denn die zeitliche Distanz macht nonverbale Codes sichtbar, die, von heute aus betrachtet, unfreiwillig komisch wirken. Herbert Nikitsch (Wien) präsentierte frühe Vertreter des Faches Volkskunde in Österreich, die in Tracht über Trachten forschten. Das mimetische Verhältnis gegenüber dem Gegenstand erklärt sich nur teilweise aus der inhärenten Nostalgie der Disziplin. Auch andere Fächer haben ihre Kleiderordnungen und kennen die habituelle Angleichung an das erforschte Milieu. In der Volkskunde folgte auf den Lodenjanker die Latzhose, als sich der Fokus vom Bauern zum Arbeiter verschob.

          Julian Hamann (Hannover) wertete einen umfangreichen Aktenbestand zu Bewerbungsverfahren von 1955 bis 1985 aus. In der Werteordnung der Ordinarienuniversität waren Selbstdarstellung und offener Karrierismus als wissenschaftsfremd verpönt. Unauffällig mussten sich die Kandidaten ins Spiel bringen. Von Frauen war allenfalls als künftigen Professorengattinnen die Rede, die für die moralische Integrität des Bewerbers bürgten. Diskriminierung, auch im Modus des Bemühens um Chancenausgleich, kennen die alten Akten nicht.

          Der heilige Ernst, den Historiker und Germanisten der frühen Nachkriegszeit als Vertreter ihrer Institution an den Tag legten, hatte sich mit Beginn der Studentenbewegung überholt. Vor allem an den Reformuniversitäten erschien ein neuer, dezidiert unprofessoraler Professorentypus, wie Thomas Alkemeyer (Oldenburg) ausführte. Dabei interessierte ihn vor allem dessen extremste Ausprägung, der charismatische Meisterdenker der Gegenkultur. Um Figuren wie Klaus Heinrich, Friedrich Kittler oder Klaus Theweleit scharte sich eine treue Schülerschaft, die antiakademische Sozialformen mit radikaler Intellektualität verbindet.

          Die Bewältigung der Kinderfrage

          Alkemeyer betonte die Ambivalenz dieser nur für die Eingeweihten emanzipatorisch wirksamen Strukturen. Zwar immunisierten sie gegen den Betrieb, doch um den Preis der elitären Herablassung gegenüber allen Außenstehenden. Was als Alternative zum Wertsystem der bürgerlichen Eliten entstand, taugt nicht als Modell für die Massenuniversität. Es ist kein Zufall, dass dieses Milieu nach wie vor scharfe Kritik an der verwalteten Wissenschaft vom verschulten Bologna-Prozess bis zur digitalen Gleichschaltung des Publikationswesens übt; eine Kritik, die so berechtigt wie rückwärtsgewandt ist.

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